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Nennt die Tagesschau Deutsche jetzt 'Nicht-Migranten'?

In rechten Medien und bei einem AfD-Abgeordneten kursiert die Behauptung, die Tagesschau habe Deutsche zu 'Nicht-Migranten' erklärt und schaffe so das 'eigene Volk' sprachlich ab. Grundlage ist ein einzelner Satz aus einem Beitrag zum Grundgesetz-Jubiläum.

Irreführend
Inhalt

Die Behauptung

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Dario Seifert schreibt am 26. Mai 2026 auf Facebook: "In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt offenbar 'Nicht-Migranten'." Ausgerechnet zum 77. Jahrestag des Grundgesetzes werde so deutlich, "wohin die Reise im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht: Das eigene Volk wird nicht mehr selbstverständlich benannt, sondern nur noch als Gegenbegriff zur Migration beschrieben." (Original-Post)

Seifert ist nicht der Ausgangspunkt. Die Empörung wurde zuerst vom Portal Nius gestreut und anschließend von Tichys Einblick, Exxpress, Freie Welt, Report24 und Apollo News übernommen, meist mit der Zuspitzung, die Tagesschau "schaffe die Deutschen sprachlich ab".

Was die Tagesschau wirklich gesagt hat

Hintergrund ist ein Tagesschau-Beitrag zum ersten bundesweiten "Mitmachtag", den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 77. Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai 2026 ausgerufen hatte. Der Beitrag zeigte unter anderem ein ehrenamtliches Austauschprojekt in Potsdam, bei dem Freiwillige Deutschkurse anbieten. Dazu sagte die Sprecherin den Satz, an dem sich alles entzündet:

"Mitmachtag in Potsdam, das heißt: Migranten und Nicht-Migranten sind im Austausch."

Dieser Wortlaut ist unstrittig, auch die kritisierenden Portale zitieren ihn identisch. Es geht also nicht um eine Erfindung, sondern um die Frage, was aus diesem einen Satz gemacht wird.

"Nicht-Migranten" ist ein etablierter Begriff, keine Umbenennung

"Nicht-Migranten" ist eine geläufige Kurzform für "Menschen ohne Migrationshintergrund", eine seit 2005 im Mikrozensus genutzte statistische Kategorie. Einen Migrationshintergrund hat laut Statistischem Bundesamt, wer selbst oder über ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt. "Ohne Migrationshintergrund" ist die dazugehörige Referenzgruppe.

Wichtig ist: "Migranten" und "Deutsche" sind keine Gegensätze. Ein großer Teil der Menschen mit Migrationshintergrund besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft; umgekehrt sind "Nicht-Migranten" nicht identisch mit "den Deutschen", sondern mit Menschen ohne eigene oder elterliche Zuwanderungsgeschichte. Wenn ein Beitrag genau den Austausch zwischen diesen beiden Gruppen beschreibt, ist "Migranten und Nicht-Migranten" die sachlich passende Formulierung, nicht eine Abschaffung des Wortes "Deutsche". Das Wort "Deutsche" wäre an dieser Stelle sogar unpräzise, weil viele der Teilnehmenden mit Migrationsgeschichte ebenfalls Deutsche sind.

Aus einem Satz wird eine "sprachliche Abschaffung"

Die Behauptung funktioniert über Verallgemeinerung. Aus einem einzelnen, kontextgebundenen Satz in einem Beitrag über ein Begegnungsprojekt wird die generelle Aussage, in der Tagesschau "heißen Deutsche jetzt Nicht-Migranten". Belegt ist diese angebliche neue Regel nirgends: Es gibt keinen zweiten Beleg, keine Anweisung, keine Häufung. Die Tagesschau verwendet das Wort "Deutsche" weiterhin völlig selbstverständlich.

Bemerkenswert ist, dass selbst unter Seiferts eigenem Post mehrere Nutzer der Deutung widersprechen: Da werde "ein Skandal herbeigeredet, der keiner ist", schreibt einer; ein anderer fragt, warum man "so einen Blödsinn" schreibe, "ohne sich vorher schlau zu machen". Die Empörung ist also nicht einmal im eigenen Publikum unumstritten.

Was an der Kritik dran ist

Man kann über den Begriff "Nicht-Migranten" streiten. Fachleute kritisieren das ganze Konstrukt "Migrationshintergrund" seit Jahren als zu komplex und schlagen vor, konkretere Begriffe zu verwenden. Dass eine Negativ-Definition ("Nicht-…") sprachlich unschön ist, ist ein legitimer Einwand. Das ist aber eine Stildebatte über eine etablierte statistische Kategorie, nicht der Beleg für eine planvolle Umerziehung oder die "sprachliche Abschaffung" einer Bevölkerungsgruppe.

Fazit

Der Satz "Migranten und Nicht-Migranten sind im Austausch" ist tatsächlich gefallen, deshalb ist die Behauptung nicht frei erfunden. Irreführend ist, was daraus gemacht wird: Eine einzelne, im Kontext sinnvolle Formulierung wird zu einer angeblichen systematischen Politik aufgeblasen, nach der die Tagesschau "Deutsche" durch "Nicht-Migranten" ersetze und das "eigene Volk" abschaffe. Dafür gibt es keinen Beleg. Urteil: irreführend.