Was wird behauptet?
Ein AfD-Sharepic zeigt den Eingang der Bundesagentur für Arbeit und darüber die Schlagzeile: "SPD-Regierung rollt roten Teppich aus: Millionen Migranten sollen jährlich kommen!" Der Begleittext behauptet, die Bundesagentur für Arbeit unter "Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles" fordere "Masseneinwanderung im großen Stil". Vorstandsmitglied Vanessa Ahuja verlange für 2025 eine Zuwanderung von 1,7 Millionen Menschen und eine neue "Willkommenskultur". Als Beleg für angebliche Absicht dient ein Verweis auf arabische Bürgergeld-Merkblätter.

Die Zahlen sind nicht frei erfunden. Sie stammen aus einem Interview, das die Aussage aber ganz anders meint, als das Sharepic sie darstellt.
Faktencheck
Woher die Zahl wirklich kommt
Die Vorlage ist ein Interview von Vanessa Ahuja, Vorständin der Bundesagentur für Arbeit, mit der "Welt am Sonntag" vom 9. August 2025. Darin geht es um den Arbeitskräftemangel, der durch den Renteneintritt der Babyboomer-Generation entsteht. Ahuja nennt qualifizierte Zuwanderung ausdrücklich nur als einen von mehreren Hebeln, neben der Aktivierung älterer Beschäftigter, von Frauen in Teilzeit und Langzeitarbeitslosen sowie Produktivitätsfortschritten: "Nur mit einer Kombination aus qualifizierter Zuwanderung, Aktivierung vorhandener Arbeitskräfte und Produktivitätsfortschritten können wir das Problem lösen."
Brutto ist nicht netto
Der entscheidende Trick steckt in der Zahl 1,7 Millionen. Ahuja sagt im Interview:
Zitat: « Wenn, wie im Jahr 2024, 1,3 Millionen Menschen Deutschland verlassen, brauchen wir 1,7 Millionen, die zuwandern. » (Vanessa Ahuja)- Brutto-Zuwanderung ist die Zahl aller Zuzüge in einem Jahr.
- Netto-Zuwanderung ist der Saldo: Zuzüge minus Fortzüge.
Weil 2024 rund 1,3 Millionen Menschen Deutschland verließen, bleiben aus 1,7 Millionen Zuzügen rechnerisch nur etwa 400.000 netto übrig (1,7 Mio. − 1,3 Mio.). Das Sharepic präsentiert die Brutto-Zahl ohne die Gegenrechnung der Fortzüge und ohne den Netto-Bezug. So wirkt es, als solle die Bevölkerung jedes Jahr um 1,7 Millionen wachsen. Das ist sachlich falsch.
Die Netto-Größe ist keine Erfindung Ahujas, sondern etablierte Forschung: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hält fest, dass erst bei jährlichen Nettozuzügen von rund 400.000 Personen das Erwerbspersonenpotenzial langfristig konstant bleibt. Ohne Zuwanderung sinkt das Arbeitskräfteangebot demografisch um etwa 7,2 Millionen bis 2035 und rund 16 Millionen bis 2060.
Die Bundesagentur ist keine SPD-Behörde
Das Sharepic nennt die Bundesagentur "die Bundesagentur für Arbeit der gescheiterten Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles" und unterstellt eine parteipolitische Steuerung. Das trifft nicht zu. Die Bundesagentur ist eine selbstverwaltete Körperschaft des öffentlichen Rechts. Ihr Verwaltungsrat ist drittelparitätisch mit Vertreterinnen und Vertretern der Arbeitnehmer, der Arbeitgeber und der öffentlichen Hand besetzt. Das Bundesarbeitsministerium übt die Rechtsaufsicht aus, gibt aber keine fachlichen Weisungen im Tagesgeschäft.
Andrea Nahles leitet die Behörde seit dem 1. August 2022 als Vorstandsvorsitzende. Aus der aktiven Parteipolitik hatte sie sich bereits 2019 nach ihrem Rücktritt als SPD-Vorsitzende zurückgezogen. Sie führt die Bundesagentur als überparteiliche Behördenchefin, nicht als SPD-Funktionärin.
Es gibt gar keine "SPD-Regierung"
Der Kern der Schlagzeile, die "SPD-Regierung", ist schlicht falsch. Nach der Bundestagswahl im Februar 2025 wird Deutschland von einer Koalition aus CDU, CSU und SPD regiert. Bundeskanzler ist seit dem 6. Mai 2025 Friedrich Merz (CDU). Die SPD ist Juniorpartner in einer unionsgeführten Regierung, nicht die regierende Kraft.
Die arabischen Merkblätter
Das Sharepic verweist auf Bürgergeld-Merkblätter auf Arabisch als angeblichen Beleg für eine gezielte Anwerbung. Tatsächlich handelt es sich um die Kurzinformation zum Bürgergeld, die in neun Sprachen bereitgestellt wurde, darunter Arabisch, Englisch, Türkisch und Ukrainisch. Sie richtet sich an Menschen mit geringen Deutschkenntnissen, die bereits in Deutschland leben, und erklärt Rechte und Pflichten. Es ist Informationsmaterial, keine Anwerbung im Ausland und keine "Aufforderung", Leistungen zu beantragen. Die Bundesagentur stellt die Information ab Januar 2026 ohnehin auf Deutsch und Leichte Sprache um.
Was Ahuja zur "Willkommenskultur" wirklich sagte
Auch dieser Punkt ist aus dem Zusammenhang gerissen. Ahuja sprach davon, ausländische Studierende stärker im Land zu halten und in den Betrieben eine "Willkommenskultur" zu schaffen. Als Gründe, warum internationale Fachkräfte Deutschland wieder verlassen, nannte sie hohe Steuern, Bürokratie und Rassismus. Es ging also um das Halten bereits hier lebender, qualifizierter Menschen, nicht um einen Aufruf zur ungesteuerten Einwanderung.
Einordnung
Das Sharepic ist ein Lehrstück dafür, wie aus realen Zahlen Desinformation wird. Keine der genannten Größen ist frei erfunden, aber jede wird aus ihrem Zusammenhang gelöst: Die Brutto-Zahl 1,7 Millionen erscheint ohne die Gegenrechnung der Fortzüge, eine fachliche Beschreibung des Arbeitskräftebedarfs wird zur politischen "Forderung", eine selbstverwaltete Behörde wird zur SPD-Filiale, und eine CDU-geführte Regierung wird zur "SPD-Regierung". Diese Kombination aus richtigen Einzelteilen und falschem Rahmen ist wirkungsvoller als eine glatte Lüge, weil sich jede Zahl scheinbar belegen lässt.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Die Bundesagentur fordert keine Masseneinwanderung, sondern beschreibt den demografischen Fachkräftebedarf. Die 1,7 Millionen sind eine Brutto-Rechengröße, von der netto rund 400.000 übrig bleiben. Die Bundesagentur ist keine SPD-Behörde, und eine "SPD-Regierung" gibt es nicht. Das Sharepic verdreht eine sachliche Rechnung in ein Schreckbild.