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Stand: 15.04.2026

Hat die AfD "schon immer" vor islamistischer Gewalt gegen Minderheiten gewarnt?

Wie eine echte BDK-Warnung zur AfD-Propaganda wird

Irreführend
Inhalt

Was ist passiert?

Im Juli 2025 warnte der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK): In Deutschland lebende Islamisten rufen offen zur Gewalt gegen syrische Minderheiten auf — Drusen, Alawiten und Kurden, die vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflüchtet sind. Der BDK-Vorsitzende Dirk Peglow äußerte konkrete Sorge, dass islamistische Aufrufe Einzelpersonen zu schweren Straftaten motivieren könnten. Hintergrund waren die Massaker an Drusen in der syrischen Provinz as-Suwayda ab Mitte Juli 2025.

Die Warnung ist real. Aber kaum war sie veröffentlicht, wurde sie vereinnahmt.

AfD-Politiker Martin Hess nutzte die Warnung umgehend, um sie als Bestätigung langjähriger AfD-Positionen zu rahmen. Auf Quora kursieren dazu schnell Beiträge wie dieser exemplarische Post, der behauptet, die AfD habe "seit Jahren" genau vor dieser Entwicklung gewarnt — und von "importiertem Bürgerkrieg" und "systematischem Staatsversagen" der anderen Parteien spricht.

Stimmt das?

Faktencheck

Die BDK-Warnung ist real — aber sie meint etwas anderes

Die Warnung des BDK ist gut dokumentiert und durch konkrete Vorfälle belegt: Bei einer Kundgebung vor dem Berliner Roten Rathaus am 19. Juli 2025 versammelten sich 300 bis 400 Anhänger des neuen syrischen Machthabers und riefen laut Monitoring-Berichten Parolen gegen Drusen und Alawiten, darunter offene Gewaltaufrufe und antisemitische Parolen. Am 20. Juli kam es in Düsseldorf zu einer Massenschlägerei mit mehreren Hundert Beteiligten, bei der fünf Polizisten verletzt wurden.

Der BDK warnte also vor einer ganz spezifischen Bedrohungslage: Islamistische Syrer in Deutschland richten ihre Gewalt gegen andere Syrer — gegen Minderheiten, die selbst vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind.

Was hat die AfD tatsächlich "seit Jahren" gewarnt?

Die AfD hat seit Jahren vor islamistischem Terrorismus und Migration allgemein gewarnt. Ihr Fokus lag dabei stets auf dem Schutz der deutschen Mehrheitsgesellschaft vor Anschlägen und "importierter Kriminalität". Ein AfD-Papier vom 21. Juli 2025 spricht von "importiertem Terrorismus und Extremismus als größter Gefahr für die innere Sicherheit" — gemeint ist die Bedrohung durch Islamisten gegen die deutsche Gesellschaft, nicht die innergemeinschaftliche Gewalt islamistischer Syrer gegen Drusen oder Alawiten.

Das sind inhaltlich verschiedene Bedrohungsszenarien mit verschiedenen Täter- und Opfergruppen. Die AfD warnte allgemein vor "islamistischer Einwanderung als Gefahr für Deutschland". Der BDK warnte vor islamistischen Syrern als Bedrohung für syrische Minderheiten in Deutschland.

Die AfD hat die Opfer jahrelang zur Rückkehr gedrängt

Besonders aufschlussreich ist der Kontext der AfD-Syrienpolitik: Die Partei hat jahrelang das Assad-Regime unterstützt und syrische Geflüchtete pauschal zur Rückkehr nach Syrien gedrängt. AfD-Politiker reisten zu Assad, setzten sich für eine Normalisierung der Beziehungen ein — und forderten, dass Syrer "zurückgehen sollen".

Damit gemeint waren ausgerechnet auch jene Drusen und Alawiten, die heute in Deutschland bedroht werden und die unter Assad als Minderheiten zumindest geduldet waren, bis das Regime fiel. Die Behauptung, die AfD habe "schon immer" zum Schutz dieser Minderheiten gewarnt, steht zu ihrer eigenen Syrienpolitik in direktem Widerspruch.

Erst nach dem Sturz Assads und den Massakern an Drusen verurteilte die AfD-Fraktion diese Gewalt — was als nachträgliche Umorientierung zu werten ist, nicht als Bestätigung langjähriger Warnungen.

Im AfD-Narrativ gelten Syrer pauschal als Problem — die Opfergruppen spielen keine Rolle

Das entscheidende Muster des Quora-Posts und ähnlicher Rahmungen: Im AfD-Narrativ gelten syrische Geflüchtete insgesamt als Problem. Die Tatsache, dass gerade syrische Minderheiten — Drusen, Alawiten, Kurden — die Opfer der Gewalt sind, während islamistische Syrer die Täter sind, passt nicht in dieses Bild. Sie wird in solchen Posts konsequent nicht erwähnt.

Die BDK-Warnung differenziert sehr genau zwischen Tätern und Opfern. Die AfD-Propaganda nutzt sie, als hätte es diese Differenzierung nie gegeben.

Fazit

Die BDK-Warnung vor islamistischer Gewalt gegen syrische Minderheiten ist real und durch konkrete Vorfälle belegt. Die Behauptung, die AfD habe "seit Jahren" genau davor gewarnt, ist irreführend: Die AfD warnte vor Islamismus als Bedrohung der deutschen Gesellschaft — nicht vor der spezifischen Gewalt islamistischer Syrer gegen Drusen und Alawiten in Deutschland.

Die Umdeutung nutzt den Ernst der Lage, um eine falsche Kontinuität zu konstruieren. Zudem ignoriert sie, dass die AfD mit ihrer Pro-Assad-Politik jahrelang genau jene Minderheiten zur Rückkehr in ein Land drängte, in dem sie nun massakriert werden.