Was wird behauptet?
Die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum (Zahnärztin, Direktmandat im Wahlkreis Harz, gesundheitspolitische Sprecherin der AfD-Fraktion) hat am 28. April 2026 eine Pressemitteilung veröffentlicht. Anlass ist eine kleine Anfrage der AfD-Fraktion (BT-Drucksache 21/5215) vom 16. April 2026 zu quantitativen und qualitativen Schwellenwerten für das Auslösen von Risikowarnungen bei Impfungen. Die zugehörige Antwort der Bundesregierung war zum Zeitpunkt der AfD-Pressemitteilung noch nicht öffentlich auffindbar; Baum interpretiert die Antwort, ohne sie in der Pressemitteilung zu zitieren oder zu verlinken.
Baum leitet aus der Antwort drei Aussagen ab:
- Es habe "keine transparenten und klar messbaren Schwellenwerte" gegeben, "wann Sicherheitswarnungen oder regulatorische Maßnahmen ausgelöst werden mussten".
- Das System habe sich auf "langsame Standardverfahren" gestützt, während "die Massenimpfung unvermindert weiterlief".
- Es habe "höchste Transparenz, klare Grenzwerte und sofortige Reaktionen bei Warnsignalen" gefehlt.
Die Pressemitteilung präsentiert das als nachträgliche Bestätigung der AfD-Impfkritik. Baum nennt keine Studien, keine konkreten Schadenszahlen, keine epidemiologischen Daten.
Die Fakten
Es gab dokumentierte sofortige Reaktionen auf Warnsignale
Die zentrale Aussage "Massenimpfung lief unvermindert weiter" ist kontrafaktisch. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als zuständige Bundesoberbehörde hat während der COVID-Impfkampagne mehrfach öffentlich und schnell auf Risikosignale reagiert.
AstraZeneca/Vaxzevria, März 2021. Am 15. März 2021 empfahl das PEI nach intensiven Beratungen die vorübergehende Aussetzung der AstraZeneca-Impfung. Auslöser war "eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen zerebralen Thrombosen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca". Sieben Fälle bei rund 1,6 Millionen Impfungen lagen statistisch deutlich über dem Erwartungswert.
Risikobewertung am 8. April 2021. Das PEI dokumentierte den möglichen Zusammenhang zwischen Vaxzevria und sehr seltenen Blutgerinnseln und veröffentlichte Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) folgte mit einer entsprechenden Bewertung.
STIKO-Beschränkung, 1. April 2021. Die Ständige Impfkommission empfahl, Vaxzevria nur noch Personen ab 60 Jahren zu impfen. Das ist eine direkte regulatorische Konsequenz aus dem Risikosignal, keine "unveränderte Massenimpfung".
Myokarditis-Warnungen, 2021/2022. Für die mRNA-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und Moderna wurden Hinweise auf Myokarditis und Perikarditis insbesondere bei jüngeren Männern in den PEI-Sicherheitsberichten ausgewiesen, Anwendungsempfehlungen wurden angepasst.
Janssen-Impfstoff, 2021. Auch hier kam es zu Anpassungen der Empfehlungen wegen seltener Thromboseereignisse.
Es gab und gibt öffentliche Sicherheitsberichte
Das PEI veröffentlicht seit Beginn der COVID-Impfkampagne am 27. Dezember 2020 fortlaufend Sicherheitsberichte mit:
- Anzahl der Verdachtsfallmeldungen und Meldequoten pro 1.000 Impfungen
- aufgeschlüsselten Risikosignalen pro Impfstoff
- Bewertung neuer Signale durch das institutseigene Pharmakovigilanz-Team
- Verweisen auf europäische Bewertungen (PRAC der EMA)
Diese Berichte sind öffentlich, durchsuchbar und werden mit Stichtagen versehen veröffentlicht. Sie widersprechen Baums Befund "fehlender Transparenz" empirisch.
Wie Pharmakovigilanz tatsächlich funktioniert
Pharmakovigilanz funktioniert international (PEI, EMA, WHO/UMC) nicht über harte numerische Schwellenwerte, sondern über Signaldetektion: Ein Signal entsteht, wenn Verdachtsfälle in Häufigkeit, Schwere oder Muster vom Erwartungswert abweichen. Die Bewertung erfolgt qualitativ durch ein Expertengremium, das medizinische Fachliteratur, biologische Plausibilität, Einzelfallanalysen und epidemiologische Daten zusammenführt. Das ist Standard und wurde so etwa in den PEI-Stellungnahmen zur Pharmakovigilanz erläutert.
Wenn eine Antwort der Bundesregierung also angibt, es gebe keine fixen quantitativen Schwellenwerte, beschreibt sie diese reguläre Methodik. Sie "bestätigt" gerade nicht, dass die Sicherheitsüberwachung versagt hätte. Baum interpretiert das prozessuale Detail als Generalbeleg für die These, "die AfD habe von Anfang an recht gehabt".
Wahrer Kern: Pharmakovigilanz hat methodische Grenzen
Der einzige tragfähige Punkt aus Baums Pressemitteilung ist, dass passive Spontanmeldesysteme strukturelle Schwächen haben: Untermeldung, Kausalitätsbewertung im Einzelfall, Verzögerung zwischen Anwendung und Signaldetektion. Das ist seit Jahrzehnten in der Pharmakovigilanz-Forschung dokumentiert und betrifft alle Arzneimittel, nicht nur COVID-Impfstoffe. Die Konsequenz daraus war der parallele Aufbau aktiver Sicherheitsstudien (zum Beispiel SafeVac 2.0 des PEI), die in den Sicherheitsberichten ausgewiesen werden.
Wer ist Christina Baum?
Christina Baum ist Zahnärztin, AfD-Bundestagsabgeordnete (seit 2021 über Baden-Württemberg, seit 2025 mit Direktmandat im Wahlkreis Harz) und gehört zum völkisch-rechten Flügel ihrer Partei. Dokumentiert sind unter anderem:
- Dezember 2014 Teilnahme an einer Demonstration des Pegida-Ablegers "Wügida" in Würzburg (Mosbach gegen Rechts)
- Januar 2015 Vorwurf eines "schleichenden Genozids am deutschen Volk" durch die Migrationspolitik der Grünen, gefallen auf einem AfD-Landesparteitag in Karlsruhe (Stuttgarter Zeitung, Tagesspiegel)
- 2016 Verbleib in der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion an der Seite des Holocaustleugners Wolfgang Gedeon, während die Meuthen-Mehrheit die Fraktion zeitweise verließ (Tagesspiegel, Mosbach gegen Rechts)
- 10. Oktober 2020 Hauptrednerin beim Auftakt der "Querdenken-722-Bühl"-Demonstration; sie relativierte die Gefahr des Coronavirus und beklagte einen "Überwachungsstaat", den sie aus der DDR kenne (Badische Neueste Nachrichten, Kontext-Wochenzeitung)
- Januar 2023 Auftritt als Rednerin bei einer Querdenker-Demo in Heidelberg
Die jetzige Pressemitteilung ist die parlamentarische Fortsetzung dieser Linie: Eine kleine Anfrage zur Pharmakovigilanz-Methodik wird als Bestätigung der eigenen Vorgeschichte als Impfkritikerin inszeniert.
Das Muster
AfD-Pressemitteilungen rund um die COVID-Pandemie folgen einem wiederkehrenden Schema: Eine Kleine Anfrage wird gestellt, die Antwort wird selektiv interpretiert, und das Ergebnis wird als nachträgliche Vindikation der ursprünglichen Querdenker-Linie verkauft. Inhaltlich ähnlich verläuft die Argumentation bei Martin Sichert zu Pubertätsblockern (selektive Cass-Review-Rezeption als Beleg für angebliches BMG-Versagen) und bei Kerstin Przygoddas Geburtenrate-Pressemitteilung (Destatis-Zahlen als Beleg für eine "demografische Katastrophe").
Fazit
Baums Behauptung ist irreführend. Es gab während der COVID-Impfkampagne dokumentierte sofortige Reaktionen auf Risikosignale: AstraZeneca-Aussetzung im März 2021, STIKO-Altersbeschränkung im April 2021, Myokarditis-Warnungen für mRNA-Impfstoffe, fortlaufende öffentliche Sicherheitsberichte des Paul-Ehrlich-Instituts. Die Aussage "Massenimpfung lief unvermindert weiter" widerspricht dieser Aktenlage. Der wahre Kern liegt in der korrekten, aber unspektakulären Feststellung, dass internationale Pharmakovigilanz nicht über fixe numerische Schwellenwerte, sondern über qualitative Signaldetektion funktioniert. Diese Methodenfrage als Bestätigung einer impfkritischen Generalanklage zu inszenieren, ist die eigentliche Verschiebung.