Was ist passiert?
Am 1. Mai 2026, einem sonnigen Maifeiertag in fast ganz Europa, fiel der deutsche Day-Ahead-Strompreis an der EPEX Spot auf den technisch zulässigen Tiefstwert von minus 499,99 Euro pro Megawattstunde. Im Intraday-Handel ging der Preis kurzzeitig sogar auf minus 855 Euro pro Megawattstunde. Hintergrund: niedrige Industrielast wegen des Feiertags traf auf gleichzeitige Höchsteinspeisung der Photovoltaik in Deutschland und seinen Nachbarländern.
Innerhalb einer Woche nutzte die AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag dieses Ereignis für zwei Pressemitteilungen, die das Negativpreis-Phänomen zur Generaldiagnose "Energiewende gescheitert" verdichten.
Schmidt, 30. April 2026. Den Auftakt machte Paul Schmidt, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Kernkraft der AfD-Fraktion, mit der Pressemitteilung "Extrem negative Strompreise läuten neue Phase der deutschen Energiewende ein". Schmidts Kernargument: Deutschland habe 117 GW Photovoltaik und 78 GW Windkraft installiert, der maximale Stromverbrauch liege bei 85 GW. Es bestehe also "doppelte Überproduktion", Deutschland zahle dem Ausland Geld, damit es Strom abnehme, und alle anderen Bundestagsparteien planten weiteren Ausbau "trotz dieser Absurdität".
Bernhard, 5. Mai 2026. Marc Bernhard, baupolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion und Mitglied im Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Energie, schiebt mit der Pressemitteilung "Schluss mit Solarstromförderung" nach: Solarstrom aus sechs Millionen Photovoltaikanlagen habe Steuerzahler an einem einzigen Tag einen "Betrag im dreistelligen Millionenbereich" gekostet. Jede neue Solaranlage und jedes neue Windrad mache "unser Stromnetz instabiler und den Strom immer teurer". Bernhard fordert einen "Bau- und Förderstopp der sogenannten Erneuerbaren" und kritisiert Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche dafür, den Erneuerbaren-Ausbau lieber mit Speicher- und Netzkapazitäten kombinieren zu wollen, statt ihn zu beenden.
Auch von CDU-Seite gibt es ein Echo: Der CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Räuscher übernahm die "Welt"-Schlagzeile zum Solarrekord auf Facebook und zog daraus die Behauptung, die Energiewende sei gescheitert (Faktenfackel-Faktencheck: Räuscher: "Solarrekord am 1. Mai").
Faktencheck
Schmidts "doppelte Überproduktion" verwechselt Nennleistung mit Erzeugung
Schmidts Zahlen für die installierte Leistung sind nahe an der Realität: Fraunhofer ISE weist für Ende 2025 eine PV-Leistung von 116,8 GW aus, mit weiterem Zubau bis Ende Januar 2026 auf rund 119,5 GW. Die Windkraft lag Ende 2025 laut Bundesnetzagentur bei 68,1 GW Onshore plus 9,5 GW Offshore, also rund 77,6 GW gesamt. Schmidts 78 GW sind also weitgehend korrekt.
Sein Schluss "doppelte Überproduktion" funktioniert trotzdem nicht. Schmidt vergleicht installierte Nennleistung mit Spitzenlast und ignoriert, dass Solar- und Windkraft niemals gleichzeitig und niemals an ihrer Nennleistung produzieren. Typische Kapazitätsfaktoren liegen für Wind bei rund 20 bis 30 Prozent, für Solar im Jahresdurchschnitt unter 15 Prozent. Fraunhofer ISE verzeichnet für 2025 eine Jahreserzeugung von 132 TWh Wind und 87 TWh Solar, verteilt über 8.760 Stunden im Jahr, nicht als konstante 195-GW-Dauerspeisung. Die deutsche Höchstlast 2023 lag laut BNetzA-Monitoringbericht 2024 bei 73,7 GW, an normalen Wintertagen bei 65 bis 75 GW. Schmidts 85 GW sind eine theoretische Obergrenze, kein Realwert.
Negative Preise sind real, aber sie zahlen nicht die Steuerzahler
Bernhards Zahlen für den 1. Mai sind grundsätzlich korrekt: Der Day-Ahead-Preis lag tatsächlich bei minus 49,9 ct/kWh, das Ausland erhielt zeitweise rund 499 Euro pro Megawattstunde dafür, deutschen Strom abzunehmen. Falsch ist jedoch die Zurechnung: Die Mehrkosten gehen nicht primär an die Steuerzahler, sondern an die Einspeiser selbst. Anlagenbetreiber, die ihren Strom in einer Negativpreis-Stunde nicht abschalten, zahlen am Spotmarkt drauf, damit jemand ihren Strom überhaupt abnimmt.
Für alle Photovoltaikanlagen, die nach dem 25. Februar 2025 in Betrieb gegangen sind, entfällt nach dem Solarspitzengesetz (§ 51 EEG) die Einspeisevergütung schon ab der ersten Viertelstunde mit negativem Spotpreis. Diese Anlagen kosten den Bundeshaushalt in Negativpreis-Stunden also gar nichts. Bei älteren Bestandsanlagen mit Marktprämien-Anspruch entsteht ein indirekter Ausgleichsbedarf über das EEG-Konto, dieser ist seit 2022 nicht mehr aus der EEG-Umlage, sondern aus dem Bundeshaushalt zu decken.
Die Zahl, die Bernhard wahrscheinlich im Hinterkopf hat, ist die Jahresbilanz 2025 mit rund 17 Milliarden Euro EEG-Finanzierungsbedarf, wie t-online berichtet. Diese Zahl summiert sich aber über alle 573 Negativpreis-Stunden eines ganzen Jahres und alle Marktprämien-Berechtigungen, sie ist kein Tageswert. Wer einen "dreistelligen Millionenbetrag pro Tag" behauptet, multipliziert mit unbekannter Berechnungsgrundlage und ohne nachprüfbare Quelle.
Frankreich erhält 499 Euro? Das passiert auch in Frankreich selbst
Bernhards Frankreich-Vorwurf zielt auf die Stromexporte am 1. Mai. Tatsächlich zahlten deutsche Erzeuger zeitweise 499 Euro pro Megawattstunde Negativpreis, damit das europäische Netz den Überschuss aufnehmen konnte. Die Behauptung, Frankreich profitiere einseitig auf deutsche Kosten, ignoriert aber, dass das Nachbarland bei eigenen Solar- und Atomkraft-Spitzen genau dasselbe Problem hat. Laut pv magazine lagen Frankreichs Strompreise im Mai 2025 an 90 Prozent der Tage bei null oder negativ. Negative Preise sind ein gesamteuropäisches Phänomen, kein deutsches Sonderproblem. Finnland verzeichnete 2024 in 44,2 Prozent aller Stunden negative Strompreise, Deutschland landet nicht einmal in den Top 3.
"Solar destabilisiert das Netz" trifft die falsche Ursache
Bernhards Pauschalaussage, jede neue Solaranlage destabilisiere das Stromnetz, vermischt zwei Probleme. Das Stromnetz hat in Spitzenstunden tatsächlich Schwierigkeiten, aber die Ursache ist ein Flexibilitätsproblem, kein Erzeugungsproblem. Wenn Solar-Einspeisung hoch ist und gleichzeitig wenig Nachfrage besteht, fehlen schnell reagierende Speicher, steuerbare Lasten und Smart-Meter-Infrastruktur. Energieökonom Lion Hirth (cleanthinking.de) bringt es auf den Punkt: "Flexibilitätsproblem, nicht Erzeugungsproblem". Deutschland hat erst 5,5 Prozent Smart-Meter-Durchdringung, Frankreich, Italien und Skandinavien liegen über 90 Prozent. Wer "weniger Solar" fordert, behandelt das Symptom; wer "mehr Speicher und Smart Meter" sagt, behandelt die Ursache.
Bezeichnend ist auch, dass der häufig als Solarwarnsignal zitierte Spanien-Blackout vom April 2025 bei genauerer Analyse keinen Beleg gegen Erneuerbare liefert. Der ENTSO-E-Abschlussbericht identifiziert als zentrale Ursache ein Versagen der Spannungsregelung im Übertragungsnetz. Keine der 17 Empfehlungen richtet sich gegen den Betrieb von Solar- oder Windkraftanlagen, sehr wohl aber gegen unzureichende Netzleittechnik und mangelnde Spannungsstabilisierung.
"Strom immer teurer" widerspricht den Marktdaten
Die Behauptung, Erneuerbare machten Strom "immer teurer", widerspricht der Datenlage. Der Volksverpetzer dokumentiert auf Basis offizieller Bundesnetzagentur- und Fraunhofer-Daten, dass die deutschen Börsenstrompreise die niedrigsten seit fünf Jahren sind und Erneuerbare den Strom 2024 um 1,5 ct/kWh verbilligten. Eine Studie im Auftrag von DUH und Wirtschaftsverband Windkraftwerke beziffert die Systemkosten neuer Solar- und Windanlagen (Inbetriebnahme 2027) mit rund 10,9 bis 11,9 ct/kWh, neue Gaskraftwerke kämen dagegen auf 28,9 bis 31,1 ct/kWh, berichtet energiezukunft.eu.
CORRECTIV hat eine ähnlich gerahmte Behauptung der CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zum "weggeworfenen Strom" als irreführend eingestuft: Die Redispatch-Kosten wurden fälschlich als "Stromabfall" gerahmt, obwohl 96,5 Prozent der erneuerbaren Erzeugung tatsächlich Verbraucher erreichten.
Wahrer Kern, irreführende Verallgemeinerung
Schmidt und Bernhard nutzen das gleiche Argumentationsmuster: korrekte Einzelzahlen werden zu einer Generaldiagnose hochskaliert, die der Markt- und Systemmechanik nicht standhält. Es stimmt, dass Negativpreise an einzelnen Stunden Geld kosten und dass die EEG-Direktvermarktung für Bestandsanlagen reformbedürftig ist. Es stimmt auch, dass das deutsche Stromsystem dringend mehr Flexibilität durch Speicher, Smart Meter und Sektorkopplung braucht. Beides spricht aber für mehr Infrastruktur, nicht gegen Solar- und Windkraftausbau.
Fazit
Die AfD-Bundestagsfraktion hat den Negativpreisrekord vom 1. Mai 2026 binnen einer Woche zwei Mal als Beleg für die These "Energiewende gescheitert" inszeniert: Schmidt mit der "doppelten Überproduktion", Bernhard mit der "dreistelligen Millionen-Tagesrechnung". Beide PMs verwechseln Marktpreissignale mit Staatskosten, vermengen installierte Nennleistung und tatsächliche Erzeugung, ignorieren das Solarspitzengesetz mit seiner Nullvergütungsregel für neue Anlagen und blasen Jahressummen zu Tageswerten auf. Die Pauschalaussage "jede neue Solaranlage destabilisiert das Netz und macht Strom teurer" widerspricht den Marktdaten der letzten fünf Jahre und benennt die falsche Ursache: Das Problem liegt in fehlender Flexibilität, nicht in der Erzeugung. Die geforderte Konsequenz "Bau- und Förderstopp für Erneuerbare" würde das Symptom verstärken, nicht beheben.