Die Behauptung
Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel schrieb am 26. Juni 2026 auf X: "Volkswagen schließt 4 Werke in Deutschland und streicht weitere 100.000 Stellen, davon 50.000 ebenfalls in Deutschland. CDU und SPD halten an der dafür ursächlichen Politik fest." In einer gleichlautenden Pressemitteilung nannte sie den Stellenabbau einen "weiteren Beleg für das wirtschaftspolitische Scheitern der von Friedrich Merz geführten schwarz-roten Koalition".
Was stimmt
Volkswagen steckt in einer tiefen Krise, das ist unstrittig. Der Konzern plant einen massiven Umbau, und die Lage am Arbeitsmarkt ist insgesamt schwach: Das ifo-Beschäftigungsbarometer fiel im Juni 2026 auf einen der niedrigsten Werte seit der Corona-Pandemie, weil mehr Unternehmen Stellen abbauen als aufbauen wollen (Handelsblatt). Dass bei VW vier deutsche Werke und ein erheblicher Stellenabbau im Raum stehen, hat einen realen Kern. Selbst die offizielle VW-Planung sieht einen großen Abbau vor. Insofern erfindet Weidel das Problem nicht.
Was irreführend ist
Die 100.000 sind nicht bestätigt. Die Zahl stammt aus einem Bericht des "Manager Magazin", der sich auf interne Quellen beruft, und beschreibt ein Zielbild ("Group Target Picture 2030"), das VW-Chef Oliver Blume am 24. Juni 2026 im Vorstand vorgestellt haben soll. VW hat die 100.000 nicht bestätigt und nennt offiziell rund 50.000 Stellen bis 2030 (ZDFheute). Weidel macht aus einer unbestätigten Höchstzahl eine feststehende Tatsache ("streicht 100.000").
Die Werke sind nicht "geschlossen", sondern auf einer Prüfliste. Weidel formuliert die Schließungen im Präsens, als wären sie beschlossen. Tatsächlich stehen die Standorte Hannover, Zwickau, Emden und das Audi-Werk Neckarsulm zur Prüfung; entschieden ist nichts. Der Aufsichtsrat berät die Pläne laut ZDFheute erst am 9. Juli 2026. Vor allem aber gibt es eine Tarifeinigung von Dezember 2024 ("Zukunft Volkswagen"), die betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen ausdrücklich ausschließt und Beschäftigung bis Ende 2030 zusichert. Die IG Metall hat angekündigt, die neuen Pläne "mit aller Macht" zu verhindern. Ein Vier-Werke-Aus als vollendete Tatsache zu behaupten, überspringt all das.
Die Kausalität passt zeitlich nicht. Der Umbau bei VW ist kein Ergebnis der Regierung Merz, die erst im Mai 2025 ihr Amt antrat. Der Sparkurs mit Stellenabbau läuft seit Ende 2024: Schon die Einigung "Zukunft Volkswagen" sah über 35.000 wegfallende Stellen bis 2030 vor, ausgehandelt unter der Vorgängerregierung. Als Treiber nennt selbst der aktuelle Bericht die Konkurrenz aus China, hohe Standortkosten, Überkapazitäten und die schwächelnde Nachfrage in der Transformation zum E-Auto, also strukturelle Branchenprobleme, die keine Bundesregierung in einem Jahr auslöst oder behebt. Dieselbe Schuldzuweisung an die "Merz-Regierung" hatte die AfD schon bei den Quartalszahlen zum Arbeitsmarkt verwendet, wie unser Faktencheck zu René Springers 486.000-Behauptung zeigt.
Fazit
Weidel knüpft eine reale Krise an eine unbestätigte Zahl und eine unpassende Schuldzuweisung. Die 100.000 sind ein nicht bestätigter Bericht, offiziell nennt VW rund 50.000; die vier Werke sind nicht geschlossen, sondern Gegenstand einer noch ausstehenden Aufsichtsratsentscheidung, abgesichert durch eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2030. Und der Abbau begann unter der Vorgängerregierung aus strukturellen Gründen, nicht wegen der Politik von CDU und SPD. Die Behauptung ist damit irreführend.