Was ist passiert?
Union und SPD wollen das Gebäudeenergiegesetz reformieren. Statt der festen 65-Prozent-Erneuerbaren-Regel soll für neue Gasheizungen eine "Bio-Treppe" gelten: eine Beimischquote für klimafreundliche Gase, die laut klimareporter 2029 bei zehn Prozent starten und bis 2040 auf 60 Prozent steigen soll. In diesem Zusammenhang behaupten laut SPIEGEL-Bericht zwei führende Unionspolitiker gegenüber ihrer Fraktion, für neue Gasheizungen werde es künftig reichlich Biomethan geben. Die Grünen werfen ihnen Irreführung der eigenen Leute vor.
Die Aussage soll das Versprechen stützen, dass Gasheizungen auch nach der Reform eine klimataugliche Option bleiben. Ob "reichlich" Biomethan verfügbar ist, lässt sich an Zahlen prüfen.
Faktencheck
Heute ist Biomethan im Gasnetz eine Randgröße
Deutschland erzeugt zwar Biogas, aber fast der gesamte Ertrag wird direkt vor Ort verstromt. Zu Biomethan aufbereitet und ins Gasnetz eingespeist wird nur ein Bruchteil: rund 0,6 Terawattstunden (TWh) pro Jahr, wie klimareporter unter Berufung auf die Branche berichtet. Bei einem deutschen Gasverbrauch von grob 860 TWh deckt das aktuell nur etwa ein Prozent. Von "reichlich" ist die reale Einspeisung damit weit entfernt.
Die 160 TWh sind eine Branchenangabe, keine gesicherte Größe
Die oft genannte Zahl, Deutschland könne bis zu 160 TWh Biogas und Biomethan pro Jahr erzeugen, stammt von der Biogasbranche selbst. Unabhängige Schätzungen liegen deutlich niedriger. Eine im Bericht dokumentierte Analyse von Agora Agrar sieht bis 2045 ein technisches Potenzial von rund 109 TWh, wirtschaftlich nutzbar aber nur etwa 42 TWh, weil ein großer Teil des Rohstoffs aus Klima- und Naturschutzgründen problematisch ist. Die höchste Zahl kommt also von der Partei mit dem größten Eigeninteresse, und selbst diese ist an ungelöste Voraussetzungen geknüpft.
| Heute ins Gasnetz | Branche (Potenzial) | Agora (technisch) | Agora (wirtschaftlich) | |
|---|---|---|---|---|
| Biomethan | 0,6 | 160 | 109 | 42 |
Biogas ist die teuerste geförderte Erneuerbare
Biomethan ist nicht nur knapp, sondern auch teuer. In der Ausschreibung mit Gebotstermin 1. April 2025 lag der durchschnittliche Zuschlag für Biomasse laut Bundesnetzagentur bei 16,53 Cent pro Kilowattstunde. Solarstrom aus Freiflächenanlagen kam in der Ausschreibung vom März 2025 im Schnitt auf 4,66 Cent. Biomasse kostet damit rund das Dreieinhalbfache. Wer den Wärmebedarf über Biomethan statt über eine Wärmepumpe mit Ökostrom decken will, wählt den mit Abstand teuersten Weg.
Der Flächenbedarf konkurriert mit der Landwirtschaft
Biomasse liefert pro Hektar wenig Energie. Energiepflanzen für Biogas belegten 2024 bereits 1,35 Millionen Hektar, wie die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) berichtet. Wichtig für das Verständnis: Diese Fläche liefert zusammen mit Gülle und Reststoffen laut BUND rund 84 TWh Biogas pro Jahr, das aber fast vollständig direkt verstromt wird. Die oben genannten 0,6 TWh im Gasnetz sind also nicht der Ertrag dieser Fläche, sondern nur der winzige Teil, der überhaupt zu Netz-Biomethan aufbereitet wird. Ein Hektar Silomais liefert im besten Fall rund 55.000 Kilowattstunden Biomethan pro Jahr; dieselbe Fläche würde mit Windkraft und einer Wärmepumpe laut BUND rund 1.200-mal mehr Gebäudewärme erzeugen als über Biomethan.
Was das für die versprochenen Mengen bedeutet, zeigt eine Überschlagsrechnung. Der BUND beziffert den grünen Gasbedarf, den allein die Bio-Treppe bis 2044 für Gebäude auslösen würde, auf rund 66 TWh. Weil die heutige Biogas-Ernte bereits für die Stromerzeugung verplant ist, müsste diese Menge zusätzlich aus neuen Energiepflanzen kommen. Selbst mit dem günstigsten Hektarertrag wären dafür etwa 1,2 Millionen Hektar zusätzlich nötig, also noch einmal ungefähr so viel Fläche, wie heute insgesamt für Biogas bebaut wird, und rund ein Zehntel der deutschen Ackerfläche von 11,7 Millionen Hektar. Sollten Gasheizungen bis 2045 vollständig klimaneutral versorgt werden, was laut BUND rund 180 TWh grüner Gase bedeutet, ergäben sich rechnerisch über 3 Millionen Hektar, gut ein Viertel der gesamten deutschen Ackerfläche.
| Heute für Biogas | Bio-Treppe (66 TWh) | Volle Gebäude (180 TWh) | Ackerfläche Deutschland | |
|---|---|---|---|---|
| Fläche | 1,35 | 1,2 | 3,3 | 11,7 |
Diese Rechnung ist bewusst günstig angesetzt, mit dem höchsten Hektarertrag und ohne Abzüge. Die Bioenergie-Branche hält dagegen, ein großer Teil solle aus Reststoffen und Gülle ohne zusätzliche Fläche kommen. Deren nachhaltiges Potenzial ist laut Agora Agrar aber auf rund 42 TWh begrenzt. Alles, was darüber hinausgeht, läuft auf mehr Energiepflanzen hinaus, also auf Acker, der dann nicht mehr für Nahrung zur Verfügung steht.
Biomethan wird auch anderswo gebraucht
Selbst das vorhandene Biomethan steht nicht allein für Heizungen bereit. Es konkurriert mit dem Bedarf aus Industrie, Verkehr und der Stromerzeugung, wo Biogas-Kraftwerke als flexible Reserve gelten. Genau diesen Punkt betont auch die Grünen-Fraktionsvize Dr. Julia Verlinden in ihrer Kritik an den Unionsangaben.
Fazit
Die Aussage, für neue Gasheizungen werde es reichlich Biomethan geben, ist irreführend. Die aktuelle Einspeisung ins Gasnetz deckt nur rund ein Prozent des Gasbedarfs, das oft zitierte Potenzial von 160 TWh ist eine Selbsteinschätzung der Branche, und unabhängige Studien sehen deutlich weniger. Hinzu kommen hohe Kosten und ein Flächenbedarf, der mit der Nahrungsmittelproduktion konkurriert. "Reichlich" suggeriert eine gesicherte Verfügbarkeit, die weder der heutige Stand noch die belastbaren Prognosen hergeben.