Whataboutism bezeichnet die Reaktion auf einen Vorwurf mit einem Gegenvorwurf statt mit einer Antwort. Statt zu erklären, ob die Kritik zutrifft, wird auf ein anderes Fehlverhalten verwiesen, meist bei der Gegenseite. Der ursprüngliche Punkt wird nie behandelt, wirkt aber erledigt, weil beide Seiten jetzt gleich schlecht dastehen.
Woher der Name kommt
Der Begriff entstand im Kalten Krieg. Auf westliche Kritik an sowjetischen Menschenrechtsverletzungen folgte regelmäßig der Verweis auf Rassentrennung und Lynchmorde in den USA, sinngemäß "And what about …". Aus dieser stehenden Wendung wurde der Name für das Muster.
Merkmale
- Die Antwort beginnt mit einer Gegenfrage, nicht mit einer Stellungnahme.
- Der Vergleich hinkt fast immer. Verglichen wird nicht Gleiches mit Gleichem, sondern irgendetwas mit irgendetwas.
- Das Ziel ist Symmetrie, nicht Wahrheit. Es reicht, wenn am Ende der Eindruck steht: "die einen wie die anderen".
- Auf Nachfragen zum ursprünglichen Thema folgt Ausweichen oder der nächste Gegenvorwurf.
Beispiele
A: "Bei dieser Demonstration wurden Journalisten angegriffen."
B: "Und was ist mit linker Gewalt?"
Die zweite Aussage ist keine Antwort auf die erste. Beide Sachverhalte könnten zutreffen, ohne dass sich am ersten etwas ändert.
Das Beispiel ist nicht erfunden. Die Gegenfrage "Aber was ist mit linker Gewalt?" ist ein Standardmuster in deutschen Debatten über rechte Gewalt. Sie ist auch empirisch überprüfbar, und zwar mit einem eindeutigen Ergebnis: Seit 1990 stehen über 200 Todesopfer rechter Gewalt vier Todesopfern linksextrem motivierter Gewalt gegenüber. Die Gegenfrage soll ein Gleichgewicht suggerieren, das es nicht gibt.
Wozu es eingesetzt wird
- Um einen Vorwurf zu neutralisieren, ohne ihn bestreiten zu müssen. Wer nicht antwortet, muss auch nichts zugeben.
- Um moralische Gleichrangigkeit herzustellen. Wenn alle Dreck am Stecken haben, hat niemand das Recht zu kritisieren.
- Um die Gesprächsführung zu übernehmen. Wer die nächste Frage stellt, bestimmt das Thema.
Was dagegen hilft
Den Themenwechsel benennen, ohne ihn abzuwerten, und die Frage zurückholen: "Darüber können wir gern reden. Vorher: Stimmt es, was ich gesagt habe, oder nicht?"
Wichtig ist, den Gegenvorwurf nicht sofort abzustreiten. Genau das ist die Falle, denn damit beginnt die Diskussion über das neue Thema. Wer den Vorwurf für berechtigt hält, kann das ruhig einräumen und trotzdem beim Ausgangspunkt bleiben. Beides gleichzeitig wahr sein zu lassen ist die stärkste Antwort.
Nicht jede Gegenfrage ist Whataboutism. Wer nach einem echten Maßstab fragt, weil er wissen will, ob hier mit zweierlei Maß gemessen wird, stellt eine legitime Frage.