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Nutri-Score für Politik: Warum wir den Democracy-Score nicht nutzen

Mirko Langes Idee, Aussagen nach Diskursqualität zu bewerten, löst ein echtes Problem, aber mit einem Werkzeug, das wir bewusst nicht übernehmen

Stellen wir uns einen Nutri-Score für politische Aussagen vor. Eine Rede, ein Interview, ein Posting bekommt ein Label von A bis E, je nachdem, wie viel Substanz und wie viel Manipulation darin stecken. Genau das baut der Kommunikationsstratege Mirko Lange mit seinem Projekt Democracy Intelligence auf. Die Idee ist verlockend, und sie kommt von jemandem, der Sprache scharf lesen kann. Wie scharf, hat Lange zuletzt an einer SPIEGEL-Schlagzeile zum Maintaler Rechenzentrum gezeigt, in seiner Analyse des "Ruheständler bremsen die KI-Revolution"-Framings. Trotzdem nutzen wir bei Faktenfackel keinen solchen Score. Das ist eine gute Gelegenheit zu erklären, wie wir arbeiten und warum.

Was der Score will

Langes Ausgangspunkt ist ein reales Problem. Desinformation funktioniert selten über die eine glatte Lüge, sondern über Masse, Tempo und Rahmung. Das vielzitierte, dem Trump-Strategen Steve Bannon zugeschriebene Prinzip lautet "flood the zone with shit". Lange dreht den Satz um, sein Projekt firmiert unter "flooding the zone with sense".

Der zugehörige Democracy-Score, im November 2025 gestartet, bewertet Aussagen von Personen des öffentlichen Lebens nicht in erster Linie nach wahr oder falsch, sondern danach, ob sie die freie Meinungsbildung des Publikums stärken oder durch manipulative Techniken einschränken. Das Bewertungsmodell reicht wie beim Nutri-Score von A bis E, von "demokratisch konstruktiv" bis "demokratisch destruktiv".

Die A-E-Skala des Democracy-Score, von "demokratisch konstruktiv" bis "demokratisch destruktiv". Bildzitat, Quelle: Democracy Intelligence.

Der Reiz liegt auf der Hand. Ein einzelnes Label ist anschlussfähig, teilbar, sofort verständlich. Wo ein klassischer Faktencheck mehrere Absätze braucht, liefert ein Score einen Daumenwert. Für eine Öffentlichkeit, die im Sekundentakt scrollt, ist das ein nachvollziehbarer Versuch.

Wo es hakt

Verdichtung allein ist nicht das Problem, auch ein Faktencheck endet bei einem knappen Urteil. Entscheidend ist, was da verdichtet wird. Ein Buchstabe von A bis E verspricht eine Messbarkeit, die es bei Diskursqualität nicht gibt. Der Nutri-Score funktioniert, weil sich Zucker, Fett und Salz objektiv messen lassen. Ob eine Aussage "demokratisch funktional" oder "ambivalent" ist, lässt sich nicht in derselben Weise messen, sondern nur beurteilen, und jede Beurteilung hängt an Maßstäben, die jemand setzen muss.

Der Kommunikationsexperte Thilo Baum hat das an konkreten Beispielen auseinandergenommen. Sein Kernvorwurf: Das Kategorienschema vermischt Dinge, die nicht in dieselbe Skala gehören. Wahre Aussagen fallen durchs Raster, weil sie vorab als "Framing" einsortiert werden und dann nicht mehr als wahr zählen. Und Wahr-Falsch-Prüfungen werden auf Meinungen angewandt, die logisch weder wahr noch falsch sein können. In einer Analyse kam Bayerns Ministerpräsident Markus Söder auf einen Wahrheitsgehalt von acht Prozent, nicht wegen nachgewiesener Falschaussagen, sondern wegen dieser methodischen Vermischung.

Dazu kommt ein Transparenzproblem. Wer eine Note vergibt, trifft an vielen Stellen subjektive Entscheidungen: Was zählt als manipulativ, wo beginnt legitime Zuspitzung, wie werden die Einzelwerte gewichtet? Solange diese Schritte nicht offen und versioniert dokumentiert sind, ist ein A oder E nicht überprüfbar, sondern Vertrauenssache. Entsprechend umstritten ist die Methode, auch in der Diskussion der Lage-der-Nation-Community standen sich Zustimmung und Skepsis gegenüber.

Warum wir das nicht machen

Faktenfackel arbeitet bewusst enger. Wir prüfen einzelne, überprüfbare Behauptungen und führen sie auf Primärquellen zurück: Statistiken, Gesetze, Studien, Originaldokumente. Am Ende steht ein Urteil aus vier Stufen, falsch, irreführend, teils richtig oder belegt. Ja, auch das ist eine Verdichtung auf wenige Stufen. Der Unterschied liegt darin, was sie verdichtet: eine überprüfbare Tatsachenfrage, kein Werturteil über die Qualität einer Aussage. Der Weg zum Urteil liegt offen und ist verlinkt, wer es anzweifelt, kann den Quellen folgen und uns widerlegen.

Ein Diskurs-Score kann das nicht leisten, und er soll es auch nicht. Er bewertet keine Tatsachenbehauptung, sondern Qualität, und Qualität wird zur Geschmackssache, sobald man sie auf eine Zahl bringt. Damit gerieten wir genau in die Falle, gegen die wir anschreiben. Der häufigste Angriff auf Faktenchecker lautet, sie seien in Wahrheit Meinungslenker, die unter dem Deckmantel der Objektivität politische Urteile fällen. Bei einem Score, der Aussagen ein "gut" oder "schlecht" verpasst, wäre dieser Vorwurf schwer zu entkräften. Bei einem belegten Faktencheck steht dagegen die Quelle gegen die Behauptung, nicht unsere Meinung gegen die des Sprechers.

Es geht nicht darum, Menschen vorzugeben, wie sie sich eine Meinung zu bilden haben. Es geht darum, ihnen die überprüfbaren Fakten an die Hand zu geben, damit sie es selbst können.

Fazit

Mit Mirko Lange teilen wir das Ziel, Desinformation und manipulatives Framing sichtbar zu machen. Seine Framing-Analysen, wie die zur Maintal-Schlagzeile, sind genau die Art von Medienkritik, die dabei hilft. Beim Werkzeug gehen wir getrennte Wege. Ein Score komprimiert, wo wir aufschlüsseln wollen, und er bewertet, wo wir belegen wollen. Wir bleiben lieber beim langsameren, schwerer angreifbaren Instrument: nachprüfbare Fakten, offengelegte Quellen, ein begründetes Urteil. Den Democracy-Score beobachten wir mit Interesse, aber aus der Distanz.