Es gibt einen Tag in diesem Sommer, an dem in Deutschland 4.832 Menschen gestorben sind. Ein Montag, der 29. Juni 2026, am Ende der heißesten Woche des Jahres, als die Temperaturen gerade zu fallen begannen. An einem gewöhnlichen Tag sterben etwa 2.500 Menschen. An diesem Montag waren es fast doppelt so viele. (taz, 14. Juli 2026)
Anders als bei einem Unglück gibt es hier keine Namen und keinen Ort. Diese Toten erscheinen erst Wochen später als Zahl in einer Tabelle des Statistischen Bundesamts. Das macht sie leicht angreifbar: Was niemand sichtbar sterben sieht, lässt sich bestreiten.
Zahlen, die sich schwer vorstellen lassen
Die Größenordnung ist außergewöhnlich. In der letzten Juniwoche, vom 22. bis 28. Juni, lagen die Sterbefälle 32 % über dem Schnitt der vier Vorjahre. Rund 23.900 Menschen starben in dieser einen Woche, etwa 7.100 mehr als noch zwei Wochen zuvor. (Destatis, Pressemitteilung vom 14. Juli 2026) Der Anstieg fiel nicht mit dem Wochenende ab, sondern lief mit der auslaufenden Hitze weiter: In der Folgewoche lag der Wert immer noch bei plus 26 %.
Das Robert-Koch-Institut hat geschätzt, wie viele dieser zusätzlichen Toten konkret auf die Hitze zurückgehen, und kommt auf rund 5.100 für die Hitzeperiode. (RKI-Wochenbericht, 9. Juli 2026) Deutschland stand damit nicht allein. Über weite Teile Westeuropas meldete das Monitoring-Netzwerk EuroMOMO in derselben Woche eine erhöhte Sterblichkeit, für Frankreich und Belgien sogar die höchste Warnstufe. Die Hitze zog eine Todeslinie quer über den Kontinent, und sie folgte exakt der Wetterkarte.
Warum Hitzetote so leicht zu leugnen sind
Hitzetote sterben selten sichtbar an der Hitze. Fast immer trifft die Extremtemperatur auf einen Körper, der ohnehin belastet ist: ein schwaches Herz, ein Kreislauf, der bei 38 Grad kollabiert, eine Niere, die aufgibt. Auf dem Totenschein steht dann Herzversagen, nicht Hitze. Deshalb kann man Hitzetote nicht abzählen wie Verkehrstote. Man schätzt sie, indem man die Sterblichkeit einer heißen Woche mit vergleichbaren Wochen ohne Hitze vergleicht. Die Differenz ist die Übersterblichkeit.
Dieses Verfahren ist internationaler Standard, es steckt hinter den Zahlen von EuroMOMO und der Weltgesundheitsorganisation. Aber es hat eine offene Flanke: Es liefert keine einzelnen Toten, die man vorzeigen kann, sondern eine berechnete Zahl. Und eine berechnete Zahl lässt sich als "bloße Modellrechnung" abtun, so wie man während der Pandemie über "an oder mit Corona Gestorbene" gestritten hat. Wer die Hitzetoten kleinreden will, muss nur diesen Zweifel aktivieren.
Das alte Muster kehrt zurück
Man musste nicht lange darauf warten. Noch während die Zahlen aktuell waren, erklärte das rechtsextreme Portal Journalistenwatch die 5.100 Hitzetoten zur "Panikmache", die "nur durch willkürliche Veränderungen der Begriffsdefinition" zustande komme. Man müsse, hieß es dort, "analog zu Sars-CoV2 von 'an und mit' Hitze Verstorbenen reden". (Journalistenwatch, 9. Juli 2026) Das Drehbuch der Corona-Leugnung wird eins zu eins auf die Klimakrise übertragen: dieselbe Verächtlichmachung der Statistik, dieselbe Andeutung, in Wahrheit werde hier manipuliert.
Und dann kommt, fast reflexhaft, der zweite Schritt. Vielleicht, so spekuliert derselbe Text, stünden hinter dem Überschuss an Toten ja "ganz andere Ursachen (etwa Impfschäden?)". Damit ist der Kreis geschlossen: Die realen Hitzetoten werden nicht nur bestritten, sie werden dem alten Lieblingsfeind, der Impfung, in die Schuhe geschoben. Warum diese Umdeutung an den Daten scheitert, und warum ausgerechnet die "an und mit"-Rhetorik die Toten am Ende bestätigt statt sie wegzuerklären, haben wir im Faktencheck zu dieser Behauptung auseinandergenommen.
Der entscheidende Punkt lässt sich aber in einem Satz sagen: Man braucht die umstrittene Schätzung gar nicht, um zu sehen, was passiert ist. Die rohen, ungerechneten Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts zählen einfach alle Toten, ohne jede Ursachenzuschreibung. Und diese Zahl springt in der Hitzewoche um 7.100 nach oben. Wer die Corona-Logik bemühen will, landet beim selben Ergebnis: In der Woche der Extremhitze starben 7.100 Menschen mehr als zwei Wochen zuvor, ganz gleich, was man auf ihre Totenscheine schreibt.
Was das Wegreden kostet
Man könnte das für ein Randphänomen halten, für den üblichen Lärm aus der immergleichen Ecke. Aber die Leugnung hat einen Zweck. Solange Hitzetote als aufgebauschte Statistik gelten, ist auch jede Maßnahme dagegen überflüssig: Hitzeaktionspläne, kühle Räume für alte Menschen, Trinkwasser in den Städten, ein Bundes-Hitzeschutz, der diesen Namen verdient. Jede dieser Debatten wird leichter abzuräumen, wenn man vorher die Toten wegdiskutiert hat, um die es geht.
Die 5.100 sind eine Schätzung, und über ihre genaue Höhe kann man fachlich streiten. Nur führt dieser Streit in die andere Richtung als behauptet. Forschende wie Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München halten solche Zahlen eher für zu niedrig, weil sie die tatsächliche Sterblichkeit in der Vergangenheit deutlich unterschätzt hätten. Die eigentliche Zahl liegt also womöglich höher, nicht niedriger. Und die harte Untergrenze, die 7.100 zusätzlichen Toten aus der amtlichen Rohzahl, steht ganz ohne Modell.
Es waren echte Menschen. Meist alt, oft allein, oft in einer aufgeheizten Wohnung im dritten Stock ohne Rollladen und ohne jemanden, der nach ihnen sah. Dass ihr Tod keine Schlagzeile mit Foto bekommt, macht ihn nicht weniger real. Es macht ihn nur leichter zu leugnen. Genau deshalb lohnt es sich, bei diesen Zahlen genau hinzusehen.