Zurück zum Bereich Desinformation
Veröffentlicht am

Wut auf Knopfdruck

Wie die AfD ihre Propaganda automatisiert, von der Nachrichtenauswahl bis zum fertigen Post

Eine Meldung, zehn Posts

Politische Kommunikation kostet Personal. Jemand muss Nachrichten lesen, entscheiden, was sich lohnt, Texte schreiben, Grafiken bauen, auf mehreren Plattformen veröffentlichen. Die Die "Alternative für Deutschland" hat diesen Ablauf an eine Maschine übergeben.

Eine CORRECTIV-Recherche vom 2. Juli 2026

Die Recherche entstand verdeckt. Ein Reporter meldete sich unter falschem Namen als Mitglied eines AfD-Kreisverbands zu einem Schulungswebinar an und erhielt eine Vorführung durch Mario Hau, einen Mitarbeiter der Bundesgeschäftsstelle, der laut CORRECTIV zugleich für die Social-Media-Arbeit der Bundestagsfraktion zuständig ist. Anschließend testete die Redaktion das Tool selbst. Die zentralen Befunde wurden unabhängig bestätigt: Das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie bekam ebenfalls einen Testzugang und veröffentlichte eine eigene Analyse.

Der Ablauf

Am Anfang steht kein Redakteur, sondern ein RSS-Reader. Alle 15 Minuten zieht das System Meldungen ein, voreingestellt aus NIUS, Junger Freiheit, Apollo News, dem Politikteil der BILD und dem Wirtschaftsteil von n-tv. Diese Vorauswahl ist bereits eine Entscheidung: Was dort nicht steht, existiert für die Maschine nicht.

Dann bewertet eine KI jede Meldung mit einem "Viralitätsscore" von 1 bis 10, fasst sie zusammen und schlägt ein passendes Framing vor. Ein Modul namens "Geistschreiber" (offenbar die "arische" Ausgabe des Ghostwriters) schreibt daraus die fertigen Texte. Eine erweiterte Version schneidet Videos und sucht dafür laut der Analyse des Zentrums für Digitalrechte automatisch die Ausschnitte mit dem größten Empörungspotenzial heraus.

Der Score ist die Redaktion

Hier liegt der eigentliche Punkt. Gemessen wird Viralität, also die prognostizierte Verbreitung einer Meldung. Was diese Metrik nach oben spült, ist aber nicht gleichmäßig verteilt. Das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie hält fest: "Übrig bleiben oftmals Meldungen über Straftaten von Menschen mit Migrationshintergrund." CORRECTIV beschreibt dasselbe Muster, Geschichten über echte oder behauptete Gewalt durch Ausländer stehen zuverlässig oben. Das Zentrum zieht daraus den Schluss, der Viralitätsscore sei "in Wahrheit ein Empörungsscore" und werde "zur Redaktionsentscheidung".

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie die Verantwortung nicht bei der Technik ablädt. Niemand hat der Maschine befohlen, über Migration zu schreiben. Man hat ihr fünf Quellen vom rechten Rand gegeben und sie nach Reichweite sortieren lassen. Das Ergebnis ist trotzdem kein Zufall, sondern das absehbare Produkt dieser beiden Einstellungen. Wer die Regler so setzt, weiß, was hinten herauskommt.

Wie gezielt das gesteuert wird, zeigt eine Funktion, die Hau im Webinar vorführte: Die Schärfe der Texte lässt sich regional abstufen. Sein von CORRECTIV zitierter Satz dazu, in Hessen die abgeschwächte Variante, im Osten dürfe man draufhauen, beschreibt keine technische Spielerei. Er beschreibt eine Partei, die genau weiß, wo sie sich wie viel erlauben kann.

Ein Filter, der nichts verhindert

Das Tool hat eine Sicherung. Wer "Ausländer raus" eingibt, bekommt "Kriminelle Ausländer raus". Das ist keine Schranke, sondern Kosmetik: Die Formulierung wird justiziabel gemacht, die Aussage bleibt stehen. Das Zentrum für Digitalrechte hält fest, es brauche "nur wenig Kreativität", um am Filter vorbei verfassungsfeindliche Inhalte zu erzeugen. Ein Filter, der den Kern behält und nur die Verpackung glättet, schützt niemanden vor der Botschaft. Er schützt den Absender vor den Folgen.

Die Maschine hat keine Meinung

Wie beliebig der Inhalt ist, zeigt ein Test von CORRECTIV. Die Redaktion legte dem Tool eine eigene Recherche über den Machtkampf im NRW-Landesverband vor, den gemäßigteren Landeschef Martin Vincentz gegen den Rechtsaußen Matthias Helferich, der sich selbst das "freundliche Gesicht des NS" nennt. Die Anweisung war bewusst offen: sich für eine der beiden Seiten entscheiden und sie stark vertreten.

Die Maschine wählte selbst, und sie wählte gegen die Radikalen. Heraus kam, in vollem Parteidesign: "MACHTKAMPF IN DER NRW-AfD: RADIKALE PROVOKATEURE JETZT KONSEQUENT AUSSCHLIESSEN!" In der mitgenerierten Pressemitteilung hieß es, wer sich in Chats als "freundliches Gesicht des NS" bezeichne, liefere den Gegnern nur Vorwände für ein Verbotsverfahren. Eine Recherche über den völkischen Flügel der AfD, von der Maschine in Sekunden zu AfD-Wahlkampf gegen den völkischen Flügel verarbeitet.

Das ist der Kern des Ganzen: Die Maschine hat keine Überzeugung, die sie verteidigt. Sie hat einen Ausstoß, den sie bedient. Wen sie angreift, hängt davon ab, was man ihr vorlegt.

Fremde Motoren

Alternita hat keine eigene KI. Die Arbeit erledigen kommerzielle Modelle in Arbeitsteilung: Gemini von Google schreibt die Texte, ChatGPT von OpenAI erzeugt die Grafiken, Claude von Anthropic transkribiert Reden.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Nutzungsbedingungen dieser Anbieter genau das untersagen. OpenAI schließt "political campaigning" ausdrücklich aus und hat vergleichbare Zugänge in der Vergangenheit gesperrt. Google verlangt für Gemini neutrale, auf anerkannten Fakten beruhende Antworten und verbietet Hassrede und Belästigung. Über bezahlte Programmierschnittstellen läuft die Produktion trotzdem, automatisiert und ohne menschliche Prüfung.

Wie eindeutig der Fall ist, zeigt ein Detail aus der Analyse: Als das Zentrum für Digitalrechte den KI-Assistenten Claude bat, das Tool anhand von Screenshots nachzubauen, weigerte er sich. Die Begründung: Die Kernmechanik, aus einer Quelle bis zu zehn Beiträge gleichzeitig für sieben Plattformen zu erzeugen und nach Viralitätsscore zu optimieren, sei "im Kern eine Maschine für skalierte, koordinierte politische Content-Produktion". Derselbe Anbieter, dessen Assistent den Nachbau verweigert, liefert der AfD über die Schnittstelle die Rechenleistung. Auf die Anfragen von CORRECTIV reagierte Google nur telefonisch ohne verwertbares Statement, OpenAI kündigte eine Prüfung an, Anthropic antwortete nicht.

Auch rechtlich ist der Vorgang nicht folgenlos. Das Zentrum hält eine künftige Einstufung als Hochrisiko-KI nach dem EU AI Act für möglich, weil das System darauf angelegt ist, Wahlverhalten zu beeinflussen. Diese Regeln greifen allerdings erst ab Ende 2027. Und die Kennzeichnung hat eine Lücke: KI-Bilder markiert das Tool, als politische Werbung ausgewiesen werden die Beiträge nicht. CORRECTIV fand zudem mutmaßlich KI-generierte Beiträge ohne Kennzeichnung auf dem Instagram-Account von Alice Weidel, darunter eine Beileidsbekundung zu einem Amoklauf in Stade.

Die Bildmaschine

Neben der Textproduktion steht die Bildproduktion, und dort wird es geschichtsrevisionistisch. Grimbart Studio, ein KI-gestütztes Comic- und Animationsprojekt des früheren prominenten Identitären Alexander Kleine, produziert über dessen Tannwald Media UG Anime-Kurzvideos für TikTok und Instagram, dazu Comics, Sticker und Malbücher. Zielgruppe sind junge Leute.

Ein Grimbart-Video über den Luftangriff auf Dresden nennt 250.000 Tote. Die Dresdner Historikerkommission wertete zwischen 2004 und 2010 über 54.000 Einzelinformationen aus Friedhofs-, Standesamts- und Gerichtsunterlagen aus und kam auf höchstens rund 25.000. Die Zahl 250.000 ist keine Schätzung, sondern eine Propagandazahl, die seit dem NS-Regime kursiert und auf rechtsextremen Gedenkveranstaltungen weitergereicht wird. Ein KI-Anime macht daraus ein Format, das sich beiläufig konsumieren lässt.

Die Verbindung zur Partei ist dabei keine Randnotiz. Die AfD beauftragte Kleine zur letzten Bundestagswahl mit KI-Wahlkampfinhalten. Mehrere Bundestagsabgeordnete bewarben die Comics, darunter der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Sebastian Münzenmaier sowie Matthias Helferich; Christoph Grimm ließ sie in Mecklenburg-Vorpommern an Grundschulen verteilen. Das alles trotz des parteiinternen Unvereinbarkeitsbeschlusses mit der Identitäre Bewegung Deutschland.

Was die AfD dazu sagt

Die Partei bestreitet über ihre Anwälte mehrere Kernpunkte. Das Tool sei noch in der Entwicklung, die Markteinführung erst für 2027 geplant. Das widerspricht der Aussage ihres eigenen Mitarbeiters Hau im Webinar, der Start sei am 1. Juli 2026 erfolgt und es gebe "schon zwei Kunden". Alice Weidel veröffentliche ihre Beiträge zwar über die Software, generiere sie aber nicht damit. Unmarkierte KI-Bilder könnten nur durch einen Anwendungsfehler der Nutzer entstehen, ein Export ohne Hinweis sei technisch nicht vorgesehen, dem hält CORRECTIV entgegen, ein solches Bild selbst mit der Software erzeugt zu haben. Eine Umgehung der Anbieter-Richtlinien sei nicht möglich.

Diese Widersprüche sind von außen nicht abschließend auflösbar. Hier steht die Aussage von Anwälten gegen dokumentierte Testläufe zweier Organisationen. Wir halten beides fest.

Warum das wichtig ist

Das Neue an dieser Maschine sind nicht die Inhalte. Migration, Kriminalität, Empörung, das war schon vorher der Kern der AfD-Kommunikation. Neu ist der Maßstab. Was früher Menschen brauchte, die Meldungen lesen und Posts schreiben, läuft jetzt rund um die Uhr im 15-Minuten-Takt, in einer Partei, die damit ihre Kreisverbände ausstattet.

Und neu ist die Verschiebung der Verantwortung. Wenn ein Score entscheidet, welche Meldung zum Thema wird, kann hinterher niemand die Entscheidung erklären, weil niemand sie getroffen hat. Genau darin liegt der Trick: Die Auswahl bleibt politisch, wirkt aber wie ein Rechenergebnis. Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt, in jenem Osten, in dem man laut dem Mann von der Bundesgeschäftsstelle draufhauen darf.