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Stand: 30.03.2026

Russlands digitaler Krieg gegen den Westen

Desinformation, Sabotage und Cyberangriffe sind real und wirksam

Was ist passiert?

Russland führt seit Jahren einen systematischen Informationskrieg gegen westliche Demokratien. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern durch Gerichtsurteile, geleakte Dokumente, offizielle Geheimdienstberichte und wissenschaftliche Analysen belegt. Die Operationen werden immer ausgefeilter und sind 2025/2026 auf einem neuen Höchststand angekommen.

Die Fakten

Desinformationskampagnen

Doppelgänger: Gefälschte Nachrichtenseiten

Die "Doppelgänger"-Kampagne ist seit Februar 2022 aktiv und wird von der Moskauer Social Design Agency (SDA) betrieben. Sie klont Websites renommierter Medien wie Spiegel, FAZ, Stern und Welt mit täuschend ähnlichen Domains und verbreitet darauf russische Propaganda.

Wie groß ist das? Geleakte Dokumente der SDA zeigen: Allein in den ersten vier Monaten 2024 produzierte die Trollfabrik 33,9 Millionen Social-Media-Kommentare und fast 40.000 "Content Units" (darunter 4.641 Videos und 2.516 Memes). Ein erklärtes Ziel: die AfD und den französischen Front National auf über 20% bringen.

Vor der Bundestagswahl 2025 dokumentierte das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) zwischen November 2024 und März 2025 insgesamt 1.374 Doppelgänger-Posts allein auf X, die 5,1 Millionen Views erreichten. Die 221 reichweitenstärksten Posts erzielten zusammen 10,6 Millionen Views.

In Frankreich wurden 2025 über 200 neue Fake-News-Websites identifiziert, die französische Medien nachahmen, offenbar als Vorbereitung auf die Wahlen 2026.

Storm-1516: Der neue Hauptkanal

Die Operation Storm-1516 hat laut NewsGuard-Analyse inzwischen RT und Sputnik als wichtigstes Werkzeug des Kreml abgelöst. Betrieben wird sie von John Mark Dougan, einem ehemaligen Florida-Polizisten, der seit 2016 in Moskau lebt. In Deutschland wurden zwischen Juli 2024 und Januar 2025 Links zu Storm-1516-Domains 692 Mal in 395 Telegram-Kanälen gepostet und erreichten 4,7 Millionen Views. Die EU hat Dougan im Dezember 2025 sanktioniert.

Pravda-Netzwerk: Globale Propaganda-Infrastruktur

Das Pravda-Netzwerk umfasst über 190 Websites in dutzenden Sprachen und dient als Verstärkungshub für russische Desinformation. Eine GLOBSEC-Analyse von 640.000 Publikationen in 45 Ländern (Dezember 2024 bis März 2025) zeigt: 35,8 % der Inhalte zielen auf ehemalige Sowjetrepubliken, obwohl diese nur 5,8 % der abgedeckten Bevölkerung ausmachen.

Voice of Europe: Geld für europäische Politiker

Im März 2024 enttarnte der tschechische Geheimdienst die Plattform "Voice of Europe", finanziert durch den Kreml-nahen ukrainischen Oligarchen Viktor Medvedchuk und betrieben über den russischen FSB. Hundertausende Euro flossen an Politiker aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Polen und Ungarn. Aus Deutschland ist der AfD-Bundestagsabgeordnete Petr Bystron betroffen, dessen parlamentarische Immunität aufgehoben wurde, nachdem Audioaufnahmen eine Barzahlung von 20.000 Euro belegten.

Cyberangriffe und Sabotage

Angriffe auf deutsche Politik

2015 kompromittierte die GRU-Einheit APT28 (Fancy Bear) das Netzwerk des Deutschen Bundestags und stahl über 16 GB Daten. Ein internationaler Haftbefehl gegen den verantwortlichen GRU-Offizier wurde erlassen.

Ende 2022 griff APT28 die SPD-Parteizentrale über eine Outlook-Schwachstelle an. Im Mai 2024 bestätigte Außenministerin Baerbock die Attribution an die GRU. Deutschland rief seinen Botschafter aus Moskau zurück.

Anfang 2025 warnte der niederländische Geheimdienst vor einer Kampagne zur Kompromittierung von Signal- und WhatsApp-Konten hochrangiger Beamter. Betroffen war unter anderem der ehemalige BND-Vizepräsident.

Sabotage physischer Infrastruktur

Seit 2022 wurden rund 10 Unterseekabel in der Ostsee durchtrennt, sieben davon allein zwischen November 2024 und Januar 2025. Insgesamt wurden 2024/2025 mindestens 44 Kabelbeschädigungen öffentlich gemeldet. Die NATO startete die Operation "Baltic Sentry" zum Schutz der kritischen Infrastruktur.

In Stuttgart stehen drei Männer vor Gericht, die im Auftrag russischer Geheimdienste Brand- und Sprengstoffanschläge auf den deutschen Güterverkehr geplant haben sollen.

NotPetya: 10 Milliarden Dollar Schaden

2017 verursachte die GRU-Einheit Sandworm mit dem Cyberangriff NotPetya weltweit über 10 Milliarden Dollar Schaden. Deutschland war nach der Ukraine am stärksten betroffen. Merck verlor 870 Millionen Dollar, FedEx 400 Millionen, Maersk 300 Millionen. Der Angriff wurde offiziell durch die USA, Großbritannien, Kanada und Australien Russland zugeordnet.

Messbare Auswirkungen

Die Frage "Wirkt das überhaupt?" lässt sich mit Ja beantworten.

Eine Allensbach-Umfrage (Friedrich-Naumann-Stiftung, Januar 2025) zeigt: 18 % der Deutschen stimmen der Aussage zu, "Putin kämpft in der Ukraine gegen ein faschistisches Regime". Unter TikTok- und X-Nutzern steigt die Zustimmung auf 34 bis 40 %. Junge Menschen (16 bis 29) sind besonders empfänglich (21 bis 23 % Zustimmung).

In Rumänien ging es noch weiter: Das Oberste Gericht annullierte im Dezember 2024 die Präsidentschaftswahl nach dokumentierter russischer Einflussnahme über TikTok-Bot-Netzwerke.

Laut einer Recorded Future-Analyse haben russische Operationen das Wahlverhalten in Deutschland zwar nicht nachweisbar verändert, aber der Haupteffekt ist ohnehin ein anderer: Es geht um die Erzeugung von Misstrauen und Müdigkeit, nicht um direkte Stimmveränderung.

Das Ausmaß in Zahlen

Die offiziellen Stellen sind sich einig über die Bedrohungslage:

  • Der Verfassungsschutz warnt: Die Bedrohung durch Spionage, Sabotage und Desinformation hat sich seit dem russischen Angriffskrieg 2022 "erheblich verstärkt"
  • Der BSI-Lagebericht 2025: Deutschland steht auf Platz 4 der am stärksten von staatlichen Hackergruppen angegriffenen Länder. 46% der betroffenen deutschen Unternehmen führen Angriffe auf Russland zurück
  • Der 3. EEAS-Bericht dokumentiert Desinformationsangriffe in über 80 Ländern. Russland plant 2025 mindestens 1,18 Milliarden Euro für staatliche Medien und Plattformen ein
  • NATO: Über 150 mutmaßliche russische Sabotage-, Spionage- und Hybridvorfälle in EU- und NATO-Staaten seit 2025
  • EU: Im März 2026 sind 69 Personen und 17 Organisationen wegen russischer Destabilisierung sanktioniert

KI macht es schlimmer

Russische Operationen nutzen zunehmend künstliche Intelligenz: Deepfake-Videos mit Voice-Cloning, KI-generierte Fake-Nachrichten-Websites und automatisierte Übersetzungen für das Pravda-Netzwerk. Ein dokumentiertes Bot-Netzwerk von über 6.000 Accounts verstärkt Videos auf Social Media. Auch die jüngst von Correctiv entlarvten Fake-Satellitenbilder zum Iran-Krieg tragen SynthID-Wasserzeichen, die auf KI-Generierung hinweisen.

Wahlen im Fadenkreuz

Die russischen Desinformationsmuster wirken auch in Deutschland konkret. Nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg im März 2026 setzte eine koordinierte Kampagne mit Falschbehauptungen über angeblichen Wahlbetrug ein, verbreitet über YouTube-Kanäle und ein Facebook-Netzwerk mit Spuren nach Vietnam. In unserem Artikel Angriff auf unsere Wahlen dokumentieren wir diesen konkreten Fall ausführlich.

Fazit

Die russische Bedrohung ist kein Hirngespinst und keine Übertreibung von Sicherheitsbehörden. Sie ist durch tausende dokumentierte Vorfälle, geleakte Originaldokumente, Gerichtsurteile und offizielle Attributionen belegt. Die Operationen reichen von gefälschten Nachrichtenseiten über Bestechung europäischer Politiker bis hin zu physischer Sabotage von Unterseekabeln und Anschlagsplänen auf den deutschen Güterverkehr.

Wer diese Bedrohung relativiert oder als Propaganda abtut, spielt Russland direkt in die Hände. Denn genau das ist das Ziel: Misstrauen säen, Müdigkeit erzeugen und die Gesellschaft so weit zu spalten, dass sie sich nicht mehr auf gemeinsame Fakten einigen kann. Der beste Schutz dagegen ist informierte Skepsis, nicht blinde Skepsis.