Link Beschreibung
CORRECTIV-Recherche über ein von der AfD entwickeltes KI-Tool namens "Alternita Studio", das automatisch Propaganda im Parteidesign erzeugt: Social-Media-Posts, Grafiken und Pressemitteilungen. Das System zieht stündlich Nachrichten ein (voreingestellt aus Nius, Junger Freiheit und Apollo News), sortiert nach prognostizierter Viralität und produziert über ein Modul "Geistschreiber" zugespitzte Texte. Technischer Unterbau sind kommerzielle KI-Modelle mit Aufgabenteilung: Gemini von Google für Texte, ChatGPT von OpenAI für Grafiken, Claude von Anthropic für Transkriptionen. Bei verfassungsfeindlichen Eingaben schönt das Tool die Formulierung, behält aber den Kern; KI-Bilder werden teils ohne die vorgeschriebene Kennzeichnung verbreitet, unter anderem auf dem Instagram-Account von Alice Weidel.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Recherche von CORRECTIV beruht auf einem Undercover-Zugang: Ein Reporter meldete sich unter falschem Namen als AfD-Kreisverbandsmitglied zu einem Schulungswebinar an und erhielt so eine Eins-zu-Eins-Vorführung des Tools durch Mario Hau, einen Mitarbeiter der AfD-Bundesgeschäftsstelle. Zusätzlich testete CORRECTIV das Tool selbst mit einem überlassenen Zugang und dokumentierte die Ergebnisse per Screenshot sowie einer Bildschirmaufnahme.
Die zentralen Befunde der Recherche wurden von einer zweiten, unabhängigen Institution bestätigt: Das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie erhielt von CORRECTIV ebenfalls Testzugang und veröffentlichte eine eigene, tiefergehende Analyse. Diese bestätigt unter anderem, dass die AfD-Firma Alternita Nachrichtenfeeds von Nius, Junger Freiheit, Apollo News, Bild-Politik und dem ntv-Wirtschaftsteil einliest und über einen "Viralitätsscore" filtert, wobei am Ende überproportional häufig Meldungen zu Straftaten von Menschen mit Migrationshintergrund übrig bleiben. Das Zentrum ordnet das Tool auch rechtlich ein: Es sieht mögliche Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen von OpenAI, Google und Anthropic (die politische Kampagnen bzw. Hassrede/Belästigung ausdrücklich untersagen) sowie eine mögliche künftige Einstufung als "Hochrisiko-KI" nach dem EU AI Act ab Ende 2027. Als das Zentrum den KI-Assistenten Claude bat, das Tool anhand von Screenshots nachzubauen, verweigerte dieser das mit der Begründung, es handle sich um eine Maschine für "computational propaganda" beziehungsweise "koordiniertes inauthentisches Verhalten".
Die AfD-Anwälte widersprechen laut CORRECTIV mehreren Kernpunkten: Alice Weidel veröffentliche ihre Social-Media-Beiträge zwar über die Software, generiere sie aber nicht damit. Das Tool sei "noch in der Entwicklungsphase", die eigentliche Markteinführung sei erst für 2027 geplant, was der Aussage von Hau im Webinar widerspricht, wonach der Start bereits am 1. Juli 2026 erfolgt sei und es "schon zwei Kunden" gebe. Zur fehlenden KI-Kennzeichnung bei Bildern erklärten die Anwälte, ein Export ohne Hinweis sei technisch nicht vorgesehen und könne nur durch einen "Anwendungsfehler" der Nutzer entstehen. Dem hält CORRECTIV eigene Testergebnisse entgegen, da die Redaktion das unmarkierte Bild selbst direkt mit der Software erzeugt haben will. Die Kennzeichnungslücke bei den auf Weidels Instagram-Account gefundenen mutmaßlich KI-generierten Beiträgen, darunter eine Beileidsbekundung zu einem Amoklauf in Stade, bestreiten die Anwälte ebenfalls; ein KI-Ursprung sei laut CORRECTIV durch ein Verifizierungstool von OpenAI bestätigt worden. Diese wechselseitigen Widersprüche sind in der öffentlich zugänglichen Fassung nicht abschließend aufzulösen; hier stehen Aussage (AfD-Anwälte) gegen dokumentierte Rechercheergebnisse (CORRECTIV).
Die von CORRECTIV zitierten Reaktionen der KI-Anbieter fallen unterschiedlich aus: Google äußerte sich laut Artikel nur telefonisch und ohne verwertbares Statement, OpenAI teilte mit, man untersuche die Nutzung, Anthropic reagierte demnach überhaupt nicht auf die Anfrage.
Fazit
Eine gut belegte, investigative Recherche mit Undercover-Zugang, eigenem Testlauf und unabhängiger Zweitbestätigung durch das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie. Die AfD bestreitet über ihre Anwälte zentrale Punkte, insbesondere Zeitplan und Zurechenbarkeit einzelner KI-Inhalte; diese Gegendarstellungen sind im Artikel dokumentiert, aber nicht unabhängig überprüfbar. Kein einzelnes, isoliert bewertbares Faktum, sondern eine Systemrecherche, daher kein Urteil im Sinne einer Einzelbehauptungsprüfung.
