Zur Quelle "CORRECTIV" springen
Stand: 19.04.2026

Fünf gängige Fehldeutungen der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025

Link Beschreibung

Hintergrund-Faktencheck von CORRECTIV (Sara Pichireddu, 15. April 2026) zur polizeilichen Kriminalstatistik 2025. Der Text entkräftet fünf gängige Fehldeutungen, die regelmäßig von der AfD verbreitet werden, darunter Falschbehauptungen von Alice Weidel zu angeblich explodierenden Messerangriffen sowie AfD-Behauptungen zu Sexualdelikten und Kinderkriminalität durch Migranten. CORRECTIV zeigt, dass rund 60 Prozent aller Verfahren eingestellt werden, dass Bevölkerungswachstum als Faktor übersehen wird und dass die Ausweitung des § 177 StGB im Jahr 2016 einen statistischen Sprung erklärt, der oft als realer Anstieg verkauft wird.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) ist in erster Linie ein Arbeitsnachweis der Polizei und kein Abbild der tatsächlichen Kriminalität in Deutschland. Das ist der zentrale Befund des CORRECTIV-Hintergrundartikels, der fünf wiederkehrende Fehldeutungen systematisch entkräftet.

Zur 60-Prozent-Einstellungsrate: Das Statistische Bundesamt belegt, dass 2024 rund 60 Prozent aller staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren eingestellt wurden. Wer PKS-Tatverdächtige mit Tätern gleichsetzt, ignoriert also, dass sechs von zehn Fällen nicht einmal zur Anklage führen.

Zur Bevölkerungszahl: Die absolute Tatverdächtigenzahl wächst schon dann, wenn die Bevölkerung wächst, ohne dass mehr Menschen kriminell werden. Dass die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) über alle Gruppen seit 2009 um 11,3 Prozent gesunken ist, während die absolute Zahl annähernd gleich blieb, zeigt diesen Verzerrungseffekt deutlich.

Zu den Sexualdelikten: Der sprunghafte Anstieg ab 2017 erklärt sich wesentlich durch die Reform des § 177 StGB 2016, mit der das Prinzip "Nein heißt Nein" eingeführt und der neue Straftatbestand sexueller Belästigung (§ 184i) geschaffen wurde. Die Reform trat am 10. November 2016 in Kraft (Wikipedia: Sexualstrafrecht (Deutschland)). 2017 waren allein 9.619 der 56.047 neu erfassten Fälle dem neuen § 184i zuzurechnen - das erklärt fast vollständig den statistischen Sprung. Wer den Anstieg als reale Zunahme von Übergriffen darstellt, ohne diese Gesetzesänderung zu erwähnen, zeichnet ein falsches Bild.

Zur "Ausländerkriminalität": Die PKS erfasst keinen Migrationshintergrund, sondern nur die Staatsangehörigkeit. Die Gruppe der "Nicht-Deutschen" umfasst Touristen, Grenzpendler und Geflüchtete gleichermaßen. Kriminologin Gina Wollinger erklärt laut CORRECTIV-Hintergrundartikel, dass mehrere Faktoren das Bild verzerren: höhere Anzeigebereitschaft gegenüber migrantisch gelesenen Personen, bestimmte Tatkontexte wie Gemeinschaftsunterkünfte, die häufiger angezeigt werden, sowie sozioökonomische Ursachen wie Armut und geringere Bildungsteilhabe. Laut Wollinger "gibt es für das Konstrukt 'Ausländer' kein gemeinsames Merkmal, das relevant wäre für die Kriminalität".

Zu den Messerangriffen: Die Kategorie "Messerangriffe" wird in der PKS erst seit dem 1. Januar 2024 vollständig erfasst. Behauptungen über einen Anstieg "seit 2015", wie sie Alice Weidel laut CORRECTIV-Faktencheck vom Juli 2025 verbreitete, sind methodisch unhaltbar: Zeitreihenvergleiche sind vor diesem Datum nicht sinnvoll möglich.

Der Artikel ist ein präventiver Debunking-Text, der pünktlich zur erwarteten Veröffentlichung der bundesweiten PKS 2025 im April 2026 erschienen ist (Bundestag: Kleine Anfrage zur PKS 2025). Die zitierten Experten - Dietrich Oberwittler vom Max-Planck-Institut und Niklas Harder vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung - sind anerkannte Fachleute. Alle zentralen Zahlen werden mit Primärquellen belegt.

Fazit

CORRECTIV liefert hier eine methodisch solide und gut belegte Einordnung der typischen AfD-Narrative rund um die PKS. Die fünf beschriebenen Fehldeutungen sind real und werden tatsächlich regelmäßig von AfD-Politikern wie Alice Weidel verbreitet. Die Gegenargumente sind durch Primärquellen (Destatis, BKA, Strafgesetzbuch) und Expertenmeinungen gut gestützt.