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Stand: 24.04.2026

TikTok-Video stellt Spritpreis-Demo als Massenprotest gegen heimliche Merz-Gehaltserhöhung dar

Link Beschreibung

CORRECTIV-Faktencheck (Max Bernhard) zu einem viralen TikTok-Video, das mit der Behauptung "Zehntausende vor dem Kanzleramt" und der Aufschrift "historisch" eine angebliche Massenkundgebung gegen eine heimliche 65.000-Euro-Gehaltserhöhung von Bundeskanzler Friedrich Merz inszeniert. Tatsächlich zeigt das Video laut Bilder-Rückwärtssuche und mehreren Agenturbildern eine Demonstration gegen hohe Spritpreise am 17. April 2026 in Berlin (Veranstalter Sebastian Bormann, Autokonvoi aus Emden) mit laut Polizei bis zu 300 Teilnehmenden. Eine Gehaltserhöhung in dieser Höhe war zwar in einem Gesetzentwurf des BMI (Dobrindt) diskutiert, wurde nach Kritik aber auf rund 10.000 Euro reduziert und ist nicht beschlossen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der TikTok-Beitrag des Accounts volk.408 kombiniert zwei reale, aber unzusammenhängende Vorgänge zu einer manipulativen Erzählung: eine kleine Spritpreis-Demonstration und einen abgemilderten Gehalts-Gesetzentwurf. Aus dieser Kombination zimmert das Video einen "historischen" Massenprotest, den es so nie gegeben hat. CORRECTIV ordnet die Behauptung als falsch ein und stützt sich dabei auf Bilder-Rückwärtssuche, Agenturfotos und Polizeiangaben.

Das im TikTok-Clip gezeigte Bildmaterial stammt nachweislich vom 17. April 2026 in Berlin. Der Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung und rbb24 berichten übereinstimmend von einem Autokonvoi aus Emden, der am späten Abend vor Bundestag und Bundeskanzleramt endete. Veranstalter war Sebastian Bormann aus Emden, der die Aktion unter dem Titel "17.04.2026 Generalstreik, Autokonvoi von Emden nach Berlin mit 50 km/h" angemeldet hatte. Die Berliner Versammlungsbehörde listete die Kundgebung als "Demonstration Autokonvoi von Emden nach Berlin"; laut der Berliner Polizei nahmen bis zu 300 Personen teil. Eine zweite Veranstaltung in der vom TikTok-Beitrag suggerierten Größenordnung gab es nach Auskunft einer Polizeisprecherin nicht.

CORRECTIV verifiziert den Aufnahmeort über drei Bildmerkmale: das im Hintergrund sichtbare Bundeskanzleramt, das weiter rechts liegende Bundestagsgebäude und die erhöht stehende Person, die mit Bormann auf einem Pickup-Truck identifiziert wird. Ein DPA-Agenturbild von Michael Ukas zeigt Bormann an genau dieser Position. Damit ist der Aufnahmekontext eindeutig belegt; die behauptete Anti-Merz-Massendemonstration ist eine reine Decontextualisation.

Auch die Behauptung der "heimlichen" Gehaltserhöhung um 65.000 Euro hält der Prüfung nicht stand. Alexander Dobrindt hatte als Bundesinnenminister einen Gesetzentwurf zur Besoldung von Spitzenbeamten vorgelegt, der zunächst eine entsprechende Erhöhung für Friedrich Merz vorgesehen hätte. Nach öffentlicher Kritik wurde die Erhöhung im überarbeiteten Entwurf auf rund 10.000 Euro pro Jahr reduziert; verabschiedet ist der Entwurf laut yahoo finance (Stand 24. April 2026) noch nicht. Aktuell erhält der Kanzler ein Amtsgehalt von 26.807,26 Euro pro Monat, mit Abgeordnetenentschädigung und Zulagen insgesamt rund 40.000 Euro im Monat. Von einer "heimlichen" Erhöhung kann ohnehin keine Rede sein, da der Entwurf öffentlich kursierte und genau deshalb medial korrigiert wurde.

Bemerkenswert ist die Reaktion in den TikTok-Kommentaren: Während einige Nutzerinnen und Nutzer Zweifel äußern oder das Material für KI-generiert halten, fragen andere ernsthaft, warum Medien über die angebliche Massendemonstration nicht berichten. Genau dieses Misstrauen gegenüber etablierten Medien ist die Sollbruchstelle, die solche Decontextualisation-Clips ausnutzen: Sie liefern eine emotional aufgeladene Erklärung dafür, dass über ein "historisches" Ereignis nichts zu finden ist, weil es das Ereignis schlicht nicht gab.

Fazit

CORRECTIV belegt sauber, dass das TikTok-Video Bildmaterial einer kleinen Spritpreis-Demonstration mit einer frei erfundenen Anti-Merz-Massenkundgebung verknüpft und gleichzeitig die Gehaltsdebatte verzerrt. Die Faktenfackel teilt das Verdikt "Falsch": Bezeichnung, Teilnehmerzahl und Anlass des gezeigten Protests sind falsch dargestellt, und die behauptete heimliche 65.000-Euro-Gehaltserhöhung hat es so nicht gegeben.