Link Beschreibung
Apollo News veröffentlichte am 6. August 2026 einen Artikel mit der Schlagzeile "Fast jeder vierte Eritreer und jeder fünfte Somalier in Schottland sitzt im Gefängnis". Die Rechnung dahinter steht offen im Text: Zum Stichtag 22. Mai 2025 saßen nach Angaben des Scottish Prison Service 5 eritreische und 7 somalische Staatsangehörige in schottischer Haft, insgesamt 653 ausländische Staatsangehörige. Diese Zahlen teilt der Text durch die im schottischen Zensus 2022 gezählten 19 eritreischen und 32 somalischen Pässe und kommt so auf Haftquoten von 26,3 und 21,9 Prozent. Die Berechnung stammt vom konservativen Abgeordneten Stephen Kerr, der die per Informationsfreiheitsanfrage erhaltenen Haftzahlen mit Zensusdaten verglich; veröffentlicht wurde sie im Telegraph.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Behauptung ist falsch. Beide Ausgangszahlen sind echt, aber sie beschreiben nicht dieselbe Grundgesamtheit, und der Nenner ist keine Bevölkerungszahl.
Der Zensus zählt Pässe, nicht Menschen, und er ordnet nach Rangfolge zu. Die Frage nach gehaltenen Pässen im britischen und schottischen Zensus lässt Mehrfachnennungen zu. Um Doppelzählungen zu vermeiden, erscheint jede Person anschließend in nur einer Kategorie, und zwar nach einer festen Priorität: erst britischer Pass, dann irischer, dann sonstige Staaten, und bei mehreren sonstigen nur der zuerst genannte. Wer eingebürgert ist und einen britischen Pass besitzt, wird also in der UK-Kategorie gezählt und nicht unter "eritreischer Pass" oder "somalischer Pass". Menschen ohne Pass fehlen ganz. Die 19 und 32 sind damit keine Gemeindegrößen, sondern der schmale Rest, der zum Zensusstichtag ausschließlich einen eritreischen oder somalischen Pass hielt. Das Statistikamt weist genau darauf hin: Wer die Größe einer Zuwanderungsgruppe messen will, nutzt das Geburtsland, weil es sich nicht ändert und nicht von Einbürgerungsquoten abhängt (ONS: Guidance on using country of birth, nationality, and passports held data).
Die Größenordnung des Unterschieds. Für Somalia lässt sich das beziffern. Derselbe schottische Zensus 2022 weist nach dem Geburtsland 1.313 in Somalia geborene Personen in Schottland aus, gegenüber 32 gezählten somalischen Pässen. Das ist ein Faktor von rund 41. Rechnet man die 7 Gefangenen gegen diesen Nenner, ergibt sich ein Anteil von etwa 0,5 Prozent statt der behaupteten 21,9. Für Eritrea ist die Geburtsland-Zahl des Zensus 2022 nicht in den frei zugänglichen Standardtabellen enthalten; der Zensus 2011 zählte 399 in Eritrea geborene Personen in Schottland, und die eritreische Zuwanderung nach Großbritannien nahm nach 2015 deutlich zu. Eine belastbare Einzelzahl für 2022 liegt uns nicht vor, die Richtung ist aber eindeutig: Der tatsächliche Nenner liegt um mindestens eine Größenordnung über 19.
Fünf und sieben Personen tragen keine Quote. Bei so kleinen Zählwerten verschiebt ein einzelner Häftling das Ergebnis um mehrere Prozentpunkte. Der Artikel belegt das unfreiwillig selbst, indem er daneben Albaner mit 94 Gefangenen zu 594 Pässen und Vietnamesen mit 81 zu 533 nennt. Dort sind die Größenordnungen wenigstens vergleichbar, bei Eritrea und Somalia ist die Prozentangabe eine Scheingenauigkeit.
Zähler und Nenner meinen verschiedene Gruppen. Die Haftstatistik erfasst ausländische Staatsangehörige unabhängig davon, ob sie in Schottland wohnen. Der Zensus erfasst ausschließlich Wohnbevölkerung. Wer zur Tatbegehung einreist oder ohne festen Wohnsitz lebt, erscheint im Zähler und in keinem Nenner. Denselben Effekt haben wir für die deutsche Debatte in der NOZ-Erhebung zum Anteil nichtdeutscher Häftlinge beschrieben; dort kommt hinzu, dass die Untersuchungshaft mitgezählt wird und Fluchtgefahr bei Wohnsitz im Ausland häufiger angenommen wird.
Der Text ist über ein Jahr alt. Die Telegraph-Auswertung erschien am 30. Juli 2025. Apollo News bringt sie am 6. August 2026 ohne erkennbaren neuen Anlass, ohne das Erscheinungsdatum der Auswertung zu nennen und in der Gegenwartsform. Der Stichtag der Haftzahlen liegt im Mai 2025.
Fazit
Der Artikel erfindet keine Zahl, er dividiert zwei Größen, die nicht zueinander passen. Aus 5 und 7 Gefangenen und einem Nenner, der Eingebürgerte und Passlose ausschließt, entsteht eine Quote, die das Vielfache des tatsächlichen Anteils beträgt. Für Somalia lässt sich der Fehler beziffern: rund 0,5 statt 21,9 Prozent. Wer wissen will, wie häufig eine Gruppe straffällig wird, braucht einen Nenner, der dieselben Menschen zählt wie der Zähler, und Fallzahlen, bei denen eine Prozentangabe überhaupt eine Aussage trägt. Beides fehlt hier.
