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Stand: 18.05.2026

Klimakatastrophe abgesagt: Deutschland-Kurier verdreht IPCC-Szenario-Neubewertung

Irreführend

Link Beschreibung

Der Deutschland-Kurier behauptet unter der Überschrift "Katastrophe ist abgesagt: 'Weltklimarat' widerruft die Apocalypse!", der IPCC habe die Klimakatastrophe widerrufen. Das ist eine erhebliche Verdrehung.

Was stimmt

Im April 2026 veröffentlichten 44 IPCC-Autoren um Detlef van Vuuren das neue ScenarioMIP-CMIP7-Rahmenwerk für den kommenden 7. Sachstandsbericht (AR7). Darin stellen sie fest, dass das bisherige Hochszenario SSP5-8.5 (vormals RCP8.5) "unplausibel geworden" ist: aufgrund sinkender Kosten für erneuerbare Energien, tatsächlich umgesetzter Klimapolitik und aktualisierter Emissionstrends. Das Szenario setzte voraus, dass der weltweite Kohleverbrauch bis 2100 auf das 6,5-Fache ansteigt, was heute niemand mehr für wahrscheinlich hält. Das ist ein realer wissenschaftlicher Befund.

Was falsch ist

Der Artikel zieht daraus den Schluss, die gesamte Klimaforschung sei "Klimaschwindel" und alle klimapolitischen Maßnahmen hätten auf falschen Prognosen beruht. Das stimmt nicht.

Das neue CMIP7-Rahmenwerk ersetzt RCP8.5 durch neuere Szenarien. Die projizieren weiterhin erhebliche Erwärmung. Laut van Vuuren et al. reichen die Temperaturprojektionen für 2100 je nach Szenario von etwa 1,5 bis knapp 3,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Das mittlere Szenario, das die aktuelle Politik bis 2100 fortschreibt, landet bei 2,5 bis 3 Grad. Auch das IPCC AR6 hat für das Szenario SSP2-4.5 (mittlere Emissionen) einen Anstieg von 1,2 bis 2,6 Grad über 1995-2014 als sehr wahrscheinlich angegeben, was rund 2,7 Grad über vorindustriellem Niveau entspricht.

Genauso wichtig: Auf der anderen Seite des Korridors halten van Vuuren et al. fest, dass ein Erreichen des 1,5-Grad-Ziels ohne ein Überschreiten praktisch nicht mehr realistisch ist. Das "Very Low"-Szenario (VL) ist ausdrücklich nicht mehr als reiner 1,5-Grad-Pfad konzipiert, sondern soll das Überschreiten so begrenzen, dass die Erwärmung bis 2100 wieder darunter sinkt. Wörtlich: "At this point of time, some overshoot of the 1.5 °C seems unavoidable." Das heißt: Der wahrscheinliche Erwärmungs-Korridor verengt sich an beiden Enden. Das Extremszenario am oberen Rand fällt weg, der reine 1,5-Grad-Pfad am unteren Rand ebenfalls. Die realistische Spanne liegt heute zwischen einem deutlichen Überschreiten von 1,5 Grad und knapp unter 3,5 Grad.

Kurzum: Die Abkehr von RCP8.5 bedeutet, dass das schlimmste Szenario weniger wahrscheinlich ist als früher gedacht. Sie bedeutet nicht, dass der Klimawandel sich in Luft aufgelöst hat - und schon gar nicht, dass das 1,5-Grad-Ziel noch im Greifen wäre.

Zum Bundesverfassungsgericht

Der Artikel behauptet auch, der Klimabeschluss des BVerfG vom 24. März 2021 stehe nun "auf Sand", weil er sich auf RCP8.5 gestützt habe. Das ist falsch. Das Gericht nennt RCP8.5 mit keinem Wort. Es zitiert den IPCC-Sonderbericht von 2018 und die Berechnungen des Sachverständigenrats für Umweltfragen auf Basis des 1,5-Grad- und 2-Grad-Ziels des Pariser Abkommens. Die verfassungsrechtliche Argumentation gründet auf dem Paris-Ziel und dem CO2-Restbudget, nicht auf einem einzelnen Hochszenario.