Link Beschreibung
Die Junge Freiheit wertet am 3. November 2026 eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des AfD-Abgeordneten Christopher Drößler zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 aus. Aus den Anteilen deutscher Opfer bei Sexualdelikten mit ausländischen Tatverdächtigen schließt der Text, ausländische Täter nähmen gezielt Deutsche und besonders deutsche Minderjährige ins Visier.
Die JF nennt folgende Zahlen: Unter 4.798 erfassten Opfern in Fällen mit mindestens einem ausländischen Tatverdächtigen seien 2.752 (57,4 Prozent) Deutsche gewesen. Bei minderjährigen Opfern, denen mindestens ein volljähriger ausländischer Beschuldigter gegenüberstand, seien es 585 von 800 (73,1 Prozent). Ausländer stellten knapp 17 Prozent der Bevölkerung, auf Konstellationen mit mindestens einem ausländischen Tatverdächtigen entfielen aber 38 Prozent der Delikte. Der AfD-Abgeordnete Drößler folgert daraus: "Insbesondere Minderjährige werden Opfer ausländischer Täter."
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Grundlage. Die Kleine Anfrage 21/8702 vom 19. Oktober 2026 existiert und fragt nach Opfern und Tatverdächtigen beim PKS-Schlüssel 111000 (Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff im besonders schweren Fall einschließlich mit Todesfolge) im Jahr 2025. Die Antwort der Bundesregierung ist bislang nicht als Bundestagsdrucksache veröffentlicht, die Zahlen lassen sich deshalb nur über die Wiedergabe der JF nennen. Ihre Rechenschritte sind in sich stimmig: 2.752 von 4.798 sind 57,4 Prozent, 7.066 von 7.817 sind 90,4 Prozent, 585 von 800 sind 73,1 Prozent. Die zweite Grafik der JF nennt als Quelle "21/8202". Das ist ein Fehler: Drucksache 21/8202 ist eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion vom 24. September 2026 zu einem außenpolitischen Thema.
Opfer und Tatverdächtige sind nicht fallgenau verknüpft. Nach der Darstellung der JF weist die Bundesregierung selbst darauf hin, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik keine Verknüpfung zwischen Opfern und Tatverdächtigen enthält und ein Zusammenhang nur über aufgeklärte Fälle herzustellen ist. Zur Auswertungslogik der PKS schreibt die Bundesregierung in der Antwort auf eine frühere Anfrage Drößlers (21/6789): Opfer, die mehrfach betroffen sind, werden mehrfach gezählt, und zu einem Fall können mehrere Opfer und mehrere Tatverdächtige erfasst sein. Es genüge, wenn ein Opfer oder ein Tatverdächtiger ein Merkmal aufweist, damit der Fall zu diesem Merkmal gezählt wird. Ein Fall mit einem deutschen und einem ausländischen Tatverdächtigen zählt damit als Fall "mit ausländischem Tatverdächtigen". Welcher Tatverdächtige welches Opfer betroffen hat, sagt die Statistik nicht.
Die Zahlen sprechen eher gegen die These vom gezielten Zugriff auf Deutsche. Wer gezielt Deutsche auswählt, müsste überdurchschnittlich oft deutsche Opfer haben. Nach den JF-Zahlen ist es umgekehrt: In Fällen mit ausschließlich deutschen Tatverdächtigen waren 90,4 Prozent der Opfer Deutsche, in Fällen mit mindestens einem ausländischen Tatverdächtigen nur 57,4 Prozent. Ausländische Tatverdächtige stehen demnach deutlich öfter Opfern ohne deutschen Pass gegenüber. Auch der Bevölkerungsanteil liefert keinen Hinweis auf eine Bevorzugung. Nach der Bevölkerungsfortschreibung des Statistischen Bundesamts lebten Ende 2025 rund 12,4 Millionen Ausländer bei 83,5 Millionen Einwohnern, das sind etwa 15 Prozent. Bei den unter 20-Jährigen liegt der Ausländeranteil bei 15,2 Prozent, Deutsche stellen dort also rund 85 Prozent. Der Anteil deutscher minderjähriger Opfer von 73,1 Prozent liegt unter diesem Wert. Die Altersgrenzen decken sich nicht ganz (unter 18 gegenüber unter 20 Jahren), der Abstand von rund zwölf Prozentpunkten ist aber deutlich. Auch bei Vergewaltigung insgesamt waren nach der Vorstellung der PKS 2025 22,3 Prozent der Opfer nichtdeutsch, rund 78 Prozent also deutsch. Dieser Wert gilt für den engeren Tatbestand Vergewaltigung und ist mit dem Schlüssel 111000 nicht deckungsgleich, zeigt aber die Größenordnung.
Der Vergleich von 17 mit 38 Prozent ist verkürzt. Dass nichtdeutsche Tatverdächtige in der PKS bei Sexualdelikten überrepräsentiert sind, ist keine Erfindung der JF: Laut der PKS-Vorstellung 2025 lag ihr Anteil bei Vergewaltigung bei 38,5 Prozent. Die 38 Prozent der JF sind aber ein anderer Wert: Nach ihrem Wortlaut entfielen sie "auf Konstellationen mit mindestens einem ausländischen mutmaßlichen Täter". Das ist kein Anteil von Tatverdächtigen, sondern ein Anteil an den gezählten Opfern: Rechnerisch entspricht er dem Verhältnis von 4.798 Opfern in Fällen mit mindestens einem ausländischen Tatverdächtigen zur Summe aus diesen 4.798 und den 7.817 Opfern in Fällen mit ausschließlich deutschen Tatverdächtigen, also 38,0 Prozent. Weil alle Opfer eines gemischten Falls vollständig der Gruppe "mit ausländischem Tatverdächtigen" zugerechnet werden, fällt dieser Wert eher höher aus als ein Anteil an den Tatverdächtigen. Die JF setzt ihren Wert außerdem mit den "knapp 17 Prozent" ins Verhältnis, die sich nur aus dem Ausländerzentralregister ergeben (14,07 Millionen Personen). Die amtliche Bevölkerungsfortschreibung zählt rund 1,7 Millionen weniger. Die Altersstruktur fehlt im Vergleich der Gesamtanteile ganz: Nach der Bevölkerungsfortschreibung sind 20 Prozent der 20- bis 59-Jährigen Ausländer, bei den ab 60-Jährigen nur 6,5 Prozent. Die Statistik zeigt, wie viele Verdächtige erfasst wurden, nicht, wie wahrscheinlich eine Tat in einer Gruppe ist.
"Beweisen" und "im Visier" gehen über die Daten hinaus. Die PKS zählt erfasste Fälle und Verdächtige. Über Absichten, Tatplanung oder eine Auswahl der Opfer sagt sie nichts. Die JF-Überschrift behauptet einen gezielten Zugriff auf deutsche Minderjährige, den keine der genannten Zahlen belegt. Nach Darstellung der JF zieht die Bundesregierung aus ihrer Antwort keine solchen Schlüsse.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Die Zahlen der JF sind in sich stimmig, stützen die Überschrift aber nicht: Ausländische Tatverdächtige haben nach diesen Zahlen seltener deutsche Opfer als deutsche Tatverdächtige, und der Anteil deutscher Minderjähriger unter den Opfern liegt unter ihrem Bevölkerungsanteil. Zutreffend ist, dass nichtdeutsche Tatverdächtige in der Statistik überrepräsentiert sind. Dass sie gezielt deutsche Kinder und Jugendliche auswählen, lässt sich aus einer Statistik ohne fallgenaue Verknüpfung von Opfern und Tätern nicht ablesen.
