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Stand: 03.05.2026

AfD-1.-Mai-Kundgebung in Göppingen mit Oliver Hilburger als Hauptredner: Industrie-Krise im Filstal als Hintergrund

Link Beschreibung

Gesa von Leesen für Kontext: Wochenzeitung verknüpft in dieser Reportage vom 29. April 2026 zwei Erzählstränge: die Ankündigung einer Die "Alternative für Deutschland" -Kundgebung zum 1. Mai in Göppingen und die anhaltende Deindustrialisierung des Filstals. Die Verbindung ist kein Zufall, sondern Absicht -- die AfD versucht gezielt, den Feiertag der Arbeiterbewegung zu besetzen.

Hilburger als Hauptredner

Laut Social-Media-Ankündigung war Oliver Hilburger als Hauptredner der AfD-Kundgebung angekündigt. Hilburger ist der Gründer der Organisation Zentrum Automobil / Zentrum (seit 2022 kurz "Zentrum"), die sich als Gewerkschaftsalternative präsentiert, von Arbeitnehmerrechtsexperten und Gewerkschaften aber als rechtsextreme Betriebsgruppe ohne Tarifbefugnis eingestuft wird. Hilburger ist Ex-Gitarrist der rechtsextremen Band "Noie Werte" (gegründet 1987, aufgelöst 2010) und verfügt laut Verfassungsschutzbehörden über Verbindungen zur verbotenen Neonazi-Organisation Blood & Honour sowie zu NPD und III. Weg.

Die Göppingen-Kundgebung stand 300 Meter vom Veranstaltungsort der parallelen DGB-Kundgebung entfernt. Der DGB-Aktionstag auf dem Schillerplatz Göppingen begann um 10 Uhr unter dem Motto "Erst unsere Jobs, dann eure Profite" und war nach Eigenbeschreibung als "Familienfest mit politischen Reden" angelegt.

Kommunale Stärke der AfD

Im Göppinger Gemeinderat sitzen seit der Kommunalwahl vom 9. Juni 2024 sieben AfD-Mitglieder, drei mehr als in der vorherigen Periode. Bei der Landtagswahl Baden-Württemberg am 8. März 2026 lag die AfD im Wahlkreis Göppingen mit 23,1% der Erststimmen über dem landesweiten AfD-Ergebnis von rund 18,8% -- das beste AfD-Ergebnis je in einer westdeutschen Landtagswahl. Die IG Metall und der DGB - Deutscher Gewerkschaftsbund stehen einer AfD-Regionalpräsenz gegenüber, die arbeitspolitische Begriffe wie "Jobs" und "Profite" besetzt, ohne Tarifpolitik oder gewerkschaftliche Organisierung anzubieten.

Industriekrise im Filstal

Den Hintergrund der Auseinandersetzung bildet eine tiefe Strukturkrise. Laut Kontext sind im vergangenen Jahr sieben Unternehmen in der Region durch Schließung weggefallen. Konkret genannt sind:

  • Mahle-Werk Eislingen: rund 260 Beschäftigte, Standortschließung ursprünglich für 2026 geplant, nach Protesten auf Ende 2029 verschoben
  • Allgaier: bereits geschlossen
  • Schuler: deutlicher Stellenabbau
  • MAG IAS (früher Boehringer): Jobabbau laufend
  • Emag Salach: 300 Stellen weggefallen
  • WMF: unsichere Zukunft
  • Dazu Schließungen von Groupe-SEB-Marken: Kaiser Backformen (Diez), Silit (Riedlingen), Messer (Hayingen)

IG-Metall-Sekretär Michael Kocken wird mit dem Satz zitiert: "Vom 30-Mann-Betrieb bis zu großen wie Allgaier -- mit der Industrie geht es in der Region bergab."

Gewerkschaftliche und kommunalpolitische Antworten

IG Metall und DGB - Deutscher Gewerkschaftsbund haben gemeinsam mit dem Transformationsnetzwerk CARS 2.0 eine erste Filstalkonferenz organisiert, die einen Dialog mit Unternehmen, Wirtschaftsförderungen und Kommunalpolitik herstellen soll. Eine zweite Konferenz ist in Planung. Kocken: "Wir brauchen dringend Ideen und Konzepte für eine regionale Strukturpolitik."

Oberbürgermeister Alex Maier (Grüne, 35 Jahre alt, Mitgründer von "Göppingen nazifrei") verwies auf den HIVE-KI-Inkubator, der im September 2025 auf dem ehemaligen Boehringer-Areal eröffnet wurde und Start-ups mit mittelständischen Unternehmen der Region vernetzt. Er betonte, dass Unternehmer in der Region Ansprechpartner wollen, ohne nach Heilbronn oder Stuttgart fahren zu müssen. Am 1. Mai wollte er "selbstverständlich" zur DGB-Kundgebung gehen.

Einordnung

Der Artikel von Kontext dokumentiert, wie die AfD in einer von Deindustrialisierung betroffenen Region versucht, den 1. Mai symbolisch zu besetzen. Hilburger als Hauptredner ist dabei kein Zufall: Er steht für eine Strategie, rechtsextreme Netzwerke in Betrieben zu verankern und gleichzeitig als "Arbeiterpartei" zu wirken -- ohne Tarifbindung, ohne Streikrecht, aber mit gezielter Nutzung betrieblicher Wahlrechte. Die Gleichzeitigkeit von DGB- und AfD-Kundgebung in 300 Metern Abstand macht den Konflikt um die Deutungshoheit über Arbeit, Krise und Zukunft im Filstal sichtbar.