Link Beschreibung
Videomitschnitt der Bundespressekonferenz vom 20. April 2026 zur Vorstellung der polizeilichen Kriminalstatistik 2025. Auftretende: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), BKA-Präsident Bundeskriminalamt Holger Münch und Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) als IMK-Vorsitzender.
Dobrindts Framing
Dobrindt eröffnete mit dem sachlich korrekten Gesamtrückgang von 5,6 Prozent, setzt dann aber sofort den Fokus auf "nichtdeutsche Tatverdächtige": 42,9 Prozent der Straftaten, "erhebliche Überrepräsentanz", eine grafisch aufbereitete Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) für ausgewählte Nationalitäten.
Zitat: « 42,9% der Straftaten werden durch nichtdeutsche Tatverdächtige verübt. Dazu gibt es auch eine tatverdächtigen Belastungszahl, die das deutlich macht. Es gibt eine erhebliche Überrepräsentanz von ausländischen Tatverdächtigen. » (Alexander Dobrindt)Das auffälligste Zahlenbild, das Dobrindt präsentiert: bei Afghanen und Syrern sei die TVBZ im männlichen Bereich "fast zehnfach so hoch" wie bei Deutschen.
Zitat: « Wir reden hier über eine fast zehnfach so hohe tatverdächtigen Belastungszahl, die wir im Jahr 2025 erkannt haben. » (Alexander Dobrindt)Auf Nachfrage erklärt Dobrindt den Kriminalitätsrückgang mit gesunkenen Ankunftszahlen, und zwar als "simplen Zusammenhang", der "wesentlicher Grund" für sinkende Zahlen sei.
Zitat: « Ich glaube, man muss da gar nicht so viel hineinpretieren, sondern das ist ein relativ simpler Zusammenhang - es ist natürlich ein wesentlicher Grund dafür, dass wir in diesem Bereich jetzt auch sinkende Kriminalitätszahlen sehen. » (Alexander Dobrindt)Einordnung
Was stimmt: Die Rohzahlen der PKS sind korrekt wiedergegeben. Der Gesamtrückgang von 5,6 Prozent ist real. Dass nichtdeutsche Tatverdächtige als Gruppe eine höhere TVBZ aufweisen als Deutsche, ist ebenfalls kein Fehler, so steht es in der Statistik.
Was verzerrt: Dobrindts Framing blendet systematisch Kontextfaktoren aus, die die TVBZ-Differenz erheblich erklären:
- Kontrolldelikte: Ausländerrechtliche Verstöße (unerlaubte Einreise, Aufenthaltsverstöße) können nur Nichtdeutsche begehen. Zieht man sie heraus, schrumpft die scheinbare Überrepräsentanz deutlich. BKA-Chef Münch selbst rechnet vor: bereinigt um Cannabis-Legalisierung und ausländerrechtliche Verstöße landet man bei 3,5 statt 5,6 Prozent Rückgang, was zeigt, wie viel strukturelles Gewicht diese Delikte haben.
- Alters- und Geschlechtsstruktur: Junge Männer zwischen 18 und 30 haben in allen Bevölkerungsgruppen die höchste Kriminalitätsrate. Zuwanderer sind im Schnitt deutlich jünger und überwiegend männlich. Ein fairer Vergleich müsste alters- und geschlechtsstandardisiert erfolgen. Das ifo-Paper zu Migration und Kriminalität zeigt, dass nach solcher Bereinigung der Unterschied deutlich kleiner ausfällt.
- Der Rückgang bei Zuwanderern: IMK-Vorsitzender Andy Grote nennt den entscheidenden Gegenpunkt, den Dobrindt nicht erwähnt: Bei Zuwanderern sank die Kriminalität um 9,2 Prozent, also überproportional zum Gesamtrückgang von 5,6 Prozent. Das deutet gerade nicht auf ein Problem, das durch restriktivere Einwanderungspolitik gelöst werden müsste, sondern auf eine positive Entwicklung in dieser Gruppe.
Das Kausal-Framing: Dobrindts Behauptung, sinkende Ankunftszahlen seien "wesentlicher Grund" für den Kriminalitätsrückgang, ist eine politisch motivierte Zuspitzung. Grote selbst sagte explizit, man könne den Anteil "nicht seriös quantifizieren". Weitere Faktoren: konsequente Waffenverbote, erhöhte Polizeipräsenz, demografische Effekte bei Jugendlichen. netzpolitik.org fasst zusammen, dass die Kriminalitätsrate (Straftaten pro 100.000 Einwohner) sogar noch stärker sank als die absolute Zahl - ein Signal dafür, dass es sich nicht einfach um einen Zuwanderungs-Effekt handelt.
Fazit
Die Zahlen stimmen, das Framing verzerrt. Alexander Dobrindt präsentiert ausgewählte TVBZ-Daten ohne die nötigen methodischen Einschränkungen, ignoriert den überproportionalen Rückgang bei Zuwanderern (-9,2 %) und überhöht den Migrationsfaktor zur alleinigen Erklärung sinkender Kriminalitätszahlen. CORRECTIV hat die wichtigsten Behauptungen zur PKS 2025 eingeordnet. Der Mediendienst Integration erklärt ausführlich, warum rohe TVBZ-Vergleiche ohne Alters- und Strukturbereinigung methodisch unzulässig sind.
