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Stand: 22.08.2026

Szalontay: Queersein ist eine psychische Krankheit

Falsch

Link Beschreibung

Bericht von queer.de vom 20. August 2026 über Attila Szalontay, Fraktionschef der AfD im Gemeinderat von Neufahrn im Landkreis Freising. Er bezeichnet queere Menschen als psychisch krank und fordert ein Verbot des "Offenen Queertreffs", eines Angebots des gemeindlichen Kinder- und Jugendhauses und der Gemeindebibliothek für Menschen ab zwölf Jahren.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Zur Echtheit des Zitats: Es stammt nach Darstellung von queer.de aus einer Pressemitteilung der AfD-Fraktion, zuerst berichtet hat der Münchner "Merkur". queer.de und Schwulissimo geben ihn wortgleich wieder, einschließlich der ungewöhnlichen Wortschöpfung "Queerdenkende". Dass zwei Redaktionen unabhängig voneinander denselben schiefen Begriff transportieren, spricht dafür, dass sie ein Original wiedergeben und nicht paraphrasieren. Schwulissimo führt zusätzlich einen vierten Satz an, der bei queer.de fehlt ("Wenn sich Queerdenkende treffen wollen, sollen sie dies im Rahmen von Erwachsenen tun, aber nicht unter Einbeziehung von Minderjährigen"), hat den Merkur-Text also selbst gelesen. Das österreichische Portal GGG.at berichtet denselben Vorgang, glättet den ersten Halbsatz aber zu "nichts gegen queere Menschen". Die Abweichung betrifft nicht die Aussage, zeigt aber, dass beim Weiterreichen bereits redigiert wird.

Am stärksten wiegt die Reaktion des Ersten Bürgermeisters: Ozan Iyibas (CSU) wird mit einer ausführlichen Erwiderung zitiert, die sich ausdrücklich auf die Formulierungen "psychisch krank" und "normal denkend" bezieht. Ein amtierender Bürgermeister widerspricht nicht namentlich und wörtlich einer Äußerung, die es nicht gegeben hat. Ein Dementi Szalontays oder der AfD-Fraktion ist bis zum 22. August nicht auffindbar.

Zwei Belege ließen sich aus dieser Recherche heraus nicht direkt einsehen: der Merkur-Artikel selbst und die zugrundeliegende Pressemitteilung. Die Domain der AfD Freising leitet inzwischen auf eine Aussteiger-Kampagne um, ein Original der Mitteilung ist dort nicht mehr abrufbar. Die Zuschreibung stützt sich damit auf die übereinstimmende Wiedergabe durch mehrere Redaktionen und die Reaktion des Bürgermeisters, nicht auf das Primärdokument.

Inhaltlich ist die Behauptung falsch. Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität am 17. Mai 1990 durch Beschluss der Weltgesundheitsversammlung aus der Liste psychischer Störungen gestrichen; an dieses Datum erinnert seither der Internationale Tag gegen Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit (WHO Europe). In der aktuellen ICD-11 wurde zudem die Kategorie "Geschlechtsinkongruenz" aus dem Kapitel der psychischen und Verhaltensstörungen herausgenommen und in ein eigenes Kapitel zur sexuellen Gesundheit verschoben. Die WHO begründet das ausdrücklich damit, dass trans und geschlechtlich vielfältige Identitäten keine psychischen Erkrankungen sind und ihre Einordnung als solche "enormes Stigma" verursachen kann (WHO: Gender incongruence and transgender health in the ICD). Die Aussage widerspricht damit der Klassifikation genau jener Institution, die für sie zuständig ist, und zwar seit mehr als 35 Jahren.

Die Einleitung "ich sehe es als" macht daraus keine bloße Meinung. Ob etwas eine Krankheit ist, entscheidet sich an medizinischen Klassifikationssystemen und nicht am Empfinden eines Kommunalpolitikers. Wer sagt, er sehe etwas als Krankheit an, was medizinisch keine ist, äußert keine Geschmacksfrage, sondern eine überprüfbare und in diesem Fall unzutreffende Behauptung. Die vorangestellte Versicherung, man habe "persönlich nichts gegen" die Betroffenen, ändert daran nichts: Eine Gruppe für psychisch krank zu erklären, ist die Zuschreibung selbst und keine Toleranzbekundung. Iyibas weist zudem darauf hin, dass der Gebrauch von "psychisch krank" als Abwertung zugleich jene herabsetzt, die tatsächlich mit einer psychischen Erkrankung leben.

Der Vorgang steht in einem größeren Zusammenhang. Die AfD-Fraktion fordert in derselben Mitteilung ein sofortiges Verbot des Angebots und spricht von "Frühsexualisierung" und "ideologischer Beeinflussung", ein Vokabular, mit dem queere Jugendarbeit regelmäßig als Gefährdung dargestellt wird. Nach Angaben von queer.de erhielt die AfD bei der Kommunalwahl am 8. März 2026 in Neufahrn 9,1 Prozent und drei Mandate im Gemeinderat; das amtliche Ergebnis der Gemeinde war für diese Prüfung nicht abrufbar. Bürgermeister Iyibas kündigte an, am nächsten Treffen selbst teilzunehmen, "nicht, um eine politische Front aufzubauen, sondern um deutlich zu machen: Diese jungen Menschen gehören zu unserer Gemeinde."

Fazit

Das Zitat ist nach der verfügbaren Belegkette echt: Zwei unabhängige Redaktionen geben es wortgleich wieder, eine davon ausführlicher als die andere, und der Erste Bürgermeister von Neufahrn widerspricht ihm namentlich und im Wortlaut. Der Merkur-Artikel und die Pressemitteilung selbst waren für diese Prüfung nicht einsehbar, ein Dementi gibt es nicht. Die Behauptung selbst ist falsch: Die WHO hat Homosexualität 1990 aus der Liste psychischer Störungen gestrichen und Geschlechtsinkongruenz in der ICD-11 ausdrücklich aus dem Kapitel der psychischen Störungen herausgenommen. Die Formulierung "ich sehe es als" verschiebt die Aussage nicht ins Meinungsfeld, weil die Frage, ob etwas eine Krankheit ist, nicht dem persönlichen Empfinden unterliegt.