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Stand: 07.05.2026

Großrazzia gegen Neonazi-Jugendgruppen in zwölf Bundesländern

Link Beschreibung

Am 6. Mai 2026 hat die Bundesanwaltschaft rund 50 Objekte von 36 Beschuldigten der Neonazi-Jugendgruppen "Jung & Stark" (JS) und "Deutsche Jugend Voran" (DJV) in zwölf Bundesländern durchsuchen lassen. Über 600 Bundes- und Landespolizisten waren im Einsatz. Festnahmen gab es zunächst keine.

Bewertung

Einordnung

Die beiden Gruppen existieren laut Bundesanwaltschaft seit Mitte 2024 und sind bundesweit mit Regionalgruppen organisiert, darunter auch in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg, Sachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Die DJV tritt gelegentlich auch unter dem Namen "Neue Deutsche Welle" auf. Mitglieder treten häufig im Stil der 1990er-Jahre-Neonaziszene auf, mit Bomberjacken und kahlgeschorenem Kopf. Sicherheitsbehörden schätzen JS auf mehrere hundert, DJV auf über hundert Anhänger.

Der Hauptvorwurf lautet Bildung einer kriminellen Vereinigung nach § 129 StGB, gegen die meisten Beschuldigten auch Rädelsführerschaft. Acht Personen werden zusätzlich wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Opfer waren nach Angaben der Bundesanwaltschaft Angehörige der linken Szene sowie Personen, die die Gruppen für Pädophile hielten: In sogenannten "Pädo-Huntings" lockten Mitglieder Personen über gefälschte Profile und griffen sie dann zu mehreren an, teils mit erheblichen Verletzungsfolgen. Im August 2025 griffen DJV-Anhänger am Berliner Ostkreuz zwei Journalisten tätlich an. Der jüngste Beschuldigte der aktuellen Razzia ist 16 Jahre alt.

Die Razzia steht in einem größeren Zusammenhang: Im Mai 2025 hatte die Bundesanwaltschaft bereits gegen die Neonazi-Gruppe "Letzte Verteidigungswelle" ermittelt, die als terroristische Vereinigung eingestuft wurde und unter anderem ein Kulturhaus in Brandenburg in Brand gesetzt hatte. Der Hamburgerprozess gegen sieben mutmaßliche Mitglieder der LVW läuft noch. Die Razzia vom 6. Mai 2026 trifft organisatorisch eigenständige Gruppen, zeigt aber dasselbe Muster: junge Täter, militante Gewaltbereitschaft, netzgestützte Organisation.

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kommentierte die Durchsuchungen mit den Worten, Rechtsextremismus sei "die größte Gefahr, die Deutschland von innen droht", und warnte vor einer "gesamtdeutschen Bedrohung" durch gewaltorientierten Rechtsextremismus besonders unter Jugendlichen.

Fazit

Die Razzia ist ein Zeichen, dass die Bundesanwaltschaft den Aufstieg gewaltbereiter Neonazi-Jugendstrukturen ernst nimmt und sie bereits auf Ebene der kriminellen Vereinigung verfolgt, ohne auf den Terrorismus-Paragrafen zurückzugreifen. Ob aus den Ermittlungen Anklagen folgen, bleibt abzuwarten. Der Zulauf zu solchen Gruppen hält an.