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Stand: 06.08.2026

Tichys Einblick: Niedrigwasser, Panikmache statt Präzision

Komplex

Link Beschreibung

Kolumne von Holger Douglas in der Reihe "Klima-Durchblick", veröffentlicht am 5. August 2026. Douglas wirft Medien und Politik vor, das Rhein-Niedrigwasser zur Krise aufzublasen, und führt das auf eine Verwechslung von Pegelstand, Abflussmenge und Fahrrinnentiefe zurück. Er nennt Tagespegel vom 4. August 2026 (Worms 0 cm, Kaub 27 cm, Köln 70 cm, Duisburg-Ruhrort 150 cm) neben Abflusswerten (Kaub 598 m³/s, Köln 643 m³/s, Duisburg-Ruhrort 659 m³/s) und historischen Vergleichszahlen (Kaub 1947: 482 m³/s, 2018: 544 m³/s; Köln 1853: 401 m³/s). Kern der Argumentation ist die Aussage, der Rheinpegel liege 17 Zentimeter über dem historischen Minimum von 1954.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Douglas trifft mit der Unterscheidung zwischen Pegelstand, Abfluss und Fahrrinnentiefe einen berechtigten Punkt: Alle drei Größen messen unterschiedliche Dinge, und Berichte vermischen sie tatsächlich häufig. Seine zentrale Zahlenbehauptung lässt sich zudem bestätigen: Die amtliche ELWIS-Datenbank der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung nennt für den Pegel Speyer einen historischen Tiefstwert von 152 Zentimetern am 4. Januar 1954 (ELWIS: Pegel Speyer). Bei dem im Text genannten Stand von 169 Zentimetern am 4. August 2026 ergeben sich damit exakt die behaupteten 17 Zentimeter Abstand.

Anders als beim Kölner Pegel, dessen Nullpunkt 1979 um einen Meter abgesenkt wurde, ist der Vergleich in Speyer über die Zeit tatsächlich einigermaßen belastbar: Der dortige Pegelnullpunkt wurde zuletzt 1885 deutlich verändert, seither gab es nur noch kleinere systeminterne Anpassungen von wenigen Zentimetern (1953, 1998, 2017), die die Lage des Pegels zum Gelände nicht verändert haben. Der Vergleich zwischen 1954 und 2026 ist an dieser Stelle also, anders als ein entsprechender Vergleich am Kölner Pegel es wäre, methodisch vertretbar.

Problematisch ist die Verallgemeinerung, mit der der Text seine Kernaussage zuspitzt: Im Fließtext schränkt Douglas korrekt auf Speyer ein ("Am 4. August stand der Pegel dort bei 169 Zentimetern"), doch die pointierte Kurzfassung der Kolumne spricht pauschal von "dem Rheinpegel" und lässt offen, dass es sich um einen einzelnen von mehreren Pegeln handelt. Das eigentliche Ereignis, über das im August 2026 berichtet wurde, war der neue Rekordtiefstand am Pegel Köln: Dort unterschritt der Pegel am 1. August 2026 mit rund 66 bis 68 Zentimetern (je nach Quelle und Messzeitpunkt) den bisherigen, erst im Oktober 2018 aufgestellten Rekord von 69 Zentimetern (Wikipedia: Pegel Köln; Swissinfo: Rheinpegel erreicht bei Köln historischen Tiefstand). Dieser Kölner Rekord bezieht sich durchgehend auf den seit 1979 gültigen Nullpunkt (2003, 2018, 2026) und ist damit intern konsistent. Ein Vergleich mit 1954 wäre an dieser Stelle gerade wegen der 1 Meter-Verschiebung des Kölner Nullpunkts, die der Text an anderer Stelle selbst korrekt als Erosions- und Nullpunktproblem benennt, nicht seriös möglich, aber Douglas versucht diesen Vergleich für Köln auch nicht. Die pauschale Einordnung, wonach die "Panikmache" über das "Rekordniedrigwasser" auf einer Verwechslung von Kennzahlen beruhe, trifft für den tatsächlich gemeldeten Kölner Rekord aber trotzdem nicht zu: Der ist, anders als die Zuspitzung suggeriert, methodisch stichhaltig, weil er innerhalb desselben Nullpunkt-Systems seit 1979 gemessen wird.

Die Klimaeinordnung im Text ist im Kern korrekt zitiert: Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) sieht für den Zeitraum bis 2050 tatsächlich keine eindeutige Entwicklungsrichtung bei sommerlichen Niedrigwasserabflüssen. Für die zweite Jahrhunderthälfte erwarten die zugrundeliegenden Klimaprojektionen aber einen deutlichen Rückgang der sommerlichen Niedrigwasserabflüsse, während sich historische Niedrigwasserextreme im 20. Jahrhundert vor allem in winterdominierten Regionen abgeschwächt haben, nicht in den sommer- und herbstbetonten (IKSR-Bericht Nr. 248: Bestandsaufnahme zu den Niedrigwasserverhältnissen am Rhein). Das im Text mit "Lesen im Kaffeesatz" abgetane Fazit der IKSR ist differenzierter, als die Formulierung nahelegt, und spricht jedenfalls nicht für eine pauschale Entwarnung.

Fazit

Die konkrete Zahl, 17 Zentimeter über dem historischen Minimum von 1954 am Pegel Speyer, ist zutreffend und, anders als ein entsprechender Vergleich am Kölner Pegel, methodisch nachvollziehbar belegt. Die daraus abgeleitete pauschale Einordnung der gesamten Berichterstattung als "Panikmache statt Präzision" geht aber zu weit: Der tatsächlich gemeldete Kölner Pegelrekord ist, anders als die zugespitzte Kernaussage suggeriert, selbst ein methodisch stichhaltiger Vergleich innerhalb desselben Nullpunkt-Systems und wird durch den Speyer-Vergleich nicht widerlegt.