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Stand: 29.08.2026

Tichy: Antifa-Blatt von 1995 gegen Grünen-Mitarbeiter

Irreführend

Link Beschreibung

Beitrag von Sofia Taxidis bei Tichys Einblick vom 29. August 2026, acht Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Der Text stützt sich auf das "Antifaschistische Infoblatt" Nr. 31 vom September/Oktober 1995, das David Seidlitz als "stadtbekannten Neonazi" und Mitglied eines "Unabhängigen Arbeitskreises" in Quedlinburg führt. Seidlitz ist heute Regionalgeschäftsführer der Grünen für Sachsen-Anhalt Mitte und Ehemann der Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz.

Der Artikel benennt selbst, dass die Angaben nicht neu sind: Der damalige Fraktionsvorsitzende der Die "Alternative für Deutschland" im Landtag Sachsen-Anhalt, Oliver Kirchner, brachte das Heft am 19. Mai 2022 in den Landtag ein, Sziborra-Seidlitz antwortete mit einer persönlichen Erklärung. Den Vorwurf, ihr Mann sei Kader gewesen oder habe eine Zelle geleitet, wies sie zurück, die Freundschaft zu Steffen Hupka bestätigte sie. Tichys Einblick schränkt die eigene Zuspitzung dabei selbst ein: Drei Jahrzehnte seien eine lange Zeit, die Vergangenheit eines jungen Erwachsenen allein könne kaum ein Urteil über dessen heutige Gesinnung tragen, aktuell lägen keine belastbaren Hinweise auf fortdauernde rechtsextreme Aktivitäten vor, und ein glaubwürdiger Ausstieg aus einer Neonazi-Szene vor rund 30 Jahren wäre kein Skandal. Auch den Unterschied zum Fall Möritz benennt der Text selbst: Die Fälle seien nicht identisch. Über der Überschrift trägt der Beitrag dennoch die Dachzeile "Grünlackiertes Haken-Kreuz", die die Zuschreibung von der Person auf die Partei ausweitet, und behauptet ohne eigenen Beleg, die "linksradikale Einfluss-Plattform" Campact e.V. unterstütze im Wahlkampf "Friends & Family von ehemaligen Neonazis". Der zweite Strang des Textes ist ein Vorwurf doppelter Maßstäbe mit Verweis auf die Kritik der Grünen am CDU-Politiker Robert Möritz 2019.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der historische Kern der Behauptung ist belegt. Das "Antifaschistische Infoblatt" Nr. 31 vom September/Oktober 1995 ist im Internet Archive vollständig einsehbar und enthält tatsächlich die von Tichys Einblick zitierten Angaben: Es beschreibt den Aufbau einer neonazistischen Zellenstruktur im Raum Quedlinburg durch den früheren Kader der verbotenen Nationalistischen Front, Steffen Hupka, und nennt David Seidlitz namentlich als einen der "stadtbekannten Neonazis" im sogenannten "Unabhängigen Arbeitskreis". Ein Foto in derselben Ausgabe zeigt ihn mit Bildunterschrift in der vorderen Reihe (die Bildunterschrift selbst bezeichnet die Gruppe an dieser Stelle als "Unabhängigen Freundeskreis", eine Abweichung innerhalb des Originalhefts, die den Inhalt nicht verändert).

Auch der zweite tragende Baustein des Artikels lässt sich am stenografischen Protokoll der Landtagssitzung vom 19. Mai 2022 nachvollziehen. Der damalige AfD-Fraktionsvorsitzende Oliver Kirchner zitierte dort wörtlich aus dem Infoblatt und stellte den Bezug zur Ehe selbst her: "Der Kollege S. ist der Mann von Frau Seidlitz." Auch die im Artikel wiedergegebenen Formulierungen aus der persönlichen Erklärung von Susan Sziborra-Seidlitz sind protokollgetreu: Sie bestätigte die Freundschaft ihres Mannes mit Steffen H., wies eine Kader- oder Zellenführungsrolle zurück, wollte die Darstellung "geraderücken" und sagte über ihn, er sei "ein lupenreiner Demokrat" und "absolut ohne jeden Zweifel Antifaschist". Dazu sagte sie wörtlich: "Es gibt demokratisches Reifungspotenzial innerhalb von 30 Jahren. Das zeigt sehr deutlich, dass es bei meinem Mann angekommen ist und bei Ihnen nicht." Das ist eine allgemeine Feststellung mit Spitze gegen die Die "Alternative für Deutschland", keine Bezeichnung, die sie ihrem Mann direkt anheftete. Die im Infoblatt behauptete Zugehörigkeit zum "Unabhängigen Arbeitskreis" selbst griff sie dabei nicht ausdrücklich auf, was der Artikel zutreffend vermerkt. Die Kader- und Zellenzuschreibung wies sie dagegen ausdrücklich zurück, nannte die Darstellung "ehrabschneidend" und führte sie auf die "damals sehr polarisierte Situation in Quedlinburg" zurück. Im selben Redebeitrag stellte sie klar, die persönlichen Verhältnisse ihrer Familie gingen "niemanden hier etwas an", und dass ihre Familie es sich "nicht ausgesucht" habe, "in ihrem Fokus zu stehen"; den ersten dieser Punkte referiert Tichys Einblick selbst, den zweiten nicht.

Was der Artikel jedoch ausspart: Kirchner erhielt für diese Passage einen Ordnungsruf, einen zweiten für die zuvor gefallene Bezeichnung einer Abgeordneten der Linken als "Terror-Queen". Kirchner hatte das Infoblatt-Zitat im Landtag Sachsen-Anhalt um einen eigenen Satz ergänzt: "Diese Frau" (gemeint ist Sziborra-Seidlitz) sei "mit einem waschechten Neonazi verheiratet" und teile "das Bett" mit ihm. Diese Zuspitzung stammt von Kirchner selbst, nicht aus dem Infoblatt, und Tichys Einblick verwendet sie an keiner Stelle. Vizepräsident Wulf Gallert nannte laut Protokoll drei Gründe: Es gehe "nicht nur um eine extrem fragwürdige Zuschreibung für eine Person auf der Basis einer 27 Jahre alten Quelle", er wisse "noch nicht einmal, ob die Person volljährig war", und Kirchner bezeichne "jemanden als Neonazi", "der sich selber nicht wehren kann". Vor allem aber gehe es darum, dass "zum wiederholten Male familiäre Bindungen und Beziehungen von Abgeordneten in diesem Landtag instrumentalisiert worden sind. Das überschreitet eine Grenze." Diese Einordnung durch das Präsidium des eigenen Landtags erwähnt der Artikel nicht. Der Hauptgrund, die Instrumentalisierung im Parlament, betrifft die Geschäftsordnung des Landtags und lässt sich auf einen Zeitschriftenbeitrag nicht übertragen. Die beiden anderen Punkte, das Alter der Quelle und ein Betroffener, der sich nicht wehren kann, gelten für den Artikel genauso.

Der Vergleich mit dem früheren CDU-Kommunalpolitiker Robert Möritz ist im Kern zutreffend, aber ungenau eingeordnet. Sziborra-Seidlitz und ihr damaliger Co-Vorsitzender Sebastian Striegel veröffentlichten im Dezember 2019 tatsächlich eine Pressemitteilung unter dem Titel "Wie viele Hakenkreuze haben Platz in der CDU?". Möritz war laut Zeit Online am 1. Mai 2011 im Alter von 19 Jahren als Ordner auf einer rechtsextremen Demonstration tätig, was mit der Altersangabe im Artikel übereinstimmt. Tichys Einblick schreibt, bei Möritz seien 2019 "zusätzlich Verbindungen im Raum" gestanden, "die jüngeren Datums waren", konkretisiert das aber nicht, obwohl der Unterschied für die eigene These vom doppelten Maßstab entscheidend ist. Laut der Pressemitteilung der Grünen selbst und übereinstimmender Berichterstattung, etwa im Fall-Möritz-Artikel der Wikipedia, waren das eine erst unter öffentlichem Druck beendete Mitgliedschaft im Verein "Uniter", der von Sicherheitsbehörden auf rechtsextreme Tendenzen geprüft wurde, sowie eine SS-Tätowierung mit dem Symbol der "Schwarzen Sonne", die Möritz trotz seiner Distanzierung nicht entfernen ließ. Der Unterschied zum Fall Seidlitz bleibt damit deutlich: Bei Möritz ging es 2019 um ein noch offen getragenes Symbol und eine erst im Zuge der Debatte beendete Vereinsmitgliedschaft, bei Seidlitz um eine rund 30 Jahre zurückliegende Zuschreibung aus der Jugend ohne erkennbare aktuelle Bezüge.

Laut der Kontaktseite des Grünen-Landesverbands Sachsen-Anhalt ist David Seidlitz tatsächlich als Regionalgeschäftsführer für Sachsen-Anhalt Mitte tätig, zuständig für die Kreisverbände Anhalt-Bitterfeld, Burgenlandkreis, Dessau-Roßlau, Saalekreis und Wittenberg. Er selbst hat kein Mandat inne und kandidiert nicht zur Landtagswahl.

Fazit

Belegt ist, dass das "Antifaschistische Infoblatt" David Seidlitz 1995 als Neonazi geführt hat und dass Oliver Kirchner diese Zuschreibung 2022 im Landtag wörtlich zitierte. Ob die Zuschreibung selbst zutraf, ist damit nicht belegt: Das Infoblatt ist eine Bewegungspublikation, kein Gerichtsurteil und kein behördlicher Befund, und das Landtagsprotokoll dokumentiert nur, dass Kirchner es 2022 vorgelesen hat, nicht ihren Wahrheitsgehalt. Sziborra-Seidlitz hat die Freundschaft ihres Mannes mit Steffen Hupka bestätigt, die Kader- und Zellenzuschreibung dagegen ausdrücklich zurückgewiesen und als "ehrabschneidend" bezeichnet.

Die tragenden Tatsachenangaben des Artikels stimmen: das Infoblatt von 1995, das Landtagsprotokoll von 2022, die Pressemitteilung der Grünen von 2019 und die heutige Funktion von David Seidlitz beim Landesverband. Irreführend wird der Text trotzdem, und zwar unabhängig vom ausgesparten Ordnungsruf: durch die Art, wie er die Zuschreibung vom Ehemann auf die Kandidatin und ihre Partei überträgt, ohne das an irgendeiner Stelle offen zu behaupten. Die Dachzeile "Grünlackiertes Haken-Kreuz" weitet die Zuschreibung auf die gesamte Partei aus. Der Satz, es sei "keineswegs selten, dass Menschen, die am meisten unter dem Teppich haben, die lautesten moralischen Trompeter sind", unterstellt Sziborra-Seidlitz indirekt, selbst etwas zu verbergen, ohne dass der Artikel dafür einen eigenen Beleg liefert. Die unbelegte Behauptung, Campact e.V. unterstütze im Wahlkampf "Friends & Family von ehemaligen Neonazis", zieht denselben Schluss noch weiter, auf das politische Umfeld der Kandidatin. Jeder dieser Bausteine für sich ist eine Meinungsäußerung oder eine unbelegte Andeutung, zusammengenommen ergeben sie den Vorwurf, die Kandidatin habe selbst etwas zu verbergen, für den der Artikel keinen Anhaltspunkt liefert.

Den Zeitpunkt spricht der Text selbst an: Man scheine "bis eine Woche vor der Wahl mit der erneuten Erinnerung" gewartet zu haben, das sei "ein sonst echt typischer ÖRR- und Spiegel-Move". Wen er damit meint, bleibt offen; für das Urteil trägt der Satz nichts bei.

Der ausgesparte Ordnungsruf gegen Kirchner spielt für dieses Urteil nur eine Nebenrolle. Sein Hauptgrund, die wiederholte Instrumentalisierung familiärer Bindungen im Parlament, betrifft die Geschäftsordnung des Landtags und nicht einen Zeitschriftenbeitrag, und Kirchner hatte die Zuschreibung zusätzlich mit einer eigenen Zuspitzung versehen, die Tichys Einblick nicht übernimmt. Eine solche Kontextlücke macht einen Meinungsbeitrag für sich genommen nicht irreführend.

Diese Bewertung gilt dem Artikel, nicht der Zuschreibung von 1995: Faktenfackel bestätigt die Zuschreibung nicht und widerlegt sie auch nicht. David Seidlitz ist eine Privatperson ohne Mandat, die nicht zur Landtagswahl antritt.