Link Beschreibung
Artikel von David Zauner (Frankfurter Rundschau) vom 20. April 2026 über eine Studie der australischen Wissenschaftler Alexander Larcombe (Lungenmediziner am The Kids Research Institute Australia in Perth) und Phil Bierwirth (emeritierter Umweltgeowissenschaftler an der Australian National University). Die Autoren analysierten Serum-Bikarbonatwerte sowie Kalzium- und Phosphatwerte von rund 7.000 Personen aus den US-Gesundheitsdaten der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) von 1999 bis 2020 und fanden parallel zum Anstieg der atmosphärischen CO₂-Konzentration (2000: 369 ppm, 2020: über 420 ppm) einen Anstieg der Bikarbonatwerte um etwa 7 % sowie sinkende Kalzium- (-2 %) und Phosphatwerte (-7 %). Kernthese: Der menschliche Organismus sei evolutionär an ein schmales CO₂-Fenster angepasst; steige die atmosphärische Konzentration weiter, könnte der Bikarbonatwert in 50 Jahren die obere Grenze des gesunden Bereichs erreichen.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Studie wurde im März 2026 im Fachjournal Air Quality, Atmosphere & Health (Springer) veröffentlicht und ist peer-reviewed. Datenbasis sind NHANES-Erhebungen, bei denen alle zwei Jahre repräsentative Stichproben der US-Bevölkerung untersucht werden - eine methodisch solide Grundlage für epidemiologische Beobachtungen.
Die beobachteten Korrelationen sind statistisch signifikant und die Trends über 20 Jahre konsistent. Der physiologische Mechanismus ist grundsätzlich plausibel: CO₂ aus der Umgebungsluft diffundiert ins Blut, reagiert mit Wasser zu Bikarbonat und H+-Ionen. Bei chronisch erhöhten CO₂-Werten kompensieren die Nieren durch verminderte Bikarbonat-Ausscheidung, was den beobachteten Bikarbonat-Anstieg erklären würde.
Die zentrale Schwäche der Studie liegt in der fehlenden Confounder-Kontrolle, die die Autoren selbst einräumen: Die NHANES-Daten wurden nicht nach Alter, Adipositas, Nierenfunktion, Diuretika-Einnahme oder Ernährungsgewohnheiten adjustiert. Gerade im Untersuchungszeitraum 1999-2020 wurde die US-Bevölkerung älter und adipöser, beides Faktoren, die unabhängig von CO₂ zu einer Übersäuerung des Blutes führen können, wie die im FR-Artikel zitierte Berliner Charité-Ärztin Susanne Koch erklärt. Kritiker verweisen zudem darauf, dass der menschliche Körper moderate, langsame CO₂-Anstiege über erhöhte Lungenventilation und Nierenregulation gut kompensieren kann, wie The Conversation: "Rising CO₂ levels are reflected in human blood. Scientists don't know what it means" (März 2026) zusammenfasst.
Ein weiteres methodisches Problem: Die NHANES-Teilnehmer verbringen den Großteil ihrer Zeit in Innenräumen, wo CO₂-Konzentrationen häufig 1.000 ppm überschreiten, was die Studie nicht erfasst. Die tatsächliche CO₂-Exposition der Probanden weicht erheblich von den atmosphärischen Außenwerten ab.
Der FR-Artikel von David Zauner vermittelt die Studienbefunde sachlich und holt mit Susanne Koch (Charité) eine externe Expertin ein, die die Limitierungen klar benennt. Alarmistische Verkürzung findet nicht statt.
Fazit
Die Studie zeigt eine interessante Korrelation zwischen steigenden atmosphärischen CO₂-Werten und veränderten Blut-Bikarbonatwerten in der US-Bevölkerung, kann aber keine Kausalität belegen. Fehlende Confounder-Adjustierung ist die zentrale methodische Lücke. Der FR-Artikel gibt den Forschungsstand korrekt wieder und ordnet die Limitierungen ein. Das Thema verdient weitere Forschung, die Kausalfrage ist offen.
