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Stand: 10.06.2026

Mario Voigt und KI: Reden des Thüringer Ministerpräsidenten großflächig KI-generiert

Wahr

Link Beschreibung

Aiko Kempen und Jonathan Peaceman weisen mit den Analysetools Pangram und GPTZero nach, dass Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) Reden und Gastbeiträge systematisch von KI schreiben lässt: 9 von 11 analysierten Reden liegen über 50 Prozent KI-Anteil, die Gedenkrede für die Opfer des Nationalsozialismus vom 29. Januar 2025, die Neujahrsansprache und ein FAZ-Gastbeitrag sind laut Pangram vollständig KI-generiert. Im FAZ-Gastbeitrag zu digitalem Kinderschutz stehen nicht verifizierbare Zitate von Jonathan Haidt, Gerald Hüther und Manfred Spitzer; Manfred Spitzer distanzierte sich von der ihm zugeschriebenen Passage und erklärte laut FragDenStaat, er glaube nicht, dass er den ihm zugeschriebenen Satz so wörtlich geschrieben habe. Die Staatskanzlei nennt KI ein "zeitgemäßes Hilfsmittel" und verweist auf eine fehlende Kennzeichnungspflicht, obwohl die Thüringer Dienstanweisung Transparenz bei wesentlicher KI-Beteiligung vorschreibt.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die FragDenStaat-Recherche setzt einen Befund fort, der bereits vor der Veröffentlichung bekannt war: Die Staatskanzlei hatte den KI-Einsatz für einen Gastbeitrag in der Welt bereits eingeräumt, nachdem Leser auf typische KI-Sprachmuster hingewiesen hatten. Voigt verteidigte das Vorgehen damals mit den Worten, seine Gedanken von Software in die Schriftform bringen zu lassen, sei ein Qualitätsbeweis für moderne Thüringer Politik.

Die Analyse von FragDenStaat zeigt nun, dass der Welt-Beitrag kein Einzelfall ist. Beim Vergleich mit 41 Texten anderer amtierender und ehemaliger Ministerpräsidenten fällt Voigts KI-Wahrscheinlichkeitswert laut Pangram um das Zehnfache höher aus. Das Muster zieht sich durch alle Textgattungen: Gedenkreden, Traueransprachen, Neujahrsansprachen, Zeitungsgastbeiträge.

Besonders brisant ist der FAZ-Gastbeitrag vom August 2025 zum Thema digitaler Kinderschutz. Die Zeitung hat den Beitrag nach der Veröffentlichung der FragDenStaat-Recherche aus dem Netz genommen und im Archiv gesperrt. Die FAZ erklärte dazu: "Bei Gastbeiträgen verlassen wir uns darauf, dass sie menschengemacht sind und indirekte und direkte Zitate stimmen." Zur Stellungnahme der Staatskanzlei sagte die Zeitung: "Diese Einlassung genügt uns als Antwort nicht", so t-online: "FAZ löscht Text von Voigt" (10.06.2026).

Das Kernproblem bei den drei Wissenschaftlerzitaten ist ein klassisches KI-Halluzinationsproblem: Sprachmodelle können scheinbar glaubwürdige Zitate erzeugen, die einer real existierenden Person zugeschrieben werden, aber nie so geäußert wurden. Dass Manfred Spitzer sich von dem ihm zugeschriebenen Satz distanziert, ist in diesem Zusammenhang ein Beleg für diesen Mechanismus.

Formal besteht eine Rechtslücke: Eine allgemeine Kennzeichnungspflicht für KI-unterstützte Texte gibt es in Deutschland nicht. Die Thüringer Muster-Dienstanweisung des Digitalministeriums sieht jedoch vor, dass bei wesentlichem KI-Anteil auf die Verwendung und das eingesetzte System hinzuweisen ist. Diese Vorgabe wurde bei keinem der untersuchten Texte eingehalten. Thüringens Digitalminister Steffen Schütz (BSW) erklärte laut t-online (10. Juni 2026), er erstelle Reden und Beiträge nicht mit KI, würde es aber kennzeichnen.

Die Affäre steht nicht für sich: Die TU Chemnitz hat Voigt Anfang 2026 den Doktortitel entzogen (Voigt hat Widerspruch eingelegt), nachdem Plagiatsforscher Stefan Weber im August 2024 eine Plagiatsanzeige bei der TU Chemnitz eingereicht hatte. Ein im Auftrag der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag erstelltes Folge-Gutachten identifizierte 125 weitere Plagiatsfragmente in Voigts Dissertation sowie zusätzliche Plagiate in fünf weiteren Veröffentlichungen. plagiatsgutachten.com: "Mario Voigt, es reicht! Vom Plagiat zur ungekennzeichneten KI" (02.06.2026) sieht in der KI-Affäre ein Muster des selben Grundproblems: fehlende inhaltliche Eigenleistung und Irreführung der Öffentlichkeit.

Fazit

Die FragDenStaat-Recherche ist durch mehrere unabhängige Quellen gestützt: die Staatskanzlei hat KI-Nutzung prinzipiell bestätigt, die FAZ hat den betroffenen Gastbeitrag offline genommen, und Manfred Spitzer distanzierte sich von der ihm zugeschriebenen Passage. Das Bild einer systematischen und nicht gekennzeichneten KI-Nutzung für emotionale und politisch gewichtige Texte ist damit belegt.