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Stand: 20.04.2026

State of Tax Justice 2024

Link Beschreibung

Der jährliche Bericht "State of Tax Justice 2024" des Tax Justice Network beziffert die durch Steuervermeidung und Steuerhinterziehung verursachten Einnahmeausfälle für Deutschland auf rund 43,9 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Diese Zahl setzt sich zusammen aus 37,7 Milliarden USD durch Corporate Profit Shifting, also Gewinnverlagerung multinationaler Konzerne in Niedrigsteuergebiete, und 6,2 Milliarden USD durch Offshore Tax Evasion, also Steuerhinterziehung über ausländische Konten und Vermögensstrukturen. Der Bericht wurde am 19. November 2024 veröffentlicht.

Datenbasis sind die Country-by-Country-Reporting-Daten (CbCR) der OECD, die seit 2016 konzerninterne Gewinnverteilungen erfassen, kombiniert mit BIS-Statistiken zu grenzüberschreitenden Bankeinlagen. Laut TJN gehört Deutschland damit zu den am stärksten betroffenen OECD-Ländern.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die deutschen Verlustzahlen des TJN fügen sich in eine gut dokumentierte Forschungslandschaft ein. Das EU Tax Observatory kommt im Global Tax Evasion Report 2024 mit einer anderen Methodik (Makrodaten aus Zahlungsbilanzen und bilateralen FDI-Statistiken nach Tørsløv/Wier/Zucman) auf global vergleichbare Größenordnungen: weltweit rund eine Billion US-Dollar Unternehmensgewinne in Steueroasen, rund 35 Prozent aller ausländischen Unternehmensgewinne. Das Foundational Paper "The Missing Profits of Nations" von Gabriel Zucman und Ko-Autoren in der Review of Economic Studies 2023 kommt zum Ergebnis, dass rund 40 Prozent aller multinationalen Gewinne in Steueroasen verschoben werden.

Die Schätzungen variieren je nach Abgrenzung. Das DIW Berlin veranschlagt die reinen Unternehmenssteuervermeidungsverluste Deutschlands traditionell konservativer im Bereich bis 30 Milliarden Euro pro Jahr (Netzwerk Steuergerechtigkeit: Gerechtigkeitscheck zum Global Tax Evasion Report 2024). Höhere Schätzungen, die in der Debatte teils bei 100 Milliarden Euro liegen, mischen in der Regel Kategorien (Unternehmen, Vermögen, Erbschaft, Kapitalertrag) und sind nicht direkt mit der TJN-Zahl vergleichbar. Die TJN-Summe von rund 44 Milliarden US-Dollar liegt damit im mittleren, gut belegten Bereich der Bandbreite.

Methodisch ist die CbCR-Basis des TJN eine Stärke: Sie nutzt tatsächlich gemeldete konzerninterne Gewinnverteilungen der großen Multinationals und nicht nur modellierte Makroaggregate. Der Preis dafür ist, dass Gewinne jenseits der Meldeschwelle (Konzerne mit weniger als 750 Millionen Euro konsolidiertem Umsatz) und nicht-gemeldete Ströme unterschätzt werden können. Genau deshalb ergänzen sich CbCR-Studien und Makro-Studien wie die des EU Tax Observatory.

Politisch relevant ist die Relation zur geltenden Gegenmaßnahme: Die OECD hat mit den Pillar-1- und Pillar-2-Beschlüssen eine globale Mindestbesteuerung von 15 Prozent für Konzerne ab 750 Millionen Euro Umsatz eingeführt. Deutschland hat Pillar 2 mit dem Mindestbesteuerungsgesetz (MinStG) im BGBl. 2023 I Nr. 397 vom 27. Dezember 2023 umgesetzt (BMF: FAQ globale Mindestbesteuerung). Das ifo Institut schätzte im Auftrag des BMF die Mehreinnahmen aus Pillar 2 für Deutschland auf 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro pro Jahr, zusammen mit dem noch nicht umgesetzten Pillar 1 kombiniert auf 2,4 bis 3,4 Milliarden Euro (ifo: OECD-Reform der Unternehmensteuern, 31. Juli 2023). Im Verhältnis zur TJN-Corporate-Profit-Shifting-Zahl von 37,7 Milliarden US-Dollar schließt Pillar 2 damit weniger als zehn Prozent der Lücke. Ursachen für die begrenzte Wirkung sind bekannte Schlupflöcher wie die Substance-based Income Exclusion, CbCR Safe Harbours und die Nicht-Beteiligung der USA an der vollen Umsetzung.

Als Einordnung der Quelle selbst: Das TJN ist eine erklärte Advocacy-Organisation für höhere Transparenz und Besteuerung. Die konkreten Methoden sind jedoch offengelegt und wurden in der wissenschaftlichen Debatte aufgegriffen. Für eine Politische Einordnung ist der Bericht eine belastbare Primärreferenz, sollte aber nicht als neutrale Regierungsstatistik dargestellt werden.

Fazit

Die TJN-Zahl von 43,9 Milliarden US-Dollar jährlichem Steuerverlust für Deutschland ist methodisch nachvollziehbar, durch unabhängige Arbeiten in ihrer Größenordnung bestätigt und gehört zu den präzisesten verfügbaren Einzelreferenzen zum deutschen Gewinnverlagerungs- und Steuerhinterziehungsproblem. Die politisch eingeführte Gegenmaßnahme Pillar 2 greift nach offizieller BMF-nahen ifo-Schätzung nur für einen kleinen einstelligen Prozentsatz dieser Lücke.