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Stand: 30.04.2026

Birgit Bessin / Martin Reichardt: "Falken" wegen Kinder-Sexualtipps von Zugang zu Bildungseinrichtungen ausschließen

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag vom 30. April 2026. Birgit Bessin (Mitglied im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend) und Martin Reichardt (bildungs- und familienpolitischer Sprecher) reagieren auf eine Broschüre der "Sozialistischen Jugend Deutschlands, Die Falken," ("24 Stunden sind kein Tag", Ausgabe 38, S. 30, Überschrift "Grabbelsack oder Beutelspaß"), in der für Kinder ab 8 bis 10 Jahren Übungen mit Gleitgel, Sexspielzeug, Lecktüchern und Vibratoren beschrieben sein sollen. Bessin nennt die Falken eine "skrupellose Lobbyorganisation der widerlichen Kindersexualisierung", Reichardt eine "Speerspitze für einen rabiaten linken Kulturkampf". Forderung: Ausschluss aus allen schulischen Veranstaltungen, Stopp der Bundesförderung. Bezug zum Pornografie-Vorfall an einer Oberschule in Schleife wird hergestellt, ein direkter inhaltlicher Zusammenhang zur Falken-Broschüre wird nicht belegt.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Broschüre und ihre tatsächliche Zielgruppe

Die Broschüre "24 Stunden sind kein Tag", Ausgabe 38 (Erscheinungsjahr 2018), ist laut Beschreibung auf der Falken-Website ein Methodenheft zu "sozialistischen Perspektiven auf Körper und Sexualität junger Menschen" mit "fundierten Wissen, interessanten Praxisberichten und vielen nützlichen Methoden". Die Reihe richtet sich nach Selbstauskunft der Falken an ihre pädagogische Praxis - also an Gruppenleiter, Teamer und ehrenamtliche Jugendleiter, nicht an Kinder als unmittelbare Adressaten. Hinweise auf dem Download der Broschüre lauten "Methoden für die Gruppenstunden" und enthalten "Erfahrungsberichte aus der Verbandspraxis" - Formulierungen, die auf ein Fachpublikum innerhalb des Verbands deuten.

Die zentrale Behauptung der Pressemitteilung - Kinder ab 8 bis 10 Jahren erhalten Anweisungen mit Gleitgel und Vibratoren - vermischt bewusst zwei Ebenen: die Methode selbst (eine Übung, bei der Gegenstände ertastet und benannt werden) und die Altersangabe, die sich in sexualpädagogischen Fachpublikationen typischerweise auf die Zielgruppen bezieht, mit denen Gruppenleiter arbeiten, nicht auf die Gruppenleiter selbst. Die "Grabbelsack"-Methode, bei der Teilnehmende blind Gegenstände aus einem Beutel ertasten, wird in vergleichbarer Form in einem breiten sexualpädagogischen Methodenspektrum verwendet - sowohl in Jugendleiterschulungen als auch im fortgeschrittenen Jugendgruppenbereich. Caritas-Materialsammlung zur Sexualpädagogik und BzgA-Rahmencurriculum listen ähnliche Methoden als Standardwerkzeug für sexualpädagogisch geschulte Fachkräfte auf.

Ob die konkrete Methode auf S. 30 für den Einsatz mit 8-Jährigen oder für eine Jugendleiterschulung gedacht ist, lässt sich ohne Direktzugang zum vollständigen PDF abschließend nicht klären. Die AfD-PM nennt keine genaue Seitenformulierung zur Zielgruppenangabe - sie setzt die Altersangabe ohne Quellenbeleg. Was feststeht: Die Broschürenreihe richtet sich als Methodenheft an Verbandsmitglieder in pädagogischen Rollen, und die Übung "Grabbelsack" entspricht sexualpädagogischen Standardmethoden.

Der Schleife-Vorfall: anderer Kontext, keine inhaltliche Verbindung

Die Pressemitteilung verknüpft die Broschürendebatte mit einem eigenständigen Vorfall an der Oberschule Schleife (Sachsen) im März 2026: Zwei externe Teamer des Berliner Falken-Landesverbands hatten im Rahmen eines Theaterprojekts zum Thema "Mut und Feigheit" ein pornografisches Magazin ("Queer Sex - Whatever The Fuck You Want!") unter Bastelmaterial für Neuntklässler hinterlassen. Laut taz-Bericht vom April 2026 und dem FAQ der Amadeu Antonio Stiftung war das Magazin laut Falken Berlin versehentlich in gespendeten Materialien. Der Schulleiter unterbrach das Projekt am ersten Tag, die Stiftung stoppte die Förderung des gesamten Projekts sofort, die Polizei ermittelt.

Dieser Vorfall hat inhaltlich keinen Zusammenhang mit der Broschüre "24 Stunden sind kein Tag". Das Pornografie-Magazin ist nicht Teil von Falken-Unterrichtsmaterialien - die Falken bestreiten dies ausdrücklich, die Darstellung von t-online (April 2026) bestätigt die Vorfallsversion der Falken als "Versehen". Die AfD-PM suggeriert eine inhaltliche Linie zwischen beiden Ereignissen, ohne einen solchen Beleg zu liefern.

Bundesförderung: Zahlen korrekt, Framing verzerrt

Die Falken erhalten tatsächlich erhebliche Bundesförderung. Laut Apollo News (April 2026) auf Basis einer parlamentarischen Anfrage des AfD-Abgeordneten Markus Matzerath erhielt der Bundesverband von 2016 bis 2026 insgesamt rund 13 Millionen Euro, davon 12,9 Millionen über die infrastrukturelle Förderung des Kinder- und Jugendplans (KJP). Das KJP ist das zentrale Förderinstrument des BMFSFJ für anerkannte Jugendverbände - die Falken sind seit Jahrzehnten ein anerkannter Verband im Deutschen Bundesjugendring. Die Förderung erfolgt nach transparenten Richtlinien und gilt nicht spezifisch für diese Broschüre.

Einordnung in die AfD-Framing-Strategie

Der "Frühsexualisierung"-Frame ist eine wiederkehrende rhetorische Strategie der AfD-Fraktion: Er verknüpft altersangemessene sexualpädagogische Arbeit mit dem Vorwurf der Kindesgefährdung. CORRECTIV hat im April 2024 dokumentiert, dass dieser Frame auf gezielt aus dem Kontext gerissenen Zitaten basiert und pädagogische Schutzfunktionen in ihr Gegenteil verkehrt. Die Pressemitteilung von Bessin und Reichardt folgt demselben Muster: Fachbegriffe werden emotional aufgeladen, der pädagogische Kontext ausgeblendet, und zwei eigenständige Ereignisse (Broschüre + Schleife) werden zu einem einheitlichen "Skandal" fusioniert.

Die Gesellschaft für Sexualpädagogik und über 100 Fachorganisationen - darunter Diakonie Deutschland und pro familia - haben in einer gemeinsamen Stellungnahme (April/Mai 2026) den Angriff auf sexuelle Bildung zurückgewiesen und betont: "Wer Sexuelle Bildung in der Kindheit abschaffen will, schützt damit nicht die Kinder, sondern potenzielle Täter."

Fazit

Die Pressemitteilung enthält korrekte Teilinformationen (Bundesförderung, Existenz der Broschüre, Vorfall in Schleife), verknüpft sie aber irreführend: Der pädagogische Kontext der Broschüre wird weggelassen, die Altersangaben werden so dargestellt, als würden Inhalte direkt an Grundschulkinder vermittelt, und der Schleife-Vorfall - ein eigenständiger Unfall ohne inhaltlichen Bezug zur Broschüre - wird als Beleg für eine systematische Agenda der Falken gerahmt. Das Urteil bleibt misleading.