Link Beschreibung
Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 6. August 2026. Steffen Kotré, energiepolitischer Sprecher der Fraktion, nennt die deutschen Gasspeicher "historisch niedrig": rund 47 Prozent gefüllt gegenüber 62,1 Prozent im Vorjahr, mit einer täglichen Zunahme von nur etwa 0,1 Prozentpunkten. Die staatliche Erdgasreserve von 24 Terawattstunden entspreche rund 10 Prozent der deutschen Speicherkapazität und trage Haushalte und Gewerbe in einem Extremwinter nur etwa 10 Tage zusätzlich. Das sei "das Ergebnis einer verfehlten Energie- und Sanktionspolitik"; die Fraktion fordert ein Ende der Russland-Sanktionen und die Wiederaufnahme russischer Energielieferungen.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Behauptung ist irreführend. Die Zahlen sind korrekt, die angehängte Ursache ist es nicht.
Der Speicherstand stimmt. Zum 4. August 2026 waren die deutschen Gasspeicher zu 48,5 Prozent gefüllt, gegenüber 62,1 Prozent im Vorjahr. Nach Angaben der Initiative Energien Speichern (INES), des Verbands der deutschen Gas- und Wasserstoffspeicherbetreiber, ist das der niedrigste Wert zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen (t-online zu den INES-Angaben). Auch die Größenordnung der staatlichen Reserve passt: 24 von rund 250 Terawattstunden Speicherkapazität sind etwa 10 Prozent. Die tagesaktuellen Füllstände sind bei der Bundesnetzagentur öffentlich einsehbar (Aktuelle Lage der Gasversorgung). An diesen Werten gibt es nichts zu korrigieren, und der Befund selbst ist ernst zu nehmen.
Die Ursache ist eine andere. INES nennt hohe Ausspeicherungen am Ende des Winters 2025/2026 und gestiegene Gaspreise, die die Wiederbefüllung erschweren. Der Kern ist eine Preisstruktur: Wer heute Gas kauft, um es im Winter zu verkaufen, braucht einen Preisabstand zwischen Sommer und Winter, der die Kosten deckt. Geschäftsführer Sebastian Heinermann benennt das ausdrücklich: "Der aktuell weiterhin negative Sommer-Winter-Spread erschwert wirtschaftliche Einspeicherungen erheblich und setzt kaum Anreize, die gebuchten Kapazitäten tatsächlich zu befüllen." Die Infrastruktur hat technisch genug Kapazität, es fehlt der wirtschaftliche Anreiz (INES: Marktbedingungen gefährden Wiederbefüllung der Gasspeicher). Das ist ein Rentabilitätsproblem, kein Verfügbarkeitsproblem. Sanktionen wirken auf die Verfügbarkeit einer Bezugsquelle, nicht auf den Sommer-Winter-Spread, und Gas ist am Markt beschaffbar. Die Kausalkette der Pressemitteilung setzt an der falschen Stelle an.
Der entscheidende Gegenbeleg ist der Blick über die Grenze. Der Speicherstand ist EU-weit niedrig, nicht nur in Deutschland. Ende Juli 2026 lag der EU-Durchschnitt bei 55,7 Prozent, nach Daten von Gas Infrastructure Europe, und die Spannweite reicht von 84 Prozent in Portugal und 74,3 in Italien über 54,7 in Frankreich und 46,2 in Deutschland bis zu 11,5 Prozent in Schweden (Eunews, 29. Juli 2026). Zum 1. April, dem Beginn der Einspeichersaison, waren die EU-Speicher erst zu 28 Prozent gefüllt (Euronews, 8. Juli 2026). Wenn derselbe Effekt in fast allen EU-Staaten gleichzeitig auftritt, kann er nicht das Ergebnis deutscher Regierungspolitik sein. Er ist ein europäischer Markteffekt. Dass Deutschland unter dem EU-Durchschnitt liegt, verlangt eine eigene Erklärung, aber nicht diese.
Was den europäischen Rückstand treibt. Euronews führt den EU-weiten Rückstand auf gestiegene Gaspreise infolge des Nahost-Konflikts, auf die Konkurrenz mit Asien um LNG-Ladungen und auf geringere Einspeicherraten zurück. Der geplante Ausstieg aus russischen Gasimporten steht in dieser Aufzählung, allerdings als beschlossene europäische Politik und nicht als Sanktionsfolge, die sich durch eine deutsche Kehrtwende auflösen ließe.
Ein preistreibender Faktor ist die Füllvorgabe selbst. Der maßgebliche Zielwert für den 1. November bleibt auf EU-Ebene bei 90 Prozent. Nach Darstellung von INES haben die verpflichtenden Füllquoten die Sommerpreise erhöht und das Einspeichern damit unattraktiv gemacht: Wer zu einem festen Datum kaufen muss, zahlt jeden Preis. Hier trifft die Kritik etwas, allerdings anders als behauptet. Flexibilisiert wurden nicht die 90 Prozent selbst, sondern die Ausnahmen, mit denen Mitgliedstaaten ihre individuelle Pflicht um bis zu rund 25 Prozentpunkte senken können. Deutschland nutzt diesen Spielraum nicht voll aus, sondern regelt über die eigene Gasspeicherfüllstandsverordnung von Mai 2025: 70 Prozent im Mittel, für Kavernenspeicher 80 und für Porenspeicher 45 Prozent (VKU zu den Füllstandszielen nach dem EU-Trilog). Eine Debatte über die Ausgestaltung dieser Vorgaben ist legitim. Sie führt aber zu Marktdesign, nicht zu Sanktionen.
Und ein Grund ist ausgerechnet die Hitze. INES nennt als weiteren Faktor die Hitzewelle: Niedrige Flusspegel nehmen europaweit Wasser- und Kernkraftwerke vom Netz, weshalb Erdgas in die Stromerzeugung geht statt in die Speicher. Als dritten Preistreiber führt der Verband Spannungen im Nahen Osten an, nicht die Russland-Sanktionen (t-online zu den INES-Angaben). Ein Teil des Problems, das die Pressemitteilung beklagt, ist damit eine Folge genau jener Dürre- und Hitzelage, deren Ursache dieselbe Fraktion bestreitet.
Die Zehn-Tage-Angabe bestreiten wir nicht. Wie lange eine Reserve von 24 Terawattstunden im Extremwinter trägt, hängt von Annahmen über Temperatur und Verbrauch ab. INES rechnet für einen Winter wie 2010 mit Fehlmengen von bis zu 9 Terawattstunden pro Monat. Die Größenordnung der Kotré-Angabe ist damit plausibel, und die Sorge um die Versorgungssicherheit im kommenden Winter ist berechtigt.
Fazit
Die Pressemitteilung beschreibt einen realen und ernsten Befund und hängt ihm eine Ursache an, die ihn nicht erklärt. Der niedrige Füllstand entsteht daraus, dass sich das Einspeichern derzeit nicht rechnet, und er tritt europaweit auf: Ende Juli lag der EU-Durchschnitt bei 55,7 Prozent, Deutschland bei 46,2. Aus einem gesamteuropäischen Markteffekt wird hier ein deutsches Politikversagen und daraus die Forderung nach russischem Gas.
Die Treiber, die der Speicherverband und europäische Berichterstattung benennen, sind andere: der negative Sommer-Winter-Spread, die verpflichtenden Füllquoten, die die Sommerpreise selbst nach oben treiben, die Hitzewelle, die Gas in die Stromerzeugung zieht, sowie Nahost-Konflikt und LNG-Konkurrenz mit Asien. Der beschlossene Ausstieg aus russischen Gasimporten gehört in diese Liste, aber als europäische Politikentscheidung mit langem Vorlauf, nicht als Sanktionseffekt, den eine deutsche Kehrtwende beheben könnte. Das Muster ist bekannt: eine zutreffende Kennzahl, die eine Schlussfolgerung tragen soll, für die sie nichts hergibt.
