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Stand: 21.06.2026

Paul Schmidt: Kernkraft statt Milliarden für neue Gaskraftwerke

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag vom 19. Juni 2026. Paul Schmidt, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Kernkraft der AfD-Bundestagsfraktion, kritisiert das geplante Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz (StromVKG). Er rechnet vor, die geplanten 11 GW Erdgas-Kraftwerksleistung kosteten mit Kapazitätsvergütungen von bis zu 173.000 Euro je Megawatt und Jahr über 15 Jahre etwa 35 Milliarden Euro. Stattdessen könnten die neun zuletzt stillgelegten Kernkraftwerke (12 GW) für nur etwa 18 Milliarden Euro innerhalb von 2 bis 5,5 Jahren wieder ans Netz, sie hätten zuvor Strom für unter 3 ct/kWh erzeugt. Schmidt beruft sich auf KernD und die Radiant Energy Group.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Kernbehauptung stützt sich auf zwei Studien: eine von KernD (einem deutschen pro-nuklearen Verein) und eine der Radiant Energy Group, einem US-amerikanischen pro-nuklearen Thinktank. Letztere veröffentlichte im Dezember 2024 einen Report mit dem Titel "Restarting Germany's Reactors: Feasibility and Schedule". Die Gesamtkosten für neun Reaktoren werden dort auf rund 20 Milliarden Euro geschätzt, einzelne Anlagen je nach Rückbaustand auf 1 bis 3 Milliarden Euro.

Die Kosten- und Zeitangaben der Radiant Energy Group wurden von unabhängigen Fachleuten bereits kurz nach Veröffentlichung als extrem optimistisch eingestuft. Sara Beck von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), dem zentralen deutschen Sachverständigengremium für nukleare Sicherheit, spricht stattdessen von "erheblichem Aufwand". Die LBBW Research gelangt in ihrer Analyse von 2025 zu deutlich höheren Gesamtkosten von 21 bis 42 Milliarden Euro, also bis zu mehr als doppelt so viel wie Schmidt nennt, und schätzt die Zeitrahmen für die südlichen Reaktoren (Isar 2, Neckarwestheim 2, Gundremmingen) auf 6 bis 8 Jahre.

Entscheidend ist der fortgeschrittene Rückbaustand. Laut dem Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BASE) befinden sich alle sechs zuletzt abgeschalteten Kraftwerke in unterschiedlichen Rückbaustadien. Bei Brokdorf wurden die Hauptkühlmittelleitungen vom Reaktordruckbehälter getrennt, laut PreussenElektra ein Schritt, der in Deutschland noch nie rückgängig gemacht wurde und den das Unternehmen als "Point of no Return" bezeichnet: "Eine Rückkehr zum Leistungsbetrieb wäre äußerst aufwendig und komplex." Bei Grohnde ist die Turbine bereits demontiert, bei Gundremmingen wurden Generatoren entfernt.

Die Betreiber E.ON und RWE lehnen eine Reaktivierung klar ab. Nadia Jakobi, CFO von E.ON (Muttergesellschaft von PreussenElektra), erklärte, es gebe keinen wirtschaftlich sinnvollen Weg zurück, selbst wenn technische Lösungen theoretisch denkbar wären. RWE-Chef Markus Krebber nannte eine Rückkehr "very, very unlikely" und verwies auf fehlende Genehmigungen, Personalmangel und wirtschaftliche Unrentabilität.

Zu den "neun" Anlagen: Die Radiant Energy Group nennt nicht exakt neun Anlagen, sondern unterscheidet zwischen "Restart Class 1" und "Restart Class 2"-Reaktoren. Die tatsächliche Zahl schließt neben den drei letzten (Emsland, Isar 2, Neckarwestheim 2, abgeschaltet April 2023) vermutlich auch die drei Ende 2021 abgeschalteten (Brokdorf, Grohnde, Gundremmingen C) sowie frühere Anlagen ein. Schmidt nennt 12 GW, das entspricht grob den sechs zuletzt abgeschalteten Anlagen, nicht neun. Die Rechnung bleibt unklar.

Das DIW Berlin hält fest, dass die Stromgestehungskosten für Kernkraft 2021 bei 16,7 US-Cent pro kWh lagen, verglichen mit 3,8 US-Cent (Wind) und 3,6 US-Cent (Solar). Schmidts Angabe, die Kraftwerke hätten "Strom für unter 3 ct/kWh" erzeugt, bezieht sich auf historische Betriebskosten bereits vollständig abgeschriebener Anlagen, nicht auf die Vollkosten einer Reaktivierung.

Fazit

Schmidts Kostenzahl von 18 Milliarden Euro entstammt einer einzigen pro-nuklearen Quelle und wird von unabhängigen Experten als stark unterschätzt bewertet. Die tatsächlichen Kosten dürften deutlich höher liegen, der Zeitrahmen deutlich länger. Entscheidend ist aber der Widerstand der Betreiber: E.ON und RWE lehnen eine Reaktivierung ab, PreussenElektra bezeichnet den Rückbau bei Brokdorf als "Point of no Return". Schmidts Darstellung, die Reaktivierung sei für 18 Milliarden Euro in 2 bis 5,5 Jahren machbar, verschweigt diese fundamentalen wirtschaftlichen und technischen Hindernisse.