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Stand: 30.04.2026

Paul Schmidt: Extrem negative Strompreise läuten neue Phase der deutschen Energiewende ein

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag vom 30. April 2026. Dr. Paul Schmidt, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Kernkraft der AfD-Bundestagsfraktion, nutzt den für den 1. Mai 2026 zwischen 12:45 und 14:30 Uhr prognostizierten Negativpreis von -50 Cent/kWh für eine grundsätzliche Anti-Energiewende-Argumentation. Behauptungen: Deutschland habe 117 GW Photovoltaik und 78 GW Windkraft installiert bei einem maximalen Stromverbrauch von 85 GW, also "doppelte Überproduktion"; Deutschland zahle dem Ausland Geld, damit es Strom abnehme; alle anderen Bundestagsparteien planten weiteren Ausbau "trotz dieser Absurdität".

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die von Schmidt genannten Kapazitätszahlen liegen nahe an den offiziellen Werten. Fraunhofer ISE weist für Ende 2025 eine installierte PV-Leistung von 116,8 GW aus, mit weiterem Zubau bis Ende Januar 2026 auf rund 119,5 GW. Die Windkraft lag Ende 2025 laut Bundesnetzagentur bei 68,1 GW Onshore zuzüglich 9,5 GW Offshore, also rund 77,6 GW gesamt. Schmidts Zahl von 78 GW ist damit sachlich weitgehend korrekt. Die 85 GW Spitzenlast sind im deutschen Stromsystem dagegen eine Obergrenze, die in der Praxis selten erreicht wird. Tatsächlich lag die gemessene Jahreshöchstlast 2023 laut BNetzA Monitoringbericht 2024 bei 73,7 GW (am 4. Dezember 2023), in normalen Wintertagen bei 65 bis 75 GW.

Schmidts Schluss "wir produzieren das Doppelte" verwechselt installierte Nennleistung mit tatsächlicher gleichzeitiger Erzeugung. Wind und Solar produzieren nie gleichzeitig und nie an ihrer Nennleistung. Typische Kapazitätsfaktoren liegen für Wind bei rund 20 bis 30 Prozent, für Solar im Jahresdurchschnitt bei unter 15 Prozent. Kombiniert ergibt das im Schnitt nur einen Bruchteil der Nennleistung. Fraunhofer ISE verzeichnet für 2025 eine Jahreserzeugung von 132 TWh Wind und 87 TWh Solar (davon 71 TWh ins öffentliche Netz, 16,9 TWh Eigenverbrauch der Erzeuger). Der Strom wird über das ganze Jahr verteilt erzeugt, zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten, nicht als konstante 195-GW-Dauerspeisung. Negativpreise entstehen nicht, weil "zu viel Kapazität installiert" ist, sondern weil an wenigen Stunden mit besonders hoher Solar- und Windeinspeisung gleichzeitig wenig Nachfrage besteht und die Flexibilität des Stromsystems (Speicher, abschaltbare Kraftwerke, industrielle Abnehmer) nicht ausreicht, diesen Überschuss aufzunehmen.

Negative Preise entstehen am kurzfristigen Großhandelsmarkt (Day-Ahead-Auktionen der EPEX Spot), wenn Angebot und Nachfrage kurzfristig auseinanderfallen. 2024 gab es laut Bundesnetzagentur 457 solcher Stunden, 2025 bereits 573 von 8.760 Jahresstunden. Das sind 6,5 Prozent der Jahresstunden, für 93,5 Prozent der Zeit gibt es normale oder positive Preise. Agora Energiewende hat detailliert beschrieben, dass die Ursache primär in der mangelnden Flexibilität des konventionellen Kraftwerksparks liegt: Kern- und Kohlekraftwerke können ihre Produktion nicht schnell genug drosseln, wenn viel erneuerbarer Strom eingespeist wird.

Schmidts Formulierung "Deutschland zahlt dem Ausland Geld für Stromabnahme" ist irreführend. Bei Negativpreisen zahlen primär die Erzeugungsanlagen an der Börse, sie müssen draufzahlen, damit ihr Strom abgenommen wird. Haushaltskunden mit Standard-Tarifen haben keinen direkten Spotmarkt-Zugang und sind nicht direkt betroffen. Next Kraftwerke erklärt: Indirekte Auswirkungen gibt es über die EEG-Umlage, da im Marktprämienmodell mehr ausgeglichen werden muss. Direkte Gewinner sind industrielle Großverbraucher mit Spot-Marktzugang. Zudem ist der Nettoeffekt des deutschen Stromhandels komplex: 2025 exportierte Deutschland 54,3 TWh und importierte 76,2 TWh, war also laut Bundesnetzagentur Nettoimporteur. Negative Exportstunden werden dabei durch positive Preis-Export-Stunden mehr als aufgewogen.

Schmidt ist laut AfD-Bundestagsfraktion Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Kernkraft der AfD-Fraktion, nicht deren allgemeiner energiepolitischer Sprecher. Die Pressemitteilung folgt einem bekannten Argumentationsmuster der AfD: korrekte Einzelzahlen werden ohne den entscheidenden Kontext (Kapazitätsfaktor, Gleichzeitigkeit, Marktmechanik) zusammengestellt, um den Fehlschluss "Energiewende gescheitert" zu erzeugen. Der Volksverpetzer hat ein verwandtes Muster bei Wirtschaftsministerin Reiche dokumentiert und als irreführend eingestuft. Mimikama hat AfD-Energiepläne als "weder wirtschaftlich noch ökologisch tragbar" eingestuft.

Fazit

Die Kapazitätszahlen für PV (rund 117 GW) und Wind (rund 78 GW) sind korrekt. Der Schluss "doppelte Überproduktion" und "Energiewende gescheitert" ist irreführend, weil er installierte Nennleistung mit gleichzeitiger Erzeugung verwechselt und den Marktmechanismus von Negativpreisen falsch darstellt. Negativpreise entstehen an wenigen Stunden als Flexibilitätssignal, zahlen primär Erzeuger (nicht Steuerzahler oder Endkunden), und sind ein Hinweis auf fehlende Speicher- und Flexibilitätskapazität, kein Systemversagen der Energiewende als solcher.