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Stand: 27.04.2026

Wolfgang Wiehle: AfD-Fraktion gegen Tempolimit und Sonntagsfahrverbote

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der afd-bt-fraktion vom 27. April 2026. Wolfgang Wiehle, verkehrspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion, reagiert auf den Tempolimit- und Sonntagsfahrverbot-Vorschlag von DIW-Präsident Marcel Fratzscher (T-Online-Interview vom 26. April). Wiehles Hauptbotschaft: "Derartige Verbotsmaßnahmen und Freiheitseinschränkungen zu Lasten der Mobilität der Bürger dürfen von keiner Regierung ohne Not vorsorglich verhängt werden." Die Argumentation kombiniert vier Stränge: (1) Energieversorgung sicherstellen statt Einschränkungen, (2) Diplomatie statt Sanktionspolitik, (3) Deutschland habe bereits zu hohe Energiepreise, (4) "Viele Autofahrer reduzieren längst die Geschwindigkeit, ohne dass es ein Tempolimit gibt." Fratzschers Vorschläge werden als "linksgrüne Symbolpolitik" und Versuch, "die aktuelle Krise für einen neuen Schub der Einschränkungen in den Bereichen Energie und Verkehr zu missbrauchen" gerahmt.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Wiehles Pressemitteilung ist überwiegend politische Positionierung, enthält aber eine zentrale empirisch prüfbare Behauptung, und blendet die einschlägige Studienlage aus.

Behauptung: "Viele Autofahrer reduzieren längst die Geschwindigkeit, ohne dass es ein Tempolimit gibt."

Faktisch nur teilweise zutreffend und als Argument gegen ein Tempolimit irreführend. Auf deutschen Autobahnabschnitten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung liegt die durchschnittlich gefahrene Geschwindigkeit nach Erhebungen der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) bei rund 125 km/h, das obere Quartil deutlich darüber. Eine breitenwirksame freiwillige Selbstbeschränkung auf 130 km/h findet nicht statt; andernfalls wäre das Wirkungspotential eines Tempolimits gleich null, was es laut Daten nachweislich nicht ist.

Wirkungs-Kontext: Was würde Tempolimit + Sonntagsfahrverbote tatsächlich bewirken?

Die methodisch belastbare Quelle ist das Umweltbundesamt (UBA-Texte 38/2023 und Updates 2024/2025): Ein generelles Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen senkt den CO₂-Ausstoß im PKW-Verkehr um rund 6,7 Mio. Tonnen pro Jahr (etwa 9 % der PKW-Emissionen). Hinzu kommen Effekte auf Verkehrssicherheit (Reduktion schwerer Unfälle), Lärm und Stickoxid-Emissionen. Sonntagsfahrverbote sind in EU-Notfallplänen für Energiekrisen explizit vorgesehen (Sustainable Mobility Plan, IEA "10-point plan" März 2022); sie wurden in den Ölkrisen 1973 und 1979 in Deutschland bereits eingesetzt.

Frame "Symbolpolitik"

Das Frame "Symbolpolitik" gegen Tempolimit ist seit Jahren Standardrepertoire der AfD-Verkehrspolitik (vgl. Joachim Paul, "linksgrüne Ideologie aus der Mottenkiste", 2021). Es widerspricht der Forschungslage, die Tempolimits als kostengünstigste verfügbare Klimaschutzmaßnahme im Verkehrssektor ausweist; Fratzschers Vorschlag (DIW) ist explizit ökonomisch begründet, nicht ideologisch.

Fazit

Die Pressemitteilung ist irreführend: Wiehles Kernargument der "freiwilligen Geschwindigkeitsreduktion" hält den BASt-Daten nicht stand. Die Wirkungsdaten des UBA werden ausgeblendet, das Frame "Verbotsmaßnahmen ohne Not" ignoriert die laufende Energie- und Klimakrise. Die Charakterisierung als "linksgrüne Symbolpolitik" trägt nicht; Tempolimit-Wirkung ist im Gegensatz zu vielen anderen Verkehrsmaßnahmen sehr gut quantifizierbar. Zugleich ist die Position konsistent mit der AfD-Linie aus dem Klima-/Energie-Komplex (THG-Quote, Klimaschutzmaßnahmen-Antrag KW16) und dient der parteistrategischen Mobilisierung gegen Klimapolitik insgesamt.