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Stand: 10.05.2026

Extrem negative Strompreise läuten neue Phase der deutschen Energiewende ein

Irreführend

Link Beschreibung

AfD-MdB Dr. Paul Schmidt kommentiert den Negativrekord am EPEX Spot vom 1. Mai 2026 und fordert den Stopp aller Erneuerbaren-Ausbauziele. Die Pressemitteilung enthält einen wahren Kern, stellt den Marktmechanismus aber so verzerrt dar, dass ein grundlegend falsches Bild entsteht.

Was stimmt

Am 1. Mai 2026 fiel der Day-Ahead-Preis an der europäischen Strombörse SMARD: Strommarktdaten der Bundesnetzagentur (EPEX Spot) zwischen 12:45 und 14:30 Uhr erstmals auf minus 50 Cent pro Kilowattstunde. Der Intraday-Markt SIDC IDA1 erreichte sogar minus 85,5 Cent/kWh. Ursache war die Kombination aus hoher Solareinspeisung an einem Feiertag mit entsprechend niedriger Industrienachfrage. Negative Stunden werden 2026 auf 700 bis 900 ansteigen, nach 576 Stunden im Jahr 2025 (Rekord).

Schmidt nennt auch korrekte installierte Leistungszahlen (rund 117 GW PV, rund 78 GW Wind), und es stimmt, dass Deutschland keine großskaligen Speicher im Terawattstunden-Bereich besitzt. Die installierten Batteriespeicher lagen Ende 2025 bei rund 25,5 GWh - ausreichend für Stunden, nicht für Tage.

Was irreführend ist

1. Deutschland "zahlt dem Ausland" ist halb wahr und halb Framing

Bei negativen Börsenpreisen zahlen tatsächlich Stromproduzenten (Kraftwerksbetreiber, Direktvermarkter von Solar- und Windstrom) dafür, dass ihre Energie abgenommen wird. Der Mechanismus ist ein Marktpreissignal: Wer zu diesen Stunden kauft oder Überschussstrom abnimmt, erhält eine Gutschrift. Das betrifft Händler und Industriekunden - nicht "Deutschland" als Staat, der Rechnungen an Nachbarstaaten ausstellt.

Die Bundesnetzagentur stellt klar: Negative Preise sollen als wirtschaftlicher Anreiz wirken, den Verbrauch zu erhöhen, Speicher zu laden oder die Erzeugung zu drosseln. Die EU-weite Marktkopplung sorgt dabei dafür, dass überschüssiger Strom in Nachbarländer fließt und die Preise dort ebenfalls sinken - das ist ein Vorteil des integrierten europäischen Markts, kein Strafmechanismus.

2. Haushaltsstrompreise bleiben unberührt

Wer einen normalen Festpreisvertrag hat, zahlt weiterhin den vertraglich vereinbarten Arbeitspreis. Der Börsenstrompreis (Großhandel) macht nur einen kleinen Teil des Haushaltsstrompreises aus; Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Konzessionsabgabe machen zusammen den weitaus größeren Teil aus. Für Haushalte mit dynamischem Tarif können negative Börsenpreise dagegen zu tatsächlichen Gutschriften führen - ein Argument für, nicht gegen die Energiewende.

3. Negative Preise sind kein Systemversagen, sondern ein Marktsignal

Fraunhofer ISE dokumentiert via Energy-Charts, dass negative Preise gezielt Anreize setzen: Speicher laden sich auf, flexible Industrieverbraucher verlagern ihre Last, Pumpspeicher pumpen Wasser nach oben. Das Phänomen ist kein Beweis für "Irrsinn", sondern Ausdruck eines noch unvollständigen Umbaus - fehlende Lastflexibilität und Speicher sind das eigentliche Problem, nicht die Erneuerbaren selbst.

4. Der Vergleich mit maximal 85 GW Verbrauch ist ungenau

Schmidt stellt 195 GW installierter Erneuerbaren-Leistung einem angeblichen Maximalverbrauch von 85 GW gegenüber. Das ist methodisch schief: Die installierte Leistung wird nie gleichzeitig voll abgerufen. Sonne scheint nicht überall gleich stark, Wind weht regional unterschiedlich. Der tatsächliche Gleichzeitigkeitsfaktor beider Quellen zusammen ist weit unter 100 %. Außerdem ist ein hoher Überkapazitätsfaktor bei volatilen Quellen systembedingt notwendig, um auch bei schwacher Einspeisung ausreichend Strom zu erzeugen.

5. Die politische Schlussfolgerung folgt nicht aus den Fakten

Negative Preise sind ein Argument für mehr Speicher, mehr Lastflexibilität und bessere Marktintegration - nicht für den Stopp des Ausbaus. Konventionelle Kraftwerke und auch Kernkraftwerke produzieren kontinuierlich und lassen sich nicht schnell genug drosseln, was negative Preise historisch mitverursacht hat. Der SMARD: Strommarktdaten der Bundesnetzagentur zufolge trat ein erheblicher Teil der negativen Stunden 2024 nachts auf - wenn kaum Solar einspeist, aber unflexible Kraftwerke durchlaufen.

Einordnung

Die Pressemitteilung nutzt einen realen Extremwert am Spotmarkt, um daraus eine politische Botschaft abzuleiten, die die Fakten verdreht: "Wir zahlen dem Ausland" vermischt Marktmechanismus mit staatlicher Ausgabe, der fehlende Speicherhinweis ist korrekt, wird aber als Argument gegen Erneuerbare gewendet statt als Argument für Speicherausbau. Das Urteil lautet: irreführend.