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Stand: 20.04.2026

Die fehlenden Gewinne der Nationen (The Missing Profits of Nations)

Link Beschreibung

Das Paper "The Missing Profits of Nations" von Thomas Tørsløv, Ludvig Wier und Gabriel Zucman wurde 2018 zuerst als NBER Working Paper 24701 veröffentlicht und erschien nach mehreren Überarbeitungen im April 2023 in der Review of Economic Studies. Es gilt als methodische Grundlage für die quantitative Erforschung multinationaler Gewinnverlagerung.

Zentraler Befund des Papers: Rund 36 bis 40 Prozent aller Gewinne multinationaler Konzerne werden in Steueroasen verbucht (Datenbasis 2015). US-amerikanische Multinationals betreiben dabei etwa doppelt so viel Profit Shifting wie Unternehmen anderer Herkunftsländer. Die Autoren entwickeln dafür die sogenannte TWZ-Methode, die Anomalien in Zahlungsbilanzstatistiken und nationalen Gesamtrechnungen nutzt, um die Lücke zwischen ausgewiesenen Gewinnen in Steueroasen und der dort tatsächlich erbrachten Wirtschaftsleistung zu berechnen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die zentralen Aussagen des Papers gelten als empirisch gut belegt und wurden in der Fachliteratur breit rezipiert. Die Publikation in der Review of Economic Studies, einer der weltweit führenden ökonomischen Fachzeitschriften, unterstreicht die methodische Qualität. Die TWZ-Methode liegt auch dem Global Tax Evasion Report 2024 des EU Tax Observatory zugrunde und ist heute Standardreferenz in der internationalen Steuerwissenschaft.

Das Tax Justice Network bestätigt in "The State of Tax Justice 2024" die Größenordnung auf Basis einer unabhängigen Methodik (OECD-Country-by-Country-Reporting-Daten): Weltweit gehen demnach jährlich rund 492 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen durch grenzüberschreitende Gewinnverlagerung und Offshore-Vermögen verloren, davon allein in Deutschland rund 43,9 Milliarden US-Dollar. Diese Zahl liegt in derselben Größenordnung wie eine Schätzung des DIW Berlin zur Unternehmenssteuervermeidung in Deutschland (bis 30 Mrd. Euro pro Jahr) und validiert die TWZ-Befunde unabhängig.

Die als Gegenmaßnahme eingeführte globale Mindeststeuer (OECD Pillar 2) ist in Deutschland mit dem Mindestbesteuerungsgesetz (MinStG) für Geschäftsjahre ab 2024 in Kraft. Laut einer Schätzung des ifo Institut im Auftrag des BMF (31. Juli 2023) bringt Pillar 2 jährliche Mehreinnahmen von lediglich 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro, also nur einen kleinen Bruchteil der von Tørsløv/Wier/Zucman dokumentierten Verlagerungsvolumina.

Grenzen der Studie: Die Datenbasis 2015 ist inzwischen zehn Jahre alt, seit BEPS und Pillar 2 haben sich Strukturen verschoben. Die Methode ist zudem modellierungsabhängig (Makroansatz über Zahlungsbilanzen), was bei Einzelländer-Aufteilungen zu Unsicherheiten führt. Die Gesamtgröße der Gewinnverlagerung wird durch neuere Studien auf Basis unterschiedlicher Methoden (CbCR-Mikrodaten bei TJN, Makrodaten bei TWZ) konsistent bestätigt.

Fazit

Wissenschaftliches Fundament für die heutige Debatte über Gewinnverlagerung und Steueroasen. Die Kernzahlen (rund 40 Prozent der multinationalen Gewinne in Steueroasen, überproportionales Profit Shifting durch US-Konzerne) sind empirisch gut belegt und durch unabhängige Methoden bestätigt.