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Stand: 04.07.2026

BILD-Video: Julia Ruhs deutet 290.000 ausgewanderte Deutsche als Zeichen eines gescheiterten Staates

Irreführend

Link Beschreibung

In dem BILD-Video "Flucht aus Deutschland: Das Land verliert seine Leistungsträger" (Meine Meinung, 5. Juni 2026) verweist Julia Ruhs darauf, dass 2025 knapp 290.000 Menschen mit deutschem Pass fortgezogen seien, "so viele wie nie zuvor". Daraus folgert sie, Deutschland ziehe "die falschen Menschen" an, bestrafe Leistungswille und entwickle sich zum "gescheiterten Staat". Der Volksverpetzer-Faktencheck (2. Juli 2026) stuft diese Deutung als irreführend ein.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die Grundzahl trifft ungefähr zu: Laut Statistischem Bundesamt und dem Mediendienst Integration zogen 2025 rund 288.600 Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit aus Deutschland fort. Das ist eine Bruttozahl aus der amtlichen Wanderungsstatistik, die nur An- und Abmeldungen bei den Meldebehörden zählt, nicht ob ein Umzug dauerhaft ist.

Ruhs' Deutung übergeht dabei zwei entscheidende Kontexte. Erstens die Netto-Bilanz: Im selben Jahr zogen rund 193.000 Deutsche wieder zu, sodass unterm Strich ein Minus von etwa 97.000 Personen bleibt, nach minus 81.000 im Vorjahr. Deutschland insgesamt hatte 2025 dagegen einen deutlichen Wanderungsüberschuss von rund 235.000 Personen (1,48 Millionen Zuzüge, 1,25 Millionen Fortzüge), weil weit mehr Menschen aller Staatsangehörigkeiten zu- als fortziehen. Das Bild einer Bevölkerung, die "flieht", trifft auf Deutschland als Ganzes nicht zu.

Zweitens die Zielländer: Die größten Gruppen deutscher Auswanderer ziehen in die Schweiz (rund 22.700), nach Österreich (rund 13.500) und nach Spanien (rund 9.700), bei knapp der Hälfte der Fortzüge ist das Zielland laut Statistik gar nicht bekannt. Das sind keine Anzeichen einer Massenflucht vor einem "gescheiterten Staat", sondern auch Ausdruck normaler Mobilität innerhalb Europas (Jobwechsel, Studium, Ruhestand).

Der Begriff "gescheiterter Staat" (failed state) ist zudem ein feststehender Fachbegriff für Länder, in denen staatliche Institutionen und das Gewaltmonopol zusammengebrochen sind. Im Fragile States Index zählt Deutschland mit einem der niedrigsten Werte (je niedriger, desto stabiler) zu den stabilsten Staaten überhaupt. Die reale Zahl der Auswanderer wird damit als Beleg für eine Deutung instrumentalisiert, die die Daten selbst nicht hergeben.

Fazit

Die genannte Auswandererzahl ist im Kern korrekt, aber unvollständig dargestellt. Netto-Bilanz, Zielländer und der tatsächliche Zustand Deutschlands im internationalen Vergleich widersprechen der Deutung vom "gescheiterten Staat".