Kristian Andersen
Evolutionsbiologe am Scripps Research, Erstautor der Studie "The proximal origin of SARS-CoV-2" von 2020.

Über die Quelle
Kristian G. Andersen ist ein dänischer Evolutionsbiologe, der in Aarhus Molekularbiologie studierte (BSc 2004) und an der University of Cambridge in Immunologie promovierte (2009). Er forscht am Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien, wo er als Professor und "Director of Infectious Disease Genomics" am Scripps Research Translational Institute die genomische Erforschung von Infektionskrankheiten leitet. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Wirt-Erreger-Beziehung: Mithilfe von DNA-Sequenzierung, Feldforschung und computergestützter Biologie untersucht er Entstehung, Ausbreitung und Evolution gefährlicher Erreger, darunter Ebola-, Zika-, West-Nil- und Lassa-Viren. 2016 wurde er als Pew Scholar in den Biomedical Sciences ausgezeichnet.
Bekannt wurde Andersen einem breiteren Publikum als Erstautor des im März 2020 in Nature Medicine erschienenen Aufsatzes "The proximal origin of SARS-CoV-2", den er gemeinsam mit Andrew Rambaut, Edward Holmes, Robert Garry und W. Ian Lipkin verfasste. Das Paper kam zu dem Schluss, das Virus sei "kein im Labor hergestelltes oder absichtlich manipuliertes Virus", und stellte zwei natürliche Entstehungsszenarien als plausibelste Erklärungen dar: natürliche Selektion in einem tierischen Wirt vor der Übertragung auf den Menschen, oder natürliche Selektion erst nach der Zoonose beim Menschen selbst.
Seit 2023 sind Teile der internen Slack-Kommunikation der Paper-Autoren öffentlich: Das House Select Subcommittee on the Coronavirus Pandemic erzwang im Juni 2023 per Vorladung die Herausgabe von Kristian Andersens Slack-Nachrichten und veröffentlichte im Juli 2023 erste Auszüge. Im Juli 2026 veröffentlichte der republikanische Senator Rand Paul als Vorsitzender des Senatsausschusses für Heimatschutz und staatliche Angelegenheiten weitere Chatverläufe vor einer Anhörung des damaligen NIAID-Direktors Anthony Fauci, wie die Epoch Times berichtete. Daraus geht hervor, dass Andersen im Juni 2020 intern Zweifel an der eigenen Position äußerte: Er schrieb, es gebe "ziemlich eindeutige Beweise", mit denen er sich "nicht wohlfühle", bezogen auf eine 2006 beschriebene Genforschung zur Furin-Spaltstelle, die sich exakt an der Stelle findet, an der SARS-CoV-2 diese Spaltstelle trägt und die dem Virus den Zutritt zu menschlichen Atemwegszellen ermöglicht.
Nach Angaben von Rand Paul, der die Zahlen bei der Senatsanhörung am 21. Juli 2026 nannte und zugleich die zugrundeliegenden Chatauszüge veröffentlichte, bezifferte Andersen intern die Wahrscheinlichkeit eines Laborursprungs zeitweise auf rund 30 Prozent, deutlich höher als es das später veröffentlichte Papier nahelegte. Ko-Autor Edward Holmes ging demnach zunächst von 20 Prozent aus, korrigierte diese Einschätzung eigenen Chat-Angaben zufolge später auf 10 Prozent nach unten. Andersen wies in den Chats zudem auf sachliche Fehler im eigenen Text hin, etwa die Behauptung, die zugrundeliegende Fledermaus-Coronavirus-Forschung sei "weltweit" durchgeführt worden, während sie laut Andersen tatsächlich ausschließlich am Wuhan Institute of Virology stattfand.
In den Chats äußerte sich Andersen auch zur Rolle von Christian Drosten, der an einer rund einstündigen Telefonkonferenz der Paper-Autoren am 1. Februar 2020 teilgenommen hatte. Andersen zeigte sich skeptisch, dass Drosten von der Forschung am Wuhan Institute of Virology nichts gewusst haben will, "zumal wir natürlich in der Telefonkonferenz darüber gesprochen haben". Vor dem US-Kongress erklärte Andersen, eine genauere Prüfung der Beweislage habe die Autoren letztlich zum Ausschluss eines Laborursprungs geführt. Auf eine Anfrage der Epoch Times zu den 2026 veröffentlichten Chats antwortete Andersen bis zur Veröffentlichung des Artikels nicht.
Links
- Kristian Andersen, PhD | Scripps Research - offizielles Forschungsprofil
- Kristian G. Andersen (Wikipedia)
- The proximal origin of SARS-CoV-2 (Nature Medicine, 2020)
Faktenfackel Bewertung
Andersen ist als Leiter der Infektionskrankheiten-Genomik am Scripps Research ein anerkannter Wissenschaftler mit einschlägiger fachlicher Expertise zur Genom-Analyse von Erregern; seine frühere Arbeit zu Ebola und Lassa wurde breit rezipiert. Das "Proximal Origin"-Paper von 2020 zählt bis heute zu den meistzitierten Arbeiten zur Ursprungsfrage von SARS-CoV-2.
Berechtigte Kritik betrifft die Diskrepanz zwischen den internen Zweifeln der Autoren und der Eindeutigkeit, mit der das publizierte Paper einen Laborursprung ausschloss. Nach den von Rand Pauls Senatsausschuss veröffentlichten Chatauszügen schätzte Andersen selbst die Wahrscheinlichkeit eines Laborlecks intern zeitweise auf rund 30 Prozent und Ko-Autor Edward Holmes zunächst auf 20 Prozent, eine Einschätzung, die Holmes eigenen Chat-Angaben zufolge später auf 10 Prozent nach unten korrigierte, während der endgültige Text kein im Labor entstandenes Szenario für plausibel erklärte. Auch von Andersen selbst benannte sachliche Ungenauigkeiten im Paper wurden nicht korrigiert; Nature Medicine hat eine Rücknahme oder Anpassung des Artikels bislang abgelehnt. Das ist ein legitimer Kritikpunkt an der Transparenz des Papers, den auch der Senatsausschuss unter Rand Paul vorbrachte, und rechtfertigt eine kritische Einordnung, wenn das Paper unkommentiert als abschließender Beleg gegen jede Laborursprungs-Hypothese zitiert wird.
Gleichzeitig ist die Ursprungsfrage von SARS-CoV-2 wissenschaftlich weiterhin offen: Sowohl die Zoonose- als auch die Laborhypothese werden ernsthaft diskutiert, und US-Geheimdienste kamen mit unterschiedlicher Sicherheit zu unterschiedlichen Einschätzungen. Laut der Unclassified Summary of Assessment on COVID-19 Origins des ODNI von 2021 hielten vier Geheimdienstelemente sowie der National Intelligence Council einen natürlichen Ursprung mit geringer Sicherheit für am wahrscheinlichsten, ein Geheimdienstelement bewertete einen laborbedingten Vorfall mit mittlerer Sicherheit als wahrscheinlicher, und drei weitere Elemente konnten sich auf keine der beiden Hypothesen festlegen. Interne fachliche Zweifel während einer sich im Frühjahr 2020 rasant entwickelnden Datenlage sind für sich genommen kein Beleg für eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit. Andersens spätere Kongressaussage, eine genauere Prüfung der Beweislage habe zum Ausschluss des Laborursprungs geführt, ist eine wissenschaftlich vertretbare Position, auch wenn sie von Kritikern angezweifelt wird. In der öffentlichen Debatte werden Andersens Chat-Äußerungen teils verkürzt oder falsch zugeordnet dargestellt, etwa wenn ihm unterstellt wird, direkt über eine bewusste Täuschung Dritter gesprochen zu haben, während die Chats tatsächlich fachliche Selbstzweifel und Detailkritik am eigenen Papier dokumentieren. So verband eine Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion dieselben Chats mit dem Vorwurf, Drosten habe den Laborursprung privat für wahrscheinlich gehalten und dies bewusst verschwiegen, obwohl Drosten nicht Autor des Papers war und diese Zuspitzung durch die Chats nicht gedeckt ist (Faktenfackel-Einordnung).
Fazit
Andersen ist ein fachlich einschlägiger, in der Ursprungsdebatte aber nicht neutraler Wissenschaftler: Die Slack-Chats belegen berechtigte interne Zweifel, die im publizierten Paper nicht in voller Schärfe wiedergegeben wurden, ohne dass daraus bereits eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit folgt.