Auf dem Rückflug von seiner Frankreichreise nach Rom beantwortete Papst Leo XIV. am 28. September 2026 Fragen mitreisender Journalisten. Die letzte Frage stellte ein Korrespondent der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er wollte wissen, wann der Papst Deutschland besuche, wie er den Niedergang der katholischen Kirche dort sehe und was er von extremistischen Parteien halte, die den europäischen Konsens gefährdeten, den Leo am selben Tag in Metz beschworen hatte. Vatican News berichtet, die Frage habe den steigenden Umfragewerten der AfD gegolten. In der englischen Mitschrift der Frage ist nur von "extremist parties" die Rede (Silere non possum: Mitschrift der Pressekonferenz).
Der Papst antwortete auf Englisch. Die deutsche Fassung unten ist die Übersetzung von Vatican News (Stefan von Kempis). Nach dieser Wiedergabe sagte Leo zunächst, nach seinem Eindruck spalte sich die Rechte derzeit, und Teile von ihr radikalisierten sich immer stärker. Das "wäre interessant zu untersuchen". Danach folgte diese Passage:
Gleichzeitig gibt es Anzeichen für eine Vermischung dieser rechtsextremen Standpunkte mit einer bestimmten Art von Religion, die ... kein authentischer Ausdruck des Christentums ist. Und wieder kehren wir zu den Werten des Evangeliums zurück, bei denen es nicht um Hass und Spaltung geht, sondern um Verständnis, Mitgefühl und Begleitung.
In der Auslassung steht ein Einschub, der für das Verständnis wichtig ist: "nicht nur meiner Ansicht nach, sondern auch nach Ansicht der Verantwortlichen der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland". Der Papst stellt seine Aussage also als Position dar, die er mit den Kirchenleitungen in Deutschland teilt. In der englischen Mitschrift von Silere non possum lautet die Stelle so: "a certain kind of religion, which in not only my view, but I mean both the leaders of the Catholic Church and the Protestant Church in Germany have spoken out about that's not an authentic expression of Christianity". Dort steht "far-right points of view", die deutsche Übersetzung sagt "rechtsextremen Standpunkte". Weiter sagte er laut Vatican News, die Menschen müssten "verstehen, wie wichtig ihr Engagement ist: Selbst durch die Teilnahme an politischen Prozessen können sie klare Entscheidungen für das Gemeinwohl treffen und sich gegen extremistische Ideen stellen, die vielleicht viel mehr Schaden anrichten, als uns derzeit überhaupt bewusst ist."
Die österreichische Katholische Presseagentur Kathpress gibt den Kern sinngemäß wieder: Wie die katholischen und protestantischen Bischöfe in Deutschland sei der Papst der Meinung, dass die in manchen rechten Gruppen anzutreffende Verbindung mit bestimmten religiösen Ideen kein authentisches Christentum sei (Kathpress: Papst, Rechtsextremen wahre Werte des Evangeliums entgegensetzen).
Eine Partei nannte der Papst in seiner Antwort nicht. Das Magazin America schreibt ausdrücklich, Leo habe die AfD nicht beim Namen genannt (America Magazine: Pressekonferenz im Flugzeug). Die englische Ausgabe der sizilianischen Zeitung La Sicilia schreibt dagegen, der Papst habe die AfD angeführt: "citing the case of the AfD in Germany" (La Sicilia: Pope Leo's stance on right-wing extremism). In der Mitschrift fällt der Name nicht.
Faktenfackel Bewertung
Der Papst äußert eine Wertung, keine Tatsachenbehauptung. Er spricht von "Anzeichen" für eine Vermischung rechter Positionen mit einer bestimmten Religiosität. Belege oder Namen nennt er nicht. Wen genau er meint, geht aus der Antwort nicht hervor. Die Frage zielte laut Vatican News auf die AfD, seine Antwort bleibt allgemein.
Neu ist die Linie nicht. Die Deutsche Bischofskonferenz hat am 22. Februar 2024 einstimmig die Erklärung "Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar" beschlossen (Deutsche Bischofskonferenz: Erklärung zum völkischen Nationalismus). Im Wortlaut heißt es: "Nach mehreren Radikalisierungsschüben dominiert inzwischen vor allem in der Partei 'Alternative für Deutschland' (AfD) eine völkisch-nationalistische Gesinnung." Die Bischöfe schreiben außerdem, die AfD changiere zwischen einem echten Rechtsextremismus, den der Verfassungsschutz einigen Landesverbänden und der Jugendorganisation attestiere, und einem Rechtspopulismus. Und: "Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar. Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rande dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer politischen Betätigung sein und sind auch nicht wählbar." Ein Satz, der die AfD ausdrücklich für nicht wählbar erklärt, steht dort nicht. Die Bischöfe beschreiben die AfD und äußern sich über rechtsextreme Parteien insgesamt. Dem Dialog mit Menschen, die für diese Ideologie empfänglich, aber gesprächswillig sind, werde sich die Kirche aber nicht entziehen, heißt es in der Erklärung. Ein ähnlicher Gedanke steht in der Antwort des Papstes, der von der "Mehrheit der Menschen guten Willens" spricht.
Die evangelische Seite hat sich damals angeschlossen. Kirsten Fehrs, seinerzeit amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), erklärte am 25. Februar 2024, die Kirchen zögen "die gemeinsame Konsequenz, vor der Wahl rechtsextremer Parteien einschließlich der AfD zu warnen" (EKD: Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar). Damit ist der Verweis des Papstes auf die "Verantwortlichen der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland" belegt: Beide Kirchenleitungen haben sich in dieser Form geäußert.
Ein Kontrast ergibt sich zur Darstellung, die der AfD-Bundestagsabgeordnete Malte Kaufmann nach einer Papstaudienz im Mai 2026 verbreitete. Die Junge Freiheit, eine der Neuen Rechten zugerechnete Wochenzeitung, berichtete darüber (zur Einordnung des Blatts siehe Junge Freiheit). Danach nahm Kaufmann am Freitag, dem 15. Mai 2026, an einer Audienz für Parlamentarier der OSZE teil und schrieb auf X: "Ich habe ihm erklärt, dass die AfD für die Familie und christliche Werte kämpft. Er war froh, dies zu hören, und hat sich dafür bedankt." Das ist Kaufmanns eigene Schilderung. Eine unabhängige Bestätigung dieses Gesprächs liegt nicht vor. Die Audienz selbst war ein Termin für Teilnehmer einer interparlamentarischen Konferenz zur Bekämpfung organisierter Kriminalität im OSZE-Raum, der Papst sprach über Recht, Menschenwürde und Drogenhandel (Vatican News: Niemand darf sich über das Recht hinwegsetzen; Vatikan: Ansprache an die Teilnehmer). Aus der Teilnahme an einer solchen Gruppenaudienz allein lässt sich keine Haltung des Papstes zur AfD ableiten.
Fazit
Der Papst liegt mit seiner Aussage auf der Linie, die die deutschen katholischen und evangelischen Kirchenleitungen 2024 öffentlich formuliert haben. Die Aussage selbst ist eine Wertung ohne Beleg und ohne Namen, also weder überprüfbar noch widerlegbar. Dass er die AfD gemeint habe, legt die Frage nahe, gesagt hat er es nicht. Kaufmanns Schilderung einer zustimmenden Reaktion im Mai stützt sich allein auf ihn selbst.