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Alexander Räuscher (CDU, MdL Sachsen-Anhalt) teilt auf Facebook den Welt-Artikel "Minus 499,99 Euro: dieser Solarrekord ist eine schlechte Nachricht für alle Steuerzahler" und kommentiert mit fünf Stichpunkten: Solarstrom mache es teuer, Privat und Unternehmen litten unter hohen Preisen, das koste Arbeitsplätze, die Windkraft vergrößere das Preisproblem, und die "sogenannte Energiewende" sei gescheitert. Den SPD-Energieminister Sachsen-Anhalts Armin Willingmann bezeichnet er als "Roten Energieminister".
Recherche
Die zentralen Behauptungen sind faktisch falsch oder irreführend.
"Solarstrom macht es teuer"
Falsch. Der negative Spotpreis vom 1. Mai 2026 war kein Effekt teurer Erzeugung, sondern eines vorübergehenden Überangebots an einem Feiertag mit europaweit sonnigem Wetter und niedrigem Industrieverbrauch. Solar- und Windstrom haben Grenzkosten nahe Null und drücken im Merit-Order-Prinzip die Großhandelspreise. Der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis lag in Deutschland 2024 bei rund 7,95 ct/kWh und damit 16,8 Prozent unter dem Vorjahr, niedriger als 2021, als noch sechs Atomkraftwerke am Netz waren (Bundesnetzagentur SMARD-Statistik). Endkundenpreise enthalten Netzentgelte, Abgaben und Steuern; negative Großhandelspreise erreichen Haushalte ohne dynamischen Tarif nicht.
"Windkraft vergrößert das Preisproblem"
Falsch. Am 1. Mai 2026 war die treibende Erzeugungsart Photovoltaik, nicht Wind. Wind glättet das tageszeitliche PV-Profil und senkt im Jahresdurchschnitt ebenfalls die Großhandelspreise. Eine Studie des Fraunhofer ISE und Daten von Energy Charts zeigen für 2024 und 2025 einen klaren Zusammenhang zwischen erneuerbarer Einspeisung und sinkenden Spotpreisen (Energy Charts, Fraunhofer ISE).
"Energiewende ist gescheitert"
Wertende Aussage, nicht objektivierbar. Faktisch belegen die Daten das Gegenteil: 2024 stammten rund 60 Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, der Großhandelspreis sank, der CO₂-Ausstoß im Stromsektor fiel auf den niedrigsten Wert seit den 1950er-Jahren. Die tatsächlichen Engpässe der Energiewende liegen nicht im Erzeugungsausbau, sondern beim Netzausbau (Verzögerungen bei Nord-Süd-Trassen) und beim Speicherausbau (Batteriespeicher und Power-to-X), die das vorübergehende Überangebot bei Sonnenspitzen abfedern könnten. Ein Beleg: Finnland verzeichnete 2024 in 44,2 Prozent aller Stunden negative Strompreise, Deutschland nicht einmal in den Top 3 der EU (EPEX Spot Marktdaten).
Was am Welt-Artikel zutrifft
Korrekt ist, dass kleine Photovoltaikanlagen mit garantierter EEG-Einspeisevergütung auch bei negativen Spotpreisen vergütet werden und die Differenz aus dem EEG-Konto kommt, bis zur EEG-Novelle 2023, die für Anlagen unter bestimmten Größen Direktvermarktung schrittweise einführt. Das ist ein realer Reformpunkt (Bundesenergieministerin Katherina Reiche, CDU, hat eine entsprechende EEG-Novelle angekündigt), aber kein Beleg dafür, dass Solar- oder Windstrom Strom verteuern. Das Subventionsmodell ist eine politische Steuerungsentscheidung, kein physikalisch-ökonomisches Naturgesetz der Erneuerbaren.
Faktenfackel Bewertung
Räuschers Post nutzt einen realen Vorgang (Negativ-Spotpreis am 1. Mai 2026) als Aufhänger und zieht daraus Schlüsse, die der Faktenlage widersprechen. Die Stoßrichtung, Solar und Wind seien Ursache hoher Strompreise, ist ein klassisches Anti-Erneuerbare-Narrativ, das seit Jahren von rechten und fossilen Akteuren wiederholt wird, obwohl Großhandelspreise mit dem Ausbau der Erneuerbaren sinken statt steigen.
Das eigentliche Problem hinter den Negativpreisen ist nicht die Erzeugung, sondern der zu langsame Ausbau von Übertragungsnetzen und Speicherkapazitäten, der Erzeugungsspitzen heute weder regional verteilen noch zeitlich verschieben kann. Wer "Solar abschalten" fordert statt Speicher und Netze zu beschleunigen, behandelt das Symptom und vergrößert das Problem.
Fazit
Falsche Kausalkette und ein irreführendes "Energiewende gescheitert"-Narrativ auf einem realen Marktereignis. Räuschers Post ist als Beispiel für die Diskursverschiebung in Teilen der CDU bemerkenswert: Die Talkingpoints sind inhaltlich AfD-kompatibel, der Absender sitzt im rechten Flügel der CDU-Fraktion Sachsen-Anhalt.
