Link Beschreibung
Pressemitteilung der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag vom 23. Juli 2026: Christina Baum behauptet, "interne Chatprotokolle der Nachrichtenplattform Slack" zeigten, dass führende Wissenschaftler bereits Anfang 2020 privat den Labor-Ursprung von SARS-CoV-2 für plausibel hielten, öffentlich aber die natürliche Entstehung vertraten und Kritiker diskreditierten. Namentlich nennt sie Christian Drosten und Kristian Andersen; laut Baum finde Andersen es in den Chats "schwer zu glauben", dass Drosten keine Kenntnis von der Wuhan-Forschung gehabt habe. Eine konkrete Quelle für die zitierten Protokolle benennt die Pressemitteilung nicht.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Slack-Chats, auf die sich Baum bezieht, sind real und seit 2023 stückweise öffentlich. Sie stammen aus dem Umfeld der fünf Autoren des Fachaufsatzes "The proximal origin of SARS-CoV-2" (erschienen im März 2020 in Nature Medicine): Kristian Andersen, Andrew Rambaut, Edward Holmes, Robert Garry und W. Ian Lipkin. US-Kongressausschüsse (House Select Subcommittee on the Coronavirus Pandemic, später der Senatsausschuss unter Rand Paul) erzwangen die Herausgabe der Nachrichten per Vorladung; im Juli 2026 wurden weitere Chatverläufe veröffentlicht, worüber unter anderem die Epoch Times berichtete. Dass Andersen, Holmes und Rambaut intern höhere Wahrscheinlichkeiten für einen Laborunfall diskutierten (Andersen rund 30 Prozent, Holmes anfangs 20, später 10 Prozent) als ihr späteres Paper suggerierte, ist damit gut belegt und deckt sich mit der Berichterstattung der Berliner Zeitung seit 2023.
Problematisch ist jedoch, wie Baums Pressemitteilung diese reale Debatte auf Christian Drosten überträgt. Drosten war nicht Autor des "Proximal Origin"-Papers und nahm an der von Baum erwähnten einstündigen Telefonkonferenz vom 1. Februar 2020 zwar teil, vertrat dort aber laut Berliner Zeitung gerade die gegenteilige Position: Er "betonte, dass er mit Covid-Patienten überfordert war" und schrieb den anderen Beteiligten laut einer am 9. Februar 2020 verschickten Slack-Nachricht, man habe sich doch versammelt, "um eine bestimmte Theorie infrage zu stellen und sie, wenn wir könnten, fallen zu lassen". Das von Baum zitierte Andersen-Zitat "schwer zu glauben" bezieht sich in den von der Epoch Times dokumentierten Chats nicht auf eine angebliche Drosten-Lüge über den Virusursprung, sondern konkret auf die Frage, ob Drosten von der Wuhan-Forschung zur Furin-Spaltstelle gewusst habe, als er im Februar 2020 einen offenen Lancet-Brief mitunterzeichnete, der "Verschwörungstheorien" zu einem nicht-natürlichen Ursprung zurückwies. Drosten selbst hat dazu im Interview mit der Süddeutschen Zeitung eingeräumt, über die Wuhan-Projekte nicht informiert gewesen zu sein und bei Kenntnis "zumindest Rückfragen gehabt" zu haben, bevor er unterschrieb. Eine Wissenslücke bei der Unterzeichnung eines Sammelbriefs ist etwas anderes als das von Baum behauptete "skandalöse Doppelspiel", bei dem Drosten angeblich privat vom Laborursprung überzeugt gewesen sei und dies öffentlich bewusst verschwiegen habe.
Genau diese Zuspitzung, Drosten habe die Öffentlichkeit "gezielt getäuscht", ist bereits gerichtlich geprüft worden. Der Physiker Roland Wiesendanger hatte Drosten diesen Vorwurf 2022 in einem Cicero-Interview gemacht; das Landgericht Hamburg untersagte ihm die Aussage zunächst per einstweiliger Verfügung und bestätigte das Verbot am 17. April 2026 in der Hauptsache: Das Gericht wertete die Behauptung als "innere Tatsachenbehauptung", die sich Drosten nicht nachweisen lasse. Laut Epoch Times empfand Drosten selbst die Formulierung, er habe die Öffentlichkeit "gezielt getäuscht", als "ehrabschneidend". Andersens einziger dokumentierter Kommentar zu Drostens Wissensstand bleibt dagegen die "schwer zu glauben"-Nachricht, die dessen Unwissenheits-Darstellung eher infrage stellt als sie zu entkräften, aber ebenfalls keine belastbare Aussage zu einer bewussten öffentlichen Täuschung durch Drosten trifft.
Die Ursprungsfrage selbst ist wissenschaftlich weiterhin offen; sowohl die Zoonose- als auch die Laborhypothese werden ernsthaft diskutiert, und US-Geheimdienste kamen mit unterschiedlicher Sicherheit zu unterschiedlichen Einschätzungen. Dass die Autoren des Nature-Papers ihre internen Zweifel im fertigen Text nicht in voller Schärfe wiedergaben, ist ein berechtigter Kritikpunkt, auch von Rand Pauls Senatsausschuss vorgebracht. Baums Pressemitteilung nennt jedoch für die entscheidende Behauptung, Drosten habe privat den Laborursprung für wahrscheinlich gehalten und dies bewusst verschwiegen, keine konkrete Quelle und keine Zitatstelle, in der Drosten selbst eine solche private Einschätzung geäußert hätte.
Fazit
Die Behauptung ist irreführend. Dass Autoren des "Proximal Origin"-Papers 2020 intern höhere Laborursprungs-Wahrscheinlichkeiten diskutierten als ihr Text nahelegte, ist zutreffend dokumentiert, betrifft aber in erster Linie Andersen, Holmes und Rambaut. Die Übertragung auf Drosten als bewussten Vertuscher ist durch die zitierten Chats nicht gedeckt, widerspricht der dort belegten Drosten-Position vom 9. Februar 2020 und wurde in genau dieser Zuspitzung von einem deutschen Gericht als unbewiesene innere Tatsachenbehauptung untersagt.
