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Stand: 15.07.2026

Ideologische Indoktrination macht Menschen krank

Irreführend

Link Beschreibung

Pressemitteilung der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag vom 13. Juli 2026: Die Gesundheitspolitikerin Christina Baum beruft sich auf eine Untersuchung von Arnoldo Cantú und Nathan Gallo im Journal "Current Opinion in Psychology" und behauptet, die "Woke-Ideologie" ("Critical Social Justice") wirke wie eine "umgekehrte Verhaltenstherapie", destabilisiere systematisch die Psyche und treibe Depressionen und Angststörungen bei jungen Menschen. Konservative Werte, Familie und Tradition werden als "Schutzschild für die Seele" positioniert.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der von Baum verlinkte ScienceDirect-Artikel mit dem Titel "Critical social justice and its cognitive distortions: Diagnosing the Liberal's poor mental health" existiert tatsächlich und stammt von Arnoldo Cantú und Nathan Gallo. Er erschien im Juli 2026 in "Current Opinion in Psychology". Entscheidend für die Einordnung von Baums Behauptung ist, was für ein Journal das ist: Laut dem Wikipedia-Eintrag zur Elsevier-Reihe "Current Opinion" handelt es sich um eine Sammlung reiner Review-Journals, in denen von Fachredakteuren eingeladene Autorinnen und Autoren kurze Übersichtsessays zu aktuellen Debatten verfassen und selbst gewichten, welche fremden Studien sie für wichtig halten. Es ist also kein Journal für neue empirische Primärforschung, sondern für kommentierende Meinungsbeiträge.

Das deckt sich mit dem, was Cantú und Gallo selbst über ihren Text sagen. Gegenüber The College Fix erklären beide, ihr Beitrag sei eine "alternative Erklärung" für den seit längerem diskutierten Befund, dass sich linke beziehungsweise liberale Menschen in Umfragen schlechtere psychische Gesundheit attestieren als konservative. Ihre These, die ausdrücklich auf den Arbeiten von Jonathan Haidt und Greg Lukianoff aufbaut, lautet, "Critical Social Justice"-Ideologie wirke wie eine "umgekehrte Verhaltenstherapie" und fördere Denkmuster wie Schwarz-Weiß-Denken oder Katastrophisieren. Es handelt sich damit um eine theoretische Analogie zwischen politischer Ideologie und Denkfehler-Kategorien der kognitiven Verhaltenstherapie, nicht um eine neue Datenerhebung zu Krankheitsursachen. Beide Autoren sind zudem erklärte Kritiker der von ihnen beschriebenen Ideologie: Cantú brach laut eigener Aussage ein Promotionsprogramm ab, weil er dort "kultähnliches" Verhalten und Zwang zu einer bestimmten ideologischen Perspektive erlebt habe, Gallo schrieb zuvor bereits einen Essay über die "ideologische Vereinnahmung" seines Studiengangs. Der Text ist damit eine pointiert positionierte Streitschrift zweier Sozialarbeiter mit persönlicher Vorgeschichte in dieser Debatte, keine neutrale wissenschaftliche Feststellung.

Der zugrundeliegende Befund, den Cantú und Gallo deuten, nämlich dass sich "sehr liberale" Menschen in US-Umfragen deutlich häufiger schlechte psychische Gesundheit bescheinigen als "sehr konservative", ist real, aber in der Fachliteratur selbst umstritten. Eine im National Center for Biotechnology Information archivierte Untersuchung zeigt, dass rund 40 Prozent dieser Lücke durch Störfaktoren wie Alter, Religiosität, Einkommen und Familienstand erklärbar sind, die unabhängig von der politischen Einstellung mit besserer psychischer Gesundheit korrelieren. Fragt man statt nach "psychischer Gesundheit" nach der "allgemeinen Stimmung", verschwindet der Unterschied zwischen den Lagern fast vollständig, was auf unterschiedliche Selbstauskunft und Stigma-Effekte statt auf einen echten Unterschied hindeutet. Auch die Richtung eines möglichen Zusammenhangs ist offen: Es ist ebenso plausibel, dass Menschen mit stärkerer psychischer Belastung eher zu linken Positionen tendieren, wie umgekehrt. Cantú und Gallo liefern für ihre kausale Deutung keinen neuen Beleg, sondern eine zusätzliche Interpretation einer bereits bekannten, korrelativen und mehrdeutigen Befundlage.

Baums Behauptung geht darüber hinaus noch in zwei Punkten über den Aufsatz hinaus. Erstens spricht der Text von US-amerikanischen Erwachsenen, die sich selbst als "liberal" einordnen, nicht spezifisch von "jungen Menschen" oder einer Entwicklung in Deutschland. Zweitens ist der dokumentierte Anstieg von Depressionen und Angststörungen bei Jugendlichen in Deutschland durch andere, empirisch belegte Faktoren erklärt: Der DAK-Kinder- und Jugendreport 2025, ausgewertet mit der Universität Bielefeld anhand von Abrechnungsdaten von rund 800.000 Kindern und Jugendlichen, nennt als Ursachen die Nachwirkungen der Coronapandemie, fehlende soziale Kontakte, Nutzung sozialer Medien mit ihren Körper- und Erfolgsidealen sowie gesellschaftlichen Druck durch Klimakrise, Kriege und Zukunftsängste. Eine kausale Rolle von "Woke-Ideologie" oder "linkem Zeitgeist" kommt in dieser Ursachenanalyse nicht vor.

Fazit

Der von Baum zitierte Aufsatz existiert, ist aber ein positioniertes Meinungs- und Übersichtsessay zweier erklärter Kritiker der "Critical Social Justice"-Ideologie in einem reinen Review-Journal, keine empirische Studie, die eine kausale Wirkung von "Woke-Ideologie" auf die Psyche belegt. Baums Formulierung, es sei "wissenschaftlich schwarz auf weiß bestätigt", überzeichnet damit Charakter und Reichweite der Publikation, und ihre Übertragung auf "junge Menschen" in Deutschland widerspricht der dokumentierten Ursachenlage für den dortigen Anstieg psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen.