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Stand: 30.07.2026

report24 macht die EU-Totholzpolitik für die Waldbrände verantwortlich, nicht den Klimawandel

Irreführend

Link Beschreibung

report24.news veröffentlichte am 29. Juli 2026 einen Beitrag von Heinz Steiner, der die Waldbrände in Frankreich und Spanien auf die von der EU vorgeschriebenen steigenden Totholzmengen zurückführt und nicht auf den Klimawandel. Als Belege dienen Brandzahlen mit Stichtag Kalenderwoche 29: Frankreich habe rund 66.453 Hektar verbrannt gegenüber 81.366 Hektar im Jahr 2019 zum selben Zeitpunkt, in der EU-27 seien rund 330.366 Hektar registriert, womit 2026 seit 2012 nur auf Platz sechs liege und rund 58 Prozent unter dem Wert von 2012. Der Beitrag verweist auf Artikel 12 der EU-Naturwiederherstellungsverordnung und einen EU-27-Durchschnitt von 13,4 Kubikmetern Totholz pro Hektar im Jahr 2020.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Die drei von report24 vorgetragenen Kernzahlen stimmen für ihren Stichtag. Das Global Wildfire Information System (GWIS) weist für Frankreich bis Kalenderwoche 29 des Jahres 2026 tatsächlich 66.453 Hektar verbrannte Fläche aus, gegenüber 81.366 Hektar im Jahr 2019 zum selben Zeitpunkt, und für die EU-27 330.366 Hektar, den sechsthöchsten Wert seit 2012 und rund 58 Prozent unter dem Wert, den 2012 zum selben Zeitpunkt erreicht hatte (778.033 Hektar) Our World in Data/GWIS: Cumulative area burnt by wildfires by week. Es handelt sich also nicht um erfundene Zahlen.

Entscheidend ist der Stichtag selbst. Kalenderwoche 29 des Jahres 2026 endete am Sonntag, dem 19. Juli. In den Tagen danach eskalierte die Lage in Südwesteuropa. Der Großbrand bei Burgohondo in der spanischen Provinz Ávila weitete sich zum größten je registrierten Waldbrand Spaniens aus und hatte bis zum 29. Juli mehr als 43.000 Hektar verbrannt, während Spanien im laufenden Jahr insgesamt bereits über 207.000 Hektar verlor BBC News: Three firefighters killed as wildfires burn across Greece (29. Juli 2026). In Frankreich ließ der Großbrand in der Gironde die Bilanz laut dem von report24 selbst verlinkten Bericht bis zum 27. Juli auf mehr als 116.000 Hektar steigen actu-environnement: Incendies de forêts, plus de 116 000 hectares brûlés (27. Juli 2026). Diese französische Zahl stammt aus nationalen Behördendaten und ist wegen abweichender Erfassungsmethodik nicht eins zu eins mit dem GWIS-Wert vergleichbar, bestätigt aber unabhängig denselben Sprung.

Für Frankreich räumt report24 diesen Sprung im eigenen Text sogar ein: Der Beitrag schreibt selbst, erst der Brand in der Gironde habe die französische Bilanz "innerhalb weniger Tage auf neue Höhen springen" lassen. Bei der EU-weiten Bilanz wendet der Beitrag dieselbe Einschränkung jedoch nicht an. Der spanische Großbrand, der genau in die Lücke zwischen Stichtag und Veröffentlichung fällt, kommt im Text nicht vor, obwohl er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung am 29. Juli bereits ausführlich international berichtet wurde. Die Schlussfolgerung "2026 rangierte damit lediglich auf Platz sechs" und "von einer historisch einmaligen Katastrophe in der Europäischen Union kann keine Rede sein" bezieht sich exakt auf den letzten Datenpunkt vor der Eskalation und wird trotzdem als aktuelle Einordnung präsentiert.

Wie groß diese Lücke ist, zeigt die eigene Datenstelle der EU-Kommission: Die Gemeinsame Forschungsstelle bezifferte den EU-weiten Bestand am 29. Juli 2026 auf 434.976 Hektar, damit bereits über dem Wert des bisherigen Rekordjahres 2025 zum gleichen Zeitpunkt mit 346.836 Hektar und weit über dem Zwanzigjahresschnitt von 172.186 Hektar European Commission Joint Research Centre: Wildfire situation in the EU as of 29 July 2026. Beide Stände sind nicht direkt voneinander abziehbar, weil GWIS und EFFIS unterschiedlich erfassen. Nebeneinandergestellt zeigen sie aber dasselbe: Am 19. Juli ließ sich 2026 als sechstplatziertes Jahr beschreiben, zehn Tage später lag die EU nach der Erhebung der Kommission über dem bisherigen Rekordjahr.

Der zweite Erklärungsstrang des Beitrags, die von der EU vorgeschriebene Totholzzunahme, beschreibt eine real existierende Regelung, überzeichnet aber deren Wirkung. Artikel 12 der Verordnung (EU) 2024/1991 zur Wiederherstellung der Natur verlangt tatsächlich, dass die Mitgliedstaaten bei mindestens sechs von sieben Waldindikatoren nach Anhang VI einen Aufwärtstrend erreichen, wozu neben stehendem und liegendem Totholz auch Altersstruktur, Waldvernetzung, Kohlenstoffvorrat, der Anteil heimischer Baumarten und die Vielfalt der Baumarten zählen; gemessen wird der Trend laut Artikel 12 Absatz 3 im Zeitraum vom 18. August 2024 bis zum 31. Dezember 2030 EUR-Lex: Verordnung (EU) 2024/1991, Artikel 12. Da nur fünf andere Indikatoren zur Verfügung stehen, muss rechnerisch tatsächlich mindestens eine der beiden Totholzkategorien zunehmen. Die Verordnung trat am 18. August 2024 in Kraft, der Bewertungszeitraum läuft also noch, und die nationalen Wiederherstellungspläne, die festlegen sollen, wie die Ziele erreicht werden, müssen von den Mitgliedstaaten erst bis zum 1. September 2026 im Entwurf vorgelegt werden Baumann Rechtsanwälte: Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (EU) 2024/1991, Hintergrund, Inhalt und Ausblick. Die Verordnung hat also bislang keine verbindliche Vorgabe erzwungen, die die in diesem Sommer tatsächlich vorhandene Brennstofflage auf den Waldflächen erhöht hätte.

Auch fachlich benennt die zu den aktuellen Bränden befragte Klimawissenschaftlerin Julia Miller vom Schweizerischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF andere Haupttreiber: Nach starken Niederschlägen im Januar und Februar wuchsen Gräser, Sträucher und Unterholz in Südwesteuropa stark, zwei anschließende Hitzewellen trockneten diese Vegetation aus, und laut World Weather Attribution war die zugrundeliegende Bodendürre durch den Klimawandel rund fünfmal wahrscheinlicher als ohne menschengemachte Erwärmung t-online/dpa: Warum die Brände in Frankreich und Spanien Rekorde brechen (28. Juli 2026). Diese Vegetationsdynamik betrifft vor allem feines, schnell brennbares Unterholz und nicht die Totholzkategorien aus Artikel 12, die sich auf stehendes und liegendes Totholz im Waldinneren als Biodiversitätsindikator beziehen. Auch die von report24 selbst zitierten französischen Vorschriften zur Vegetationsentfernung in 52 Départements richten sich gegen brennbaren Bewuchs rund um Gebäude und Siedlungen, nicht gegen die EU-Totholzindikatoren im Waldinneren.

Der Beitrag reiht sich damit in ein Muster ein, das innerhalb weniger Tage dreimal auftaucht: Ein EIKE-Beitrag vom 27. Juli vermengt den real rückläufigen globalen Trend der Savannenbrandfläche mit der regionalen Waldbrandlage in Europa, ein Beitrag von tkp.at vom 28. Juli stützt eine ähnliche Entwarnung auf eine Belegkette ohne eigene Primärdatenauswertung, und report24 wählt für dieselbe Botschaft einen dritten Kunstgriff: einen für sich genommen korrekten, aber durch die Publikationslücke veralteten Stichtag als Jahresbilanz. Der weltweit rückläufige Trend der insgesamt verbrannten Fläche ist dabei real und wird auch vom IPCC bestätigt, er stammt aber überwiegend aus den afrikanischen Savannen und sagt nichts über die aktuelle Lage in Südwesteuropa aus.

Fazit

Die von report24 verwendeten Einzelzahlen zu Kalenderwoche 29 sind korrekt, werden aber als aktuelle Jahresbilanz präsentiert, obwohl der Stichtag genau vor dem Ausbruch der spanischen und französischen Großbrände liegt, die die EU-weite Bilanz laut EU-eigenen Daten innerhalb von zehn Tagen auf ein Niveau oberhalb des bisherigen Rekordjahres 2025 hoben. Die Behauptung ist irreführend. Der als Ursache angeführte EU-Totholzindikator existiert real, seine praktische Wirkung auf die diesjährige Brennstofflage ist aber mangels bislang verbindlicher nationaler Umsetzung nicht belegbar und wird von den tatsächlich benannten Treibern, Winterniederschlag, Vegetationswachstum und Hitzewellen, überlagert.