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Stand: 29.07.2026

tkp.at behauptet, Waldbrände am Mittelmeer nähmen seit 1980 nicht zu

Irreführend

Link Beschreibung

tkp.at veröffentlichte am 28. Juli 2026 einen Beitrag von Peter F. Mayer unter dem Titel "Mittelmeer-Waldbrände: Was die Daten wirklich zeigen". Der Text behauptet, die European-Fire-Datenbank zeige über vier Jahrzehnte keinen statistisch signifikanten Aufwärtstrend bei der verbrannten Fläche im Mittelmeerraum, und wirft einem Telegraph-Kolumnisten einen Zahlenfehler zu französischen Brandzahlen vor. Als Belege dienen nicht die Primärdaten, sondern Aufbereitungen von Paul Homewood über ClimateDepot und ClimateSkeptic.org.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der zentrale Zahlenwert des Beitrags, wonach die verbrannte Fläche im Mittelmeerraum seit 1980 keinen statistisch signifikanten Aufwärtstrend zeigt, stammt bei tkp.at nicht aus einer eigenen Auswertung der Primärdaten. Belegt wird er über einen ClimateDepot-Repost von Paul Homewoods eigenem Beitrag auf ClimateSkeptic.org: Beide Texte stammen vom selben Autor, keine unabhängige zweite Analyse stützt den Befund. tkp.at stellt eine bloße Mehrfachverwertung eines einzigen Autors auf mehreren Plattformen als Belegkette dar, ohne dass an irgendeiner Stelle Primärdaten ausgewertet werden. Homewood ist gelernter Buchhalter, kein Klimawissenschaftler, schreibt regelmäßig für die klimaskeptische Lobbyorganisation Global Warming Policy Foundation und wurde von Fachleuten bereits dafür kritisiert, Kernaussagen von Studien wegzulassen oder Datenreihen fehlzuinterpretieren, etwa bei Hurrikan-Statistiken (siehe DeSmog: Paul Homewood und LSE Grantham Research Institute). ClimateSkeptic.org wird von Toby Young als Gründer und Chefredakteur verantwortet; die Seite bezeichnet sich selbst als "Gegengift gegen die Krankheit des Klimaalarmismus" (ClimateSkeptic.org: About).

Trotz dieser schwachen Belegkette ist der eng gefasste Zahlenwert selbst nicht aus der Luft gegriffen: Die Europäische Umweltagentur weist auf Basis von JRC-Daten tatsächlich aus, dass die verbrannte Fläche in den fünf großen Mittelmeer-Anrainerstaaten (EUMED5, mit Ausnahme Portugals) seit 1980 leicht zurückgegangen ist, bei gleichzeitig großen jährlichen Schwankungen, und führt dies auf wirksamere Brandbekämpfung zurück (European Environment Agency: Forest fires in Europe). Insofern trifft der Kern der Behauptung zur reinen Flächenstatistik zu, auch wenn tkp.at ihn nicht selbst aus dieser Primärquelle hergeleitet hat.

Die daraus gezogene Schlussfolgerung, es gebe insgesamt "keine systematische Verschlechterung", blendet jedoch aus, was dieselbe Quelle direkt im Anschluss festhält: Die meteorologische Brandgefahr wird sich in den meisten europäischen Regionen weiter verschärfen, und die verbrannte Fläche in den EUMED5-Staaten könnte sich bei einer globalen Erwärmung um 3 Grad verdoppeln. Auch die Feuersaison selbst hat sich am Mittelmeer bereits um bis zu einen Monat verlängert, auf fast allen Kontinenten im Schnitt um 18 Prozent im Zeitraum 1979 bis 2013 (scinexx: Klimawandel verlängert Waldbrandsaison). Der IPCC stuft mit mittlerer Sicherheit ein, dass Wetterbedingungen, die Waldbrände begünstigen, in Südeuropa, Nord-Eurasien, den USA und Australien im vergangenen Jahrhundert wahrscheinlicher geworden sind, und erwartet mit hoher Sicherheit, dass solche Brandwetterlagen bei steigender globaler Erwärmung in einigen Regionen häufiger werden (IPCC AR6 WG1, Kapitel 11: Weather and Climate Extreme Events in a Changing Climate). Das UN-Umweltprogramm UNEP projiziert in seinem Bericht "Spreading like Wildfire" einen globalen Anstieg extremer Waldbrände um 14 Prozent bis 2030, 30 Prozent bis 2050 und 50 Prozent bis 2100 (UNEP/GRID-Arendal: Spreading like Wildfire). Stabile oder rückläufige verbrannte Fläche und zunehmendes Brandwetter widersprechen sich damit nicht: Bessere Löschtechnik und Prävention haben die Flächenwirkung bislang gedämpft, während die zugrunde liegenden Wetterbedingungen sich verschärfen.

Auch die aktuelle Saison 2026 stützt die pauschale Entwarnung nicht. Bis zum 22. Juli 2026 registrierte das europäische Waldbrandsystem EFFIS EU-weit 1.254 größere Feuer, mehr als doppelt so viele wie im Mittel der Jahre 2006 bis 2025 (569), wenn auch bei einer verbrannten Gesamtfläche knapp unter dem Vorjahresrekord (ingenieur.de: Über 254.000 ha verbrannt). Frankreich verzeichnete mit rund 100.000 Hektar einen historischen Rekordwert, noch vor Beginn der eigentlichen Hauptbrandsaison im August; laut der Klimaforscherin Julia Miller vom Schweizerischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF begünstigten feuchte Wintermonate zunächst starkes Pflanzenwachstum, das anschließende Hitzewellen austrockneten. Die World Weather Attribution beziffert die durch den Klimawandel erhöhte Wahrscheinlichkeit der zugrunde liegenden Bodendürre auf das Fünffache (lessentiel.lu: Warum die Brände in Frankreich und Spanien Rekorde brechen). Eine ähnliche Behauptung weltweiter Rekordtiefs bei der verbrannten Fläche vertritt zur gleichen Zeit auch ein Beitrag von EIKE.

Beim konkreten Vorwurf gegen Tim Stanley liegt tkp.at in der Tendenz richtig: Stanley hatte im Telegraph behauptet, Frankreich habe früher rund 15 Brände pro Jahr erlebt. Amtliche französische Statistiken widersprechen dieser Größenordnung deutlich. Allein für die Mittelmeerregion Frankreichs weist die staatliche Statistikbehörde SDES im Zehnjahresmittel 2011 bis 2020 rund 1.617 Brände pro Jahr aus, 2022 waren es dort rund 2.000 (SDES: Feux de forêt et végétation). Die genaue von Homewood genannte Zahl von rund 100 Bränden jährlich lässt sich mit den hier verfügbaren Quellen nicht eins zu eins nachvollziehen, da unklar bleibt, auf welche Teilmenge (etwa nur große Feuer ab einer bestimmten Flächenschwelle, ganz Frankreich statt nur die Mittelmeerregion) sie sich bezieht. Dass 15 Brände pro Jahr für Frankreich deutlich zu niedrig gegriffen sind, belegen die amtlichen Zahlen aber unabhängig davon.

Fazit

Der Beitrag ist irreführend, weil er einen im Kern zutreffenden, aber über eine fragwürdige Quellenkette und ohne Primärdatenauswertung belegten Einzelbefund zur verbrannten Fläche nutzt, um pauschal jede Verschärfung der Waldbrandlage am Mittelmeer zu bestreiten. Er blendet dabei aus, dass Brandwetter, Feuersaisonlänge und die aktuelle Zahl der Feuer 2026 klar zunehmen, während er beim konkreten Faktenfehler von Tim Stanley zu Frankreichs Brandzahlen in der Tendenz recht hat.

Verwendungen

Weitere Quellenlinks