Link Beschreibung
Bundestagsdebatte vom 16. April 2026 zur Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung. AfD-Redner Robin Jünger bezeichnete die gesetzliche Vorgabe eines "100 % klimaneutralen" Betriebs als "schöne Utopie" und forderte stattdessen "gesicherte Bandlast durch Kernkraft" statt eines "auf dem Papier klimaneutral gerechneten Strommix".
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Jüngers Behauptung, 100 % klimaneutraler Rechenzentrumsbetrieb sei eine "schöne Utopie", ist irreführend, weil die Anforderung bereits geltendes Recht ist und ihre technische Umsetzbarkeit etabliert ist.
Was die Rechenzentrumsstrategie tatsächlich vorsieht: Die Bundesregierung beschloss die Nationale Rechenzentrumsstrategie am 18. März 2026. Sie setzt auf drei Handlungsfelder: Energie und Nachhaltigkeit, Standort und Fläche sowie Technologie und Souveränität. Kernziel bis 2030 ist, die Rechenzentrumskapazitäten mindestens zu verdoppeln und die KI-Rechenleistung zu vervierfachen (BMDS: Nationale Rechenzentrumsstrategie, März 2026).
Die 100-%-Pflicht ist kein Regierungswunsch, sondern Gesetz: Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) schreibt in § 11 Abs. 5 vor, dass Rechenzentrumsbetreiber ihren Strom ab dem 1. Januar 2024 zu 50 % und ab dem 1. Januar 2027 zu 100 % bilanziell aus erneuerbaren Energien decken müssen. Die Anforderung ist also keine vage Absichtserklärung, sondern seit 2023 in Kraft getretenes Bundesgesetz.
Technisch ist 100 % klimaneutraler Betrieb möglich: Über Power Purchase Agreements (PPAs) können Rechenzentrumsbetreiber ihren gesamten Bedarf vertraglich mit zertifiziertem Grünstrom decken (node.energy: PPA - Grüner Strom für nachhaltige Rechenzentren). IT-Unternehmen und Rechenzentrumsbetreiber zählen dabei zu den größten Abnehmern am europäischen Corporate-PPA-Markt. Google, Microsoft und andere Hyperscaler betreiben bereits heute Rechenzentren bilanziell zu 100 % mit erneuerbarem Strom. Jüngers "Utopie"-Argument ignoriert diese Marktpraxis.
Der Unterschied zwischen bilanzieller und physischer Versorgung: Jünger stellt "auf dem Papier klimaneutral gerechneter Strommix" der Realität gegenüber und impliziert, das sei ein Trick. Die bilanzielle Anrechnung über Herkunftsnachweise und PPAs ist allerdings das EU-weit anerkannte Standardverfahren und entspricht dem Stand der Technik. Dass Strom im Netz physisch gemixt wird, gilt für alle Stromverbraucher gleichermaßen, nicht nur für Rechenzentren.
Kernkraft als einzige Alternative? Jünger fordert "gesicherte Bandlast durch Kernkraft" als Alternative zu erneuerbaren Energien. Die deutschen Kernkraftwerke sind jedoch seit April 2023 vollständig vom Netz. Der Rückbau ist laut Betreibern praktisch irreversibel: EnBW erklärt, der Rückbaustatus sei "praktisch gesehen irreversibel"; PreussenElektra erklärt, ein Weiterbetrieb sei "kein Thema" (ingenieur.de: Das wäre nötig, um Deutschlands Kernkraftwerke zu reaktivieren). Jüngers Forderung beschreibt also keinen verfügbaren, sondern einen politischen Wunsch ohne kurzfristige technische Grundlage.
Tatsächlicher Rechenzentrum-Stromverbrauch: Der Stromverbrauch aller deutschen Rechenzentren lag 2025 laut Bitkom/Borderstep bei 21,3 Terawattstunden (Bitkom/Borderstep: Rechenzentren in Deutschland 2025). Bis 2030 soll die installierte Leistung auf über 5.000 Megawatt ansteigen.
Zu Robin Jünger: Er ist AfD-MdB für den Wahlkreis Gießen und Obmann der AfD-Fraktion im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung. Er ist kein klimapolitischer Sprecher seiner Fraktion, sondern Digitalpolitiker. Seine Kritik an der Rechenzentrumsstrategie folgt dem üblichen AfD-Muster: erneuerbare Energien als unzuverlässig darzustellen und gleichzeitig die Rückkehr zur Kernkraft zu fordern (Bundestag-Biografie Robin Jünger).
Fazit
Die Behauptung, 100 % klimaneutraler Rechenzentrumsbetrieb sei eine "schöne Utopie", ist irreführend. Die Anforderung ist geltendes Bundesrecht (EnEfG), technisch über PPAs und Herkunftsnachweise umsetzbar, und wird von Hyperscalern bereits praktiziert. Jüngers Gegenvorschlag "Kernkraft als Bandlast" ignoriert den fortgeschrittenen Rückbaustatus aller deutschen Reaktoren.
