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Stand: 17.05.2026

Arbeitsmarktintegration Geflüchteter: Bessere Rahmenbedingungen fördern Erwerbstätigkeit

Link Beschreibung

IAB-Kurzbericht 10/2024 von Herbert Brücker, Maye Ehab, Philipp Jaschke und Yuliya Kosyakova. Datenbasis ist die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: eine gemeinsame Längsschnittstudie von IAB, BAMF und DIW Berlin, die seit 2016 jährlich Geflüchtete befragt. Die Stichprobe umfasst 9.339 Geflüchtete im erwerbsfähigen Alter (18 bis 64 Jahre), die zwischen 2013 und Juni 2019 nach Deutschland kamen (25.937 Personenjahre). 55 Prozent stammen aus Syrien, 12 Prozent aus dem Irak, 10 Prozent aus Afghanistan.

Die Studie untersucht, wie institutionelle Rahmenbedingungen (Asylverfahren, Beschäftigungsverbote, Wohnsitzauflagen, Sprachprogramme, Berufsberatung) die Erwerbstätigkeit beeinflussen. Multivariate Regressionsanalysen (OLS) kontrollieren dabei für Alter, Bildung, Herkunftsland, Jahre seit Zuzug und weitere individuelle Merkmale. Die Ergebnisse sind als statistische Zusammenhänge zu lesen, nicht als kausale Evidenz, worauf die Autoren selbst hinweisen.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Erwerbstätigkeit nach Aufenthaltsdauer. Die Erwerbstätigenquote der Geflüchteten liegt im ersten Jahr nach Zuzug unter 10 Prozent, steigt dann aber steil an: auf 57 Prozent nach sechs Jahren, 63 Prozent nach sieben und 68 Prozent nach acht und mehr Jahren. Für die 2015er-Kohorte betrug die Quote 2022 rund 64 Prozent. Zum Vergleich: Die Erwerbstätigenquote der gesamten Migrationsbevölkerung in Deutschland lag 2022 bei 70 Prozent, der Bevölkerungsdurchschnitt bei 77 Prozent (Statistisches Bundesamt 2023). Die Geflüchteten nähern sich also mit zunehmender Aufenthaltsdauer dem Schnitt der Migrationsbevölkerung an, bei einer verbleibenden Differenz von 9 Prozentpunkten. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Geflüchteten jünger sind als der Bevölkerungsdurchschnitt, was bei altersbereinigter Betrachtung die Differenz um weitere 2 Prozentpunkte verringern würde.

Die Repräsentativität der Befragung lässt sich anhand der amtlichen Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit überprüfen: Beide Quellen kommen für September 2022 auf eine durchschnittliche Beschäftigtenquote von 43 Prozent bei Personen aus den acht Hauptasylherkunftsländern. Die Differenz liegt im Rahmen des statistischen Stichprobenfehlers.

Dieser Befund deckt sich auch mit den Zahlen des Mediendienst Integration, der für Dezember 2025 rund 800.000 Beschäftigte aus Asylherkunftsländern und eine Beschäftigungsquote von 50,7 Prozent über alle Kohorten hinweg ausweist.

Geschlechtergefälle. Beim Geschlecht klafft eine große Lücke: Frauen kommen selbst acht Jahre nach Einreise nur auf 33 Prozent Erwerbstätigenquote, Männer auf 86 Prozent. Männer der 2015-Kohorte übertreffen mit 75 Prozent (und bis zu 86 Prozent bei längerer Aufenthaltsdauer) sogar den gesamtdeutschen Männer-Schnitt von 81 Prozent. Frauen bleiben dagegen weit unter dem weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt von 72 Prozent.

Die Gründe dafür sind laut IAB vielschichtig: höhere Sorgearbeitslast (besonders bei Kleinkindern), geringere Sprachkenntnisse (2020: nur 26 Prozent der Frauen mit hohem Sprachniveau gegenüber 53 Prozent der Männer), niedrigere Vorerwerbsbeteiligung in den Herkunftsländern und häufigere Beschäftigung in reglementierten Berufen (etwa im Erziehungssektor), die eine Qualifikationsübertragung erschwert.

Gerade hier zeigt die multivariate Analyse einen bemerkenswerten Befund: Integrationskurse und berufsbezogene Sprachkurse haben bei Frauen deutlich stärkere Effekte als bei Männern. Nach Abschluss eines Integrationskurses steigt die Erwerbswahrscheinlichkeit bei Frauen um gut 3 Prozentpunkte, nach einem berufsbezogenen Sprachkurs sogar um 5,5 Prozentpunkte. Bei Männern sind diese Effekte kleiner und statistisch nicht signifikant. Gleichzeitig nehmen Frauen seltener an diesen Programmen teil, was oft mit der Betreuung von Kleinkindern zusammenhängt. Eine Zusammenfassung dieser Befunde bietet das IAB-Forum.

Institutionelle Hürden. Die Studie quantifiziert die bremsende Wirkung mehrerer administrativer Strukturen:

  • Wohnsitzauflagen: Männer mit ortsspezifischer Wohnortbeschränkung haben eine um gut 8 Prozentpunkte geringere Erwerbswahrscheinlichkeit, bei Bundeslandbeschränkung sind es knapp 6 Prozentpunkte. Sieben Bundesländer wenden aktuell Wohnsitzauflagen an. Diese Befunde stehen im Einklang mit kausalen Studien von Brücker et al. (2020) und Cardozo et al. (2023).
  • Gemeinschaftsunterkünfte: Das Wohnen in Aufnahmeeinrichtungen senkt die Erwerbswahrscheinlichkeit bei Männern um gut 5, bei Frauen um 3 Prozentpunkte. Dieser Effekt bleibt auch bestehen, wenn man den Einfluss mit einem Jahr Verzögerung misst.
  • Beschäftigungsverbote: Im ersten Jahr nach Zuzug fielen 48 Prozent der Geflüchteten unter ein generelles Beschäftigungsverbot (§ 61 AsylG). Geflüchtete Männer mit Beschäftigungsverbot zeigen ein Jahr später eine um 4 Prozentpunkte reduzierte Erwerbswahrscheinlichkeit. Seit Ende 2023 wurde die Frist von neun auf sechs Monate verkürzt.
  • Asylverfahrensdauer: Im ersten Jahr nach Zuzug befanden sich durchschnittlich 38 Prozent noch im Asylverfahren. Die Anerkennung des Asylantrags erhöht die Erwerbswahrscheinlichkeit bei Männern um etwa 5 Prozentpunkte.

Beschäftigungsqualität und Löhne. 90 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten arbeiten sozialversicherungspflichtig, 76 Prozent der 2015-Kohorte in Vollzeit, 12 Prozent in Arbeitnehmerüberlassung. Der mittlere Bruttoverdienst der 2015-Kohorte lag 2022 bei 2.570 Euro (Vollzeit) bzw. 2.250 Euro (alle Beschäftigten). Der Stundenlohn von 13,70 Euro liegt knapp über der Niedriglohnschwelle von 12,50 Euro. Das IAB weist darauf hin, dass das junge Durchschnittsalter der Geflüchteten und die kürzere Berufserfahrung in Deutschland die Löhne auch unabhängig vom Flüchtlingsstatus drücken (Senioritätsentlohnung).

Positiv: Der Sozialleistungsbezug sinkt parallel. Von der 2015-Kohorte bezogen 2016 noch 89 Prozent Leistungen (Asylbewerberleistungen, ALG II, Arbeitslosenversicherung), 2022 waren es 39 Prozent. Darunter sind auch erwerbstätige Geflüchtete: 21 Prozent der arbeitenden 2015-Kohorte erhielt ergänzendes Bürgergeld.

Willkommenskultur. Ein abnehmender Trend: Bei Ankunft fühlten sich 64 Prozent "sehr willkommen" (Höchstwert auf der Skala 1-5). Ein Jahr nach Zuzug waren es 57 Prozent, nach fünf bis sechs Jahren 44 Prozent, nach sieben und mehr Jahren nur noch 28 Prozent. Frauen, die sich bei Ankunft sehr willkommen fühlten, zeigen eine um 1,5 Prozentpunkte höhere Erwerbswahrscheinlichkeit (statistisch signifikant; bei Männern nicht signifikant).

Fazit

Der IAB-Kurzbericht 10/2024 liefert auf breiter Datenbasis (9.339 Befragte, 25.937 Personenjahre) differenzierte Befunde zur Arbeitsmarktintegration. Die Kernbotschaft: Integration funktioniert mit der Zeit, aber die Geschwindigkeit hängt stark an administrativen Stellschrauben. Wohnsitzauflagen, Gemeinschaftsunterkünfte und Beschäftigungsverbote bremsen nachweislich, Sprachförderung und Berufsberatung beschleunigen. Das Geschlechtergefälle (33 vs. 86 Prozent) ist das drängendste Problem, und ausgerechnet bei Frauen wirken Sprachkurse am stärksten, werden aber am seltensten genutzt. Die Daten sind durch die amtliche Beschäftigungsstatistik der BA validiert.