Link Beschreibung
CeMAS-Studie "Nach dem Ende von USAID: Desinformation und Verschwörungsnarrative über Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland" (Autorinnen und Autoren: Julia Smirnova, Thilo Manemann, Anna Meyer, Lu Kalkbrenner, veröffentlicht am 25. März 2026). Analysiert rund 36.000 Telegram-Beiträge aus knapp 1.500 deutschsprachigen Kanälen (Oktober 2024 bis November 2025). Dokumentiert, wie rechtsextreme, verschwörungsideologische und prorussische Akteure Desinformation über deutsche Entwicklungszusammenarbeit verbreiten.
Faktenfackel Bewertung
Einordnung
Die Studie untersucht, wie die Auflösung von USAID durch Donald Trump Anfang 2025 als Hebel für Desinformationskampagnen im deutschsprachigen Telegram-Raum genutzt wurde. CeMAS wertet dafür eine substanzielle Datenmenge aus und kombiniert quantitative Netzwerkanalyse mit qualitativer Inhaltsanalyse, um Verbreitungsmuster und Herkunft von Narrativen zu rekonstruieren.
Die Studie identifiziert und widerlegt konkrete Falschbehauptungen, die im Untersuchungszeitraum besonders verbreitet waren:
USAID als "Deep State"-Zentrale: Nachdem Trump im Januar 2025 die Auflösung von USAID ankündigte, übernahmen deutschsprachige Telegram-Kanäle US-amerikanische Verschwörungsnarrative direkt: USAID als angebliche Zentrale des "Deep State", der Regimewechsel finanziere oder Biowaffen entwickle. Laut der Studie stiegen Beiträge über USAID unmittelbar nach Trumps Ankündigung sprunghaft an und wurden hauptsächlich im verschwörungsideologischen Milieu geteilt.
Eva Herman und die 31 Millionen Dollar: Die frühere "Tagesschau"-Sprecherin und Verschwörungsinfluencerin Eva Herman verbreitete auf X die Behauptung, USAID habe mit 31 Millionen Dollar "Massenmigration nach Deutschland gefördert". Tatsächlich handelte es sich laut der Studie um Mittel für die Visumsbearbeitung von US-Amerikanern und lokalen Mitarbeitenden an der US-Militärbasis Kaiserslautern (Rhine Ordnance Barracks), die in die USA reisen wollten oder mussten. Von Migration nach Deutschland war keine Rede. Der taz-Bericht zur Studie bestätigt diese Richtigstellung.
Selenskyj und AstraZeneca-Aktien: Eine verbreitete Falschbehauptung stellte die Frage, ob der ukrainische Präsident AstraZeneca-Aktien mit Hilfsgeldern gekauft habe. Die Studie stellt klar: Nein.
Aserbaidschan und Frankfurter Immobilien: Die Behauptung, Aserbaidschan kaufe mit deutschen Entwicklungshilfegeldern Immobilien in Frankfurt, ist sachlich falsch. Der aserbaidschanische Staatsfonds Sofaz hält zwar Anteile an einer Eigentümergesellschaft eines Frankfurter Behördenzentrums, diese wurden aber nicht mit Entwicklungsgeldern finanziert, wie die Hessenschau bereits berichtet hatte.
"Operation Overload" und strategische Desinformation: Die prorussische Desinformationskampagne "Operation Overload" verbreitete ein Video, das behauptete, USAID habe bekannte US-Schauspieler für Reisen in die Ukraine bezahlt. Das Video erreichte 4,3 Millionen Aufrufe auf X. Die Washington Post berichtete über diese Kampagne. CeMAS' Netzwerkanalyse zeigt, dass ein Teil der Desinformation strategisch von russischen Akteuren gestreut wird, um die Bundesregierung und demokratische Institutionen zu diskreditieren.
Die Kernerkenntnis der Studie: Entwicklungszusammenarbeit eignet sich als Desinformationsthema besonders gut, weil die Materie komplex ist und sich leicht für fremdenfeindliche, migrationsbezogene oder ukrainebezogene Polarisierung instrumentalisieren lässt. Die deutschsprachigen Telegram-Kanäle übernehmen dabei US-amerikanische Narrative direkt und verknüpfen sie mit nationalen Ressentiments.
Fazit
Die CeMAS-Studie ist eine methodisch solide, gut dokumentierte Analyse mit konkreten, überprüfbaren Falschbehauptungen und deren Richtigstellungen. Die identifizierten Mechanismen, direkte Übernahme von US-Verschwörungsnarrativen, gezielte Amplifikation durch prorussische Netzwerke und Verknüpfung mit Migrationsängsten, sind durch die Datenlage gut belegt. Die zentralen Befunde sind durch unabhängige Quellen bestätigt, die widerlegten Falschbehauptungen klar widerlegt.
