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Stand: 19.04.2026

Verluste auf das deutsche Nettoauslandsvermögen - wie sind sie entstanden?

Link Beschreibung

DIW Wochenbericht 49/2013 von Guido Baldi und Björn Bremer, veröffentlicht am 4. Dezember 2013. Volltextfassung frei abrufbar auf EconStor. Trotz hoher Leistungsbilanzüberschüsse seit dem Jahr 2000 hat das deutsche Nettoauslandsvermögen durch Bewertungsverluste erheblich gelitten. Die kumulierten Verluste seit 2006 übersteigen laut Abstract 20 % einer Jahreswirtschaftsleistung, damals rund 600 Mrd. €.

Hauptursache waren Portfolioinvestitionen in US-Subprime-nahe Papiere, die in der Finanzkrise 2008/2009 stark an Wert verloren. Direktinvestitionen im Ausland entwickelten sich dagegen mit Bewertungsgewinnen positiv. Zugleich konnten ausländische Investoren auf ihren Direktinvestitionen in Deutschland Gewinne verbuchen. Die Autoren ordnen die deutsche Anlagestrategie im Vergleich zu den USA ein: Beide Länder ziehen als "sicherer Hafen" viel Auslandskapital in niedrig verzinste Anleihen an, während die USA im Gegenzug hochrentierliche Auslandsanlagen halten. In Deutschland ist das seltener der Fall.

Faktenfackel Bewertung

Einordnung

Der DIW-Befund ist einer der meistzitierten Belege für die These, dass ein dauerhaft hoher deutscher Leistungsbilanzüberschuss nicht zwangsläufig Wohlstand im Ausland anhäuft. Die Grundaussage, dass die Differenz zwischen kumulierten Leistungsbilanzüberschüssen und tatsächlichem Nettoauslandsvermögen mehrere hundert Milliarden Euro beträgt, ist auch nach 2013 mehrfach bestätigt worden. Die Hans-Böckler-Stiftung fasst die Befundlage unter dem Stichwort "Verlorene Überschüsse" zusammen und kommt zu einer ähnlichen Größenordnung.

Die im Bericht diagnostizierten Portfolio-Verluste haben eine konkrete institutionelle Kehrseite: die Verluste deutscher Landesbanken und privater Banken mit US-Verbriefungen. Die Bundesregierung bezifferte die Gesamtkosten der Bankenrettung bis 2017 auf 59 Mrd. € (Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion). Allein die Hypo Real Estate verursachte rund 20,3 Mrd. € an Verlusten, BayernLB, IKB, WestLB, HSH Nordbank und LBBW zusammen weitere rund 33 Mrd. €. Auch der Griechenland-Schuldenschnitt (PSI 2012) brachte private deutsche Verluste von rund 10 Mrd. € (Einschätzung IfW Kiel). Diese Verluste sind ein Teil der vom DIW gemessenen Bewertungsdifferenzen.

Der Befund ist kein Einzelfall und seine Richtung ist seither stabil: Auch neuere Analysen der Deutsche Bundesbank bestätigen, dass das deutsche Nettoauslandsvermögen trotz anhaltender Überschüsse erheblich hinter der Summe der kumulierten Leistungsbilanzüberschüsse zurückbleibt. Der Bundesbank-Monatsbericht Juli 2020 zum Leistungsbilanzüberschuss liefert dazu eine differenzierte Gegenposition: Rund die Hälfte des deutschen Überschusses lasse sich mit Fundamentalfaktoren wie Demografie und Lebenszyklus-Ersparnis erklären. Die Frage der Rendite deutscher Auslandsanlagen bleibt davon aber unberührt.

Methodische Einschränkungen erwähnt der DIW-Bericht selbst: Vermögensbewertungen schwanken stark, Verluste können sich in spätere Gewinne umkehren, und die statistische Erfassung ist unvollständig. Der Bundesbank-Monatsbericht Oktober 2024 weist darauf hin, dass eine alternative Erfassung einbehaltener Gewinne den gemessenen Überschuss um etwa 11,5 Mrd. € jährlich reduzieren würde. Die Kernaussage des DIW-Berichts, dass Portfolio-Investitionen in Krisenjahren überdurchschnittlich stark an Wert verloren haben und Direktinvestitionen demgegenüber stabiler waren, wird durch diese Methodenhinweise aber nicht widerlegt.

Fazit

Der Wochenbericht von Baldi und Bremer ist eine solide empirische Arbeit, die seit 2013 die Standardreferenz für die These der "verlorenen Überschüsse" bildet. Kumulierte Bewertungsverluste deutscher Auslandsvermögen in der Größenordnung von über 20 % einer Jahreswirtschaftsleistung seit 2006 sind durch die Daten belegt und wurden durch spätere Analysen der Bundesbank und der Hans-Böckler-Stiftung bestätigt. Die zugrundeliegende Aussage, dass hohe Leistungsbilanzüberschüsse nicht automatisch in belastbares Auslandsvermögen münden, ist wissenschaftlich breit akzeptiert.