Die Behauptung
Nach den Rekord-Sterbefallzahlen der letzten Juniwoche griff das rechtsextreme Portal Journalistenwatch am 9. Juli 2026 die Schätzung des Robert-Koch-Instituts an. Die rund 5.100 Hitzetoten seien "nur durch willkürliche Veränderungen der Begriffsdefinition 'Hitzetote' erklärbar", es handele sich um "modellierte Schätzungen" statt um Zahlen aus Totenscheinen. Man müsse "analog zu Sars-CoV2 von 'an und mit' Hitze Verstorbenen reden", also denselben "Trick" anwenden wie bei den Corona-Todeszahlen. Und dann noch der eigentliche Dreh: Der Überschuss an Toten könne ja "auch wenn es sich um ganz andere Ursachen (etwa Impfschäden?) handeln könnte" entstanden sein. (Journalistenwatch, 9. Juli 2026)
Zwei Behauptungen stecken darin: Erstens seien die Hitzetoten eine aufgeblähte Statistik-Erfindung. Zweitens stünden in Wahrheit vielleicht Impfschäden hinter der Übersterblichkeit.
Was tatsächlich passiert ist
Ende Juni lag über Deutschland eine historische Hitzewelle, und die Sterbefälle stiegen messbar. Das Statistische Bundesamt zählte in der letzten Juniwoche rund 23.900 Tote, das sind 32 % über dem Mittel der Jahre 2022 bis 2025 und etwa 7.100 Sterbefälle mehr als zwei Wochen zuvor. (Destatis, PM 248) In der Folgewoche, als die Hitze abklang, lag der Wert immer noch bei +26 %. Die taz rechnete die Zahlen auf Tagesebene herunter: Allein vom 26. bis 30. Juni starben rund 8.300 Menschen mehr als üblich, mit einem Höchstwert von 4.832 Toten am Montag, den 29. Juni, als die Hitze bereits nachließ (der zuvor gemeldete Sonntagswert wurde nachträglich auf 4.724 korrigiert). (taz, 14. Juli 2026)
Das RKI schätzt, wie viele dieser zusätzlichen Sterbefälle konkret auf die Hitze zurückgehen: rund 5.100 für die Hitzeperiode. (RKI-Wochenbericht, 9. Juli 2026) Genau diese Zahl greift Journalistenwatch an.
Die "an und mit"-Analogie geht am Kern vorbei
Es stimmt, dass "Hitzetote" nicht auf Totenscheinen ausgezählt werden. Hitze wirkt fast immer über bestehende Vorerkrankungen tödlich, etwa wenn der Kreislauf eines herzkranken Menschen bei 38 Grad kollabiert. Auf dem Totenschein steht dann Herzversagen, nicht "Hitze". Deshalb schätzt das RKI die Zahl über den Vergleich von Sommerwochen mit und ohne Hitze. Das ist keine "willkürliche Begriffsänderung", sondern das international übliche Verfahren, das auch das europäische Netzwerk EuroMOMO und die WHO verwenden.
Der entscheidende Punkt aber: Für den Nachweis, dass die Hitze getötet hat, braucht man dieses Modell gar nicht. Die Rohzahlen des Statistischen Bundesamts zählen schlicht alle Sterbefälle, ohne jede Ursachenzuschreibung. Und diese ungerechnete Zahl springt in der Hitzewoche um 7.100 nach oben. Wer die Corona-Logik "an und mit" bemühen will, landet also beim gleichen Ergebnis: In der Woche der Extremhitze starben rund 7.100 Menschen mehr als zwei Wochen zuvor, egal wie man die Todesursache etikettiert. Die Analogie, die die Zahlen entwerten soll, bestätigt sie.
Die Impf-Spekulation passt zu keinem Muster
Bleibt der Versuch, die Toten der Impfung zuzuschreiben. Der scheitert am Verlauf. Die Übersterblichkeit ist ein scharfer, kurzer Ausschlag, der exakt mit der Hitze kommt und mit ihr wieder abklingt: +1 % in der Woche vor der Hitze, +32 % in der Hitzewoche, +26 % danach. Und sie tritt europaweit gleichzeitig auf. EuroMOMO meldete für dieselbe letzte Juniwoche auch in Frankreich und Belgien eine "very high excess", genau dort, wo die Hitzekarte am tiefsten rot war.
Eine Impfung erklärt so etwas nicht. Es gibt 2026 keine Massenimpfkampagne, deren Nebenwirkungen sich zufällig in einer einzigen heißen Woche und synchron über mehrere Länder entladen würden, immer dort, wo gerade das Thermometer ausschlägt. Die Behauptung, Corona-Impfungen hätten in Deutschland eine Übersterblichkeit ausgelöst, ist zudem längst geprüft und widerlegt: Von mehreren tausend gemeldeten Verdachtsfällen auf tödliche Nebenwirkungen ordnete die Sicherheitsbehörde nur einen kleinen einstelligen Prozentsatz überhaupt einem möglichen Zusammenhang zu. Ein plötzlicher Peak, der dem Wetterbericht folgt, gehört nicht dazu.
Was an der Kritik dran ist
Ein wahrer Kern bleibt, und den sollte man nicht wegwischen: Die 5.100 sind eine Schätzung, kein Abzählen von Einzelfällen. Das RKI sagt das selbst und weist einzelne Wochen wegen der statistischen Schwankung nicht getrennt aus. Über die genaue Höhe und die Methode kann man fachlich streiten. Nur führt dieser Streit in die andere Richtung als von Journalistenwatch behauptet: Fachleute wie Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München halten die Schätzung eher für zu niedrig, weil sie in Vorjahren "zwischen 35 und 50 Prozent" unter der tatsächlichen Sterblichkeit gelegen habe. Und die harte Untergrenze, die 7.100 zusätzlichen Sterbefälle aus der amtlichen Rohzahl, steht ganz ohne Modell.
Fazit
Die Hitzewelle Ende Juni hat real und messbar zu tausenden zusätzlichen Todesfällen geführt, sichtbar schon in den ungerechneten Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts. Die RKI-Schätzung von rund 5.100 Hitzetoten mit einer "an und mit"-Rhetorik als Erfindung abzutun, verdreht ein etabliertes und eher vorsichtiges Verfahren. Und die nachgeschobene Vermutung, es könnten Impfschäden sein, passt zu keinem der Muster in den Daten. Urteil: irreführend.
Warum sich Hitzetote so leicht wegreden lassen und was diese Leugnung politisch bezweckt, ordnen wir im Lagerfeuer "Die unsichtbaren Toten der Hitzewelle" ein.