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Dobrindts PKS-Framing 2026

Migration trotz sinkender Kriminalität als Problem inszeniert

Irreführend
Inhalt

Was ist passiert?

Am 20. April 2026 stellte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gemeinsam mit BKA-Präsident Holger Münch und dem Hamburger Innensenator Andy Grote (SPD, Vorsitzender der Innenministerkonferenz) in der Bundespressekonferenz die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 und die Dunkelfeldstudie SKiD 2024 vor.

Die Kernzahlen laut BKA:

  • Gesamtkriminalität: -5,6 % (erstmals seit 2022 rückläufig)
  • Gewaltkriminalität: -2,3 % (erstmals seit 2021 rückläufig)
  • Tatverdächtige insgesamt: -2,6 %
  • Tatverdächtige Zuwanderer: -7,2 % (stärker als der Gesamtrückgang)
  • Tatverdächtige Jugendliche: -7,4 %
  • Tatverdächtige Kinder: +3,3 %

Trotz dieses deutlich positiven Befunds nutzte Dobrindt die Pressekonferenz, um Migration als Kern-Erklärfaktor für Kriminalität in den Mittelpunkt zu stellen und härtere Maßnahmen zu fordern, darunter biometrische Internetfahndung und erweiterte Ermittlungsbefugnisse.

TL;DR
Dobrindts Zahlen sind technisch aus der PKS entnommen, aber methodisch falsch eingeordnet. Die "Überrepräsentanz" von Nicht-Deutschen verschwindet weitgehend, sobald man für Demografie, Wohnort, Kontrolldelikte und Anzeigeverhalten kontrolliert. Der vermeintliche Kausalzusammenhang zwischen Migration und Kriminalität wird durch Primärforschung nicht gestützt.

Faktencheck

Wir nehmen drei zentrale Aussagen Dobrindts aus der Pressekonferenz einzeln auseinander.

Behauptung 1: "Erhebliche Überrepräsentanz von Ausländern"

Zitat: « 42,9% der Straftaten werden durch nichtdeutsche Tatverdächtige verübt. Dazu gibt es auch eine tatverdächtigen Belastungszahl, die das deutlich macht. Es gibt eine erhebliche Überrepräsentanz von ausländischen Tatverdächtigen. » (Alexander Dobrindt)

Was stimmt: Die Zahl 42,9 Prozent ist korrekt aus der PKS abgelesen. Nicht-deutsche Tatverdächtige sind in der Statistik überproportional vertreten.

Was fehlt: Die methodische Einordnung. Dobrindt erwähnt zwar die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ), lässt aber die Faktoren weg, die der Vergleich braucht, um ehrlich zu sein:

  • Kontrolldelikte: Ausländerrechtliche Verstöße (zum Beispiel unerlaubte Einreise nach § 95 AufenthG) können fast nur von Nicht-Deutschen begangen werden. Der Mediendienst Integration weist aus: Ohne diese Kontrolldelikte schrumpft der Anteil nicht-deutscher Tatverdächtiger von 40 Prozent auf 35,5 Prozent. Die TVBZ sinkt bei Ausländern von einem scheinbar dramatischen Vielfachen auf Faktor 2,6 gegenüber Deutschen (4.788 vs. 1.813 pro 100.000 Einwohner).
  • Besuchsverkehr: Rund 19,5 Prozent der ausländischen Tatverdächtigen hatten 2023 ihren Wohnsitz gar nicht in Deutschland (Touristen, Durchreisende), bei weiteren 7,5 Prozent war der Wohnsitz unbekannt. Diese Gruppen werden in deutschen Bevölkerungszahlen nicht mitgezählt, verzerren die TVBZ aber nach oben.
  • Demografische Struktur: Die ausländische Bevölkerung ist im Schnitt deutlich jünger und männlicher als die deutsche. Junge Männer haben in allen Gesellschaften und Herkünften höhere Kriminalitätsraten.
  • Wohnort-Effekt: Ausländer leben überproportional häufig in Ballungsräumen mit strukturell höherer Kriminalitätsbelastung. Das gilt auch für Deutsche, die dort wohnen.
  • Anzeigeverhalten: Als "fremd" wahrgenommene Personen werden messbar häufiger angezeigt als Deutsche.

Der CORRECTIV-Faktencheck zur PKS 2025 und die ifo-Studie von Joop Adema und Jean-Victor Alipour kommen methodisch unabhängig zum gleichen Befund: Sobald man diese strukturellen Faktoren kontrolliert, schmilzt die scheinbare Überrepräsentanz weitgehend zusammen.

Wie aus 'viermal krimineller' 'gleich häufig' wirdIllustrative Dekomposition der Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) von Ausländern im Verhältnis zu Deutschen. Klick dich durch die Korrekturen.
DeutscheFaktor 1,0AusländerFaktor 4,0
Schritt 1 / 5Dobrindts Framing

Die Rohzahl aus der PKS, ohne methodische Einordnung. So präsentiert, wirkt die Gruppe pauschal "viermal krimineller".

Datengrundlage: Bundespressekonferenz PKS 2025, 20. April 2026

Einschätzung: Die Rohzahl stimmt, die Schlussfolgerung "erhebliche Überrepräsentanz" im Sinne eines ethnisch begründeten Kriminalitätsproblems ist jedoch nicht durch die Daten gedeckt.

Behauptung 2: "Fast zehnfach so hohe Belastungszahl bei Afghanen und Syrern"

Zitat: « Wir reden hier über eine fast zehnfach so hohe tatverdächtigen Belastungszahl, die wir im Jahr 2025 erkannt haben. » (Alexander Dobrindt)

Was stimmt: Die TVBZ bei männlichen afghanischen und syrischen Tatverdächtigen ist tatsächlich mehrfach höher als bei männlichen Deutschen. Dobrindts Grafik in der Pressekonferenz stellte genau diesen Rohwert dar.

Was fehlt: Fast alle relevanten Kontrollvariablen. Die Gruppe "Afghanen und Syrer in Deutschland" besteht ganz überwiegend aus jungen Männern im Alter zwischen 18 und 35 Jahren, die zum Teil in Gemeinschaftsunterkünften leben, die eingeschränkten Arbeitsmarktzugang haben, die traumatische Fluchterfahrungen mitbringen, und die oft in urbanen Räumen mit strukturell hoher Kriminalitätsbelastung wohnen. Bereinigt man die TVBZ um diese Faktoren, reduziert sich der vermeintlich "zehnfache" Unterschied erheblich.

Die ifo-Studie zeigt das am deutlichsten: Eine Längsschnittanalyse mit fixen Effekten für Jahr und Landkreis (2018-2023) findet keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Veränderungen des regionalen Ausländeranteils und der lokalen Kriminalitätsrate. Bei sechs von 17 Straftatbeständen ist der Zusammenhang sogar signifikant negativ (Diebstahl -0,21 %, Gewaltkriminalität -0,13 % je 1 % mehr Ausländeranteil).

Andy Grote (SPD) widersprach Dobrindt in derselben Pressekonferenz explizit: Wie stark die gesunkene Zuwanderung zum Kriminalitätsrückgang beigetragen habe, könne man "nicht seriös quantifizieren".

Wie aus 'zehnfach' 'kaum höher' wirdIllustrative Dekomposition der TVBZ männlicher Afghanen und Syrer im Verhältnis zu männlichen Deutschen. Die Korrekturen folgen den bekannten kriminologischen Kontrollvariablen.
Deutsche (Männer)Faktor 1,0Afghanen / Syrer (Männer)Faktor 10,0
Schritt 1 / 5Dobrindts Grafik

Rohe TVBZ männlicher afghanischer und syrischer Tatverdächtiger gegenüber männlichen Deutschen. Die "fast zehnfach" höhere Belastungszahl, die Dobrindt in der Pressekonferenz zeigt.

Datengrundlage: Bundespressekonferenz PKS 2025, 20. April 2026

Einschätzung: Die Zahl ist korrekt, aber ohne Kontext als Beleg für ein migrationsspezifisches Kriminalitätsproblem unbrauchbar. Dieselbe TVBZ-Erhöhung gilt auch für deutsche junge Männer in sozial vergleichbaren Lebenslagen.

Behauptung 3: "Migration ist wesentlicher Grund für sinkende Kriminalität"

Zitat: « Ich glaube, man muss da gar nicht so viel hineinpretieren, sondern das ist ein relativ simpler Zusammenhang - es ist natürlich ein wesentlicher Grund dafür, dass wir in diesem Bereich jetzt auch sinkende Kriminalitätszahlen sehen. » (Alexander Dobrindt)

Hier dreht Dobrindt die Argumentation um: Wenn mehr Migration angeblich mehr Kriminalität bedeute, dann müsse weniger Migration weniger Kriminalität erklären. Das klingt plausibel, scheitert aber an den Daten.

Langzeitbefund: Zwischen 2005 und 2024 stieg die Zahl der Ausländer in Deutschland um über 70 Prozent, die Kriminalitätsrate ging im selben Zeitraum um rund 14 Prozent zurück (2005: 7.621 Straftaten pro 100.000 Einwohner, 2024: 6.555). Die Gewaltkriminalität blieb fast unverändert (258 vs. 256 pro 100.000). Wäre Migration der "wesentliche Grund", hätten beide Kennzahlen parallel zur Ausländerzahl steigen müssen. Der Mediendienst Integration dokumentiert das ausführlich mit BKA-Zeitreihen.

Kurzzeitbefund: Der Rückgang der Tatverdächtigen bei Zuwanderern 2025 beträgt 7,2 Prozent - stärker als der Gesamtrückgang von 2,6 Prozent bei allen Tatverdächtigen. Auch die tatverdächtigen Kinder (+3,3 %) widersprechen dem Framing, denn diese Gruppe hat mit irregulärer Migration praktisch nichts zu tun.

Wenn Migration Kriminalität treibt, müsste diese Kurve anders aussehenEntwicklung 2005 bis 2024: Ausländerzahl in Deutschland (indexiert auf 2005 = 100) gegen Kriminalitätsrate je 100.000 Einwohner (indexiert auf 2005 = 100).
80100120140160180100 (2005)2005201020152019202020222024AusländerzahlKriminalitätsrate
Stand 2005
Ausländerzahl100+0 % seit 2005
Kriminalitätsrate100+0 % seit 2005

Datengrundlage: BKA-PKS-Zeitreihen (Straftaten je 100.000 Einwohner, ohne ausländerrechtliche Verstöße) und Statistisches Bundesamt (Mikrozensus Ausländeranteil). Dargestellt indexiert auf 2005 = 100.

Strukturelle Erklärung: Die ifo-Studie beschreibt den Mechanismus sauber. Scheinbare Zusammenhänge zwischen Migration und Kriminalität in der Rohstatistik verschwinden, sobald Demografie, Arbeitslosigkeit und urbane Struktur kontrolliert werden. Internationale Forschung (Marie & Pinotti 2024, Bianchi et al. 2012) kommt zum gleichen Ergebnis.

Einschätzung: Dobrindts "simpler Zusammenhang" ist zwar intuitiv plausibel, aber empirisch nicht haltbar. Er überhöht einen möglichen Teilfaktor zum Hauptgrund und blendet Cannabis-Teillegalisierung, Waffenverbote, demografische Effekte und Pandemie-Nachholeffekte aus.

Der blinde Fleck: Sinkende Zahlen, härtere Forderungen

Bemerkenswert ist nicht nur, was Dobrindt sagt, sondern wofür er die Pressekonferenz nutzt. Trotz des deutlich positiven Gesamtbilds fordert er laut netzpolitik.org neue Überwachungsinstrumente: automatisierte Datenanalyse, biometrische Fahndung im Internet, eine Verschärfung des Aufenthaltsrechts. Zivilgesellschaftliche Organisationen kritisieren mehrere dieser Pläne als verfassungsrechtlich problematisch.

Die PKS ist ohnehin das Hellfeld der polizeilich registrierten Fälle - nicht die tatsächliche Kriminalität. Die gleichzeitig veröffentlichte Dunkelfeldstudie SKiD 2024 zeigt einen echten Befund, der nicht in Dobrindts migrationsfeindliches Framing passt: 8,5 Prozent der 16- bis 17-Jährigen wurden 2024 Opfer einer Körperverletzung (2020: 3,1 Prozent). Dieser Anstieg bei jugendlichen Opfern ist keine Frage der Herkunft, sondern der Jugendgewalt insgesamt.

Parlamentarische Fortsetzung: AfD überholt Dobrindt von rechts

Noch am Tag der Pressekonferenz setzte die AfD-Bundestagsfraktion das Framing parlamentarisch fort. In einer Pressemitteilung vom 20. April 2026 nennt Martin Hess, innenpolitischer Sprecher der Fraktion, den Rückgang der Gesamtkriminalität "trügerisch" und erklärt ihn primär durch die "verfehlte Legalisierung von Cannabis". Das ist eine steile These: Der BKA-Änderungsnachweis zur PKS 2025 weist zwar aus, dass Rauschgiftdelikte durch die Teillegalisierung zurückgehen - dieser Basiseffekt erklärt aber bei weitem nicht den Gesamtrückgang von 5,6 Prozent, der sich quer durch fast alle Deliktfelder zieht (Diebstahl, Wohnungseinbruch, Straßenkriminalität). Cannabis als alleiniger Grund für den Rückgang ist statistisch nicht haltbar.

Hess ergänzt die dramatische Zuspitzung: "Alle 18 Minuten wird in Deutschland ein Mensch mit einem Messer bedroht, verletzt oder getötet." Die Rechnung stimmt arithmetisch (rund 29.000 Messerdelikte im Jahr ergeben einen Fall alle knapp 18 Minuten), sie blendet aber aus, dass die Mehrheit dieser Fälle Drohungen ohne Verletzungen sind, dass häusliche Kontexte dominieren und dass die Kategorie "Messerangriff" 2020 erst neu eingeführt wurde - Zeitreihenvergleiche werden dadurch systematisch erschwert.

Die Fraktion nutzt die Pressemitteilung, um einen "grundlegenden Kurswechsel" in der Migrationspolitik zu fordern und ruft erneut die "Merkel-Fehlentscheidung von 2015" als Ursache auf. Parallel hat sie für die Bundestagssitzung am 23. April 2026 einen Antrag mit dem Titel "Polizeiliche Kriminalstatistik sowie Berichtswesen zur Ausländerkriminalität mit maximaler Offenheit zur Effektivitätssteigerung sicherheitspolitischer Maßnahmen ausgestalten" eingebracht, der eine noch stärkere Ausrichtung der PKS auf Herkunft und Staatsangehörigkeit fordert.

Die politische Dynamik zeigt, wie das Dobrindt-Framing funktioniert: Sobald die Linie "Migration als Kernproblem" vom Innenminister gesetzt ist, kann die AfD sie aufnehmen, zuspitzen und mit noch schärferen Forderungen überbieten - ohne dass der Ursprung des Framings noch als aus der Unionsspitze stammend erkennbar wäre.

Fazit

Dobrindts Zahlen sind aus der PKS korrekt abgelesen, aber systematisch ohne den nötigen methodischen Kontext präsentiert. Die "Überrepräsentanz" von Nicht-Deutschen schrumpft nach Bereinigung erheblich, die "zehnfache" TVBZ bei bestimmten Herkunftsländern erklärt sich durch Demografie und soziale Lage, und der behauptete Kausalzusammenhang zwischen Migration und Kriminalität wird durch Längsschnittdaten und wissenschaftliche Studien nicht gestützt.

Hinzu kommt das politische Muster: Sinkende Kriminalitätszahlen werden zum Anlass genommen, härtere Überwachungsgesetze zu fordern - ein Widerspruch, der im Framing weggeblendet wird.

Die Aussagen sind irreführend: Nicht falsch im Detail, aber selektiv zitiert, ohne Kontext und in Summe geeignet, ein ethnisiertes Kriminalitätsbild zu erzeugen, das die Daten nicht hergeben.

Wer tiefer einsteigen will, findet die methodische Grundlage im CORRECTIV-Faktencheck, den Langzeitbefund beim Mediendienst Integration und die empirische Evidenz in der ifo-Studie. Zur Einordnung der Zahl selbst hilft unser Glossareintrag zur Tatverdächtigenbelastungszahl. Für das Gesamtbild "Migration und Kriminalität" jenseits der Tagesaktualität siehe auch unseren Faktencheck Kriminalität bei Ausländern und Deutschen.