Was ist passiert?
In der ARD-Sendung "hart aber fair" am 7. September 2026 sprach der AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier über Kriminalität. Laut Untertitelspur der Sendung sagte er:
"Ich komme aus Baden-Württemberg. Bei uns gibt es alle 4 h Messerattacken. Die Tätergruppen sind bekannt."
Danach unterbrach ihn Moderator Louis Klamroth, worauf Frohnmaier erwiderte, er wolle seinen Satz zu Ende führen können. Diese Unterbrechung wurde anschließend in mehreren Medien zum eigentlichen Thema. Die Zahl selbst prüfte dort niemand.
"Bei uns" bezieht sich eindeutig auf Baden-Württemberg, der Bezug steht im unmittelbar vorangehenden Satz.
Der Takt stimmt, und er ist eher zu niedrig gegriffen
Fangen wir mit dem an, was zutrifft.
Die Polizei in Baden-Württemberg registrierte 2025 insgesamt 2.880 Messerangriffe. Ein Jahr hat 8.760 Stunden. Das ergibt rechnerisch alle 3,0 Stunden einen Fall.
Frohnmaiers "alle vier Stunden" entspricht 2.190 Fällen im Jahr und liegt damit rund 24 Prozent unter dem tatsächlichen Landeswert. Wer die Aussage widerlegen will, indem er sie für übertrieben erklärt, liegt falsch. Sie ist untertrieben.
Interessant ist dabei, dass Frohnmaier seine eigene Zahl nach unten korrigiert hat. Bei einer Podiumsdiskussion der Stuttgarter Zeitung im Januar 2026 sagte er noch, alle drei Stunden werde in Baden-Württemberg ein Mensch mit einem Messer angegriffen, verbunden mit der Aufforderung "Das können Sie gerne faktenchecken". Dieser Wert passte zur damals aktuellen Statistik für 2024 mit 3.129 Fällen.
Was in dieser Zahl steckt
Der Streitpunkt liegt nicht beim Takt, sondern beim Wort "Messerattacke".
Die Polizeiliche Kriminalstatistik führt Taten dann als Messerangriff, wenn der Angriff "unmittelbar gegen eine Person angedroht oder ausgeführt wird". Das bloße Mitführen eines Messers reicht nicht. Angedrohte Angriffe zählen also mit, und sie machen den größten Einzelblock aus.
Von den 2.880 Fällen des Jahres 2025 entfallen:
- 1.267 auf Bedrohung, also angedrohte, nicht ausgeführte Angriffe
- 1.022 auf gefährliche und schwere Körperverletzung
- 336 auf Raub und räuberische Erpressung
- 176 auf Mord und Totschlag
Die restlichen 79 Fälle weist das Land nicht gesondert aus. Rund 44 Prozent der Zahl, die Frohnmaier als "Messerattacken" bezeichnet, sind damit Drohungen.
Das ist kein Wortklauberei-Argument. Wer "alle vier Stunden eine Messerattacke" hört, denkt an einen Angriff mit Verletzten. Tatsächlich beschreibt fast die Hälfte der Fälle eine Situation, in der ein Messer gezogen und damit gedroht wurde. Beides ist strafbar und für Betroffene bedrohlich. Es ist aber nicht dasselbe, und die Formulierung verwischt genau diesen Unterschied.
Die Richtung stimmt nicht
Ein zweiter Punkt kommt hinzu. Frohnmaiers Satz beschreibt einen Zustand, der sich zuspitzt. Die Zahlen zeigen das Gegenteil.
Die vollständige Reihe für Baden-Württemberg:
| 2022 | 2023 | 2024 | 2025 | |
|---|---|---|---|---|
| Messerangriffe | 2.730 | 3.109 | 3.129 | 2.880 |
Von 2024 auf 2025 ging die Zahl um 249 Fälle zurück, also um 8,0 Prozent. Im öffentlichen Raum sank sie um elf Prozent auf 1.190 Fälle, bei Angriffen auf Polizeibeamte um 14,5 Prozent auf 47 Fälle. Auch die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren fiel, von 815 auf 735.
Zugleich zeigt die Grafik, wie kurz die Reihe ist. Messerangriffe sind in Baden-Württemberg erst seit 2022 statistisch auswertbar, davor weist die Tabelle nichts aus. Vier Datenpunkte sind kein Langfristtrend, und für die in solchen Debatten übliche Behauptung, es seien "noch nie so viele" gewesen, fehlt jede Grundlage. Dasselbe Problem beschreiben wir im ersten Teil unserer Serie zur Messergewalt für die bundesweite Statistik.
Und die Größenordnung?
Frohnmaier sprach im Zusammenhang mit Sicherheit im öffentlichen Raum. Nimmt man diese Abgrenzung ernst, verschiebt sich die Rechnung deutlich: Die 1.190 Fälle im öffentlichen Raum ergeben einen Angriff alle 7,4 Stunden, nicht alle vier.
Zur Einordnung gehört außerdem, dass die 2.880 Messerangriffe neben rund 522.000 Straftaten der Allgemeinkriminalität im Land stehen. Im öffentlichen Raum machen Messerangriffe nach Angaben des Innenministeriums etwa ein halbes Prozent der Straftaten aus. Das relativiert nicht die Schwere der einzelnen Tat, es ordnet nur ein, worüber gesprochen wird.
Was ist mit "die Tätergruppen sind bekannt"?
Der zweite Halbsatz gehört zur selben Aussage und wird meist mitgehört. Baden-Württemberg erhebt tatsächlich die Staatsangehörigkeit: 1.649 der 2.829 Tatverdächtigen des Jahres 2025 waren nichtdeutsch, also 58,3 Prozent. Der Anteil liegt über dem Ausländeranteil der Bevölkerung, und das ist ein realer Befund.
Was daraus folgt und was nicht, hängt an Faktoren, die eine solche Quote nicht abbildet: Altersstruktur, Geschlechterverteilung, Stadt-Land-Verteilung, soziale Lage und der Unterschied zwischen Tatverdächtigen und Verurteilten. Wir haben das im Glossareintrag zur Tatverdächtigenbelastungszahl und im Faktencheck zu Dobrindts PKS-Framing aufgeschlüsselt. Bundesweit gibt es zu Messerangriffen übrigens gar keine Zahlen zur Staatsangehörigkeit; die PKS weist für dieses Merkmal keine Tatverdächtigenmerkmale aus.
Fazit
Die Aussage ist irreführend, aber nicht dort, wo man es zuerst vermuten würde. Der genannte Takt trifft zu und ist sogar zurückhaltend: 2.880 Messerangriffe im Jahr 2025 ergeben für Baden-Württemberg rechnerisch alle drei Stunden einen, nicht alle vier.
Irreführend ist das Wort "Messerattacke". Rund 44 Prozent der gezählten Fälle sind Bedrohungen, bei denen kein Angriff ausgeführt wurde. Die PKS zählt sie bewusst mit, was statistisch sinnvoll ist, umgangssprachlich aber etwas anderes bedeutet als eine Attacke. Hinzu kommt die Richtung: Die Zahl ist 2025 um acht Prozent gefallen, im öffentlichen Raum um elf Prozent, während der Satz einen sich verschärfenden Zustand beschreibt. Und wer die Aussage auf den öffentlichen Raum bezieht, über den Frohnmaier sprach, landet bei alle 7,4 Stunden.
Bleibt der zweite Halbsatz, die "bekannten Tätergruppen". Die Überrepräsentation nichtdeutscher Tatverdächtiger existiert und ist in Baden-Württemberg belegt. Sie erklärt sich aber nicht von selbst, und ein Satz, der sie als Erklärung behandelt, überspringt genau die Prüfschritte, um die es bei diesen Zahlen geht.