Was ist passiert?
In einem Thread auf Bluesky hatten wir erklärt, warum die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) das Bild "krimineller Ausländer" verzerrt: Sie zählt Tatverdächtige, nicht verurteilte Täter, und als "fremd" wahrgenommene Menschen werden häufiger angezeigt. Zwei Nutzer hielten dagegen.

Der vollständige Thread ist auf Bluesky öffentlich. Zwei Aussagen daraus prüfen wir hier:
- Die Quellen-Frage: "Hast du eine Quelle dafür, dass Migranten wesentlich häufiger angezeigt werden?"
- Der Konter: "Sie werden übrigens häufiger verurteilt. Zum Teil 2000% häufiger."
TL;DR
Aussage 1 lässt sich klar beantworten: Ja, dafür gibt es belastbare kriminologische Studien. Aussage 2 ist irreführend: Die "2000 Prozent" sind frei erfunden, und Verurteiltenzahlen beweisen keine höhere Kriminalität, weil sie dieselben Verzerrungen mitschleppen wie die Verdachtsstatistik.
Aussage 1: Werden Migranten häufiger angezeigt?
Ja, und die beste Quelle dafür ist ausgerechnet die Polizei selbst. Das Bundeskriminalamt schreibt in der Polizeilichen Kriminalstatistik 2024, höhere Tatverdächtigenzahlen bei Nichtdeutschen seien "nicht unmittelbar mit einer tatsächlich unterschiedlichen Kriminalitätsbelastung dieser Bevölkerungsgruppen gleichzusetzen". Und weiter, wörtlich:
Tatsächlich gibt es Forschungsbefunde, die zeigen, dass Straftaten, an denen Personen beteiligt sind, die als 'migrantisch' oder 'fremd' wahrgenommen werden (u.a. Nichtdeutsche), merklich häufiger angezeigt werden.
Das ist also kein Argument einer Lobbygruppe, sondern die Einordnung der obersten deutschen Kriminalpolizei, in einer Statistik, die ein CSU-Innenminister vorstellt.
Warum dieser Effekt so stark ins Gewicht fällt: Rund 90 Prozent aller in der PKS erfassten Straftaten werden durch Anzeigen aus der Bevölkerung bekannt, nicht durch eigene Ermittlungen der Polizei. Wer häufiger angezeigt wird, taucht häufiger auf, unabhängig davon, wie viel tatsächlich passiert ist.
Wie groß der Effekt ist, zeigen Studien des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). In einer großen Befragung zur Jugendgewalt wurde dieselbe Art von Tat sehr unterschiedlich oft angezeigt, je nachdem, wer als Täter wahrgenommen wurde:
- deutsches Opfer, deutscher Täter: 7,9 Prozent der Fälle angezeigt
- deutsches Opfer, nichtdeutscher Täter: 22,4 Prozent der Fälle angezeigt
Die Anzeigebereitschaft liegt also rund doppelt bis dreifach so hoch, wenn der Täter als fremd wahrgenommen wird. Derselbe Befund zeigt sich quer durch die Deliktarten und wird vom Mediendienst Integration mit Verweis auf die KFN-Forschung (Pfeiffer, Baier u.a.) dokumentiert. Eine kompakte kriminologische Aufbereitung der Zahlen findet sich bei soztheo.de.
Auch der CORRECTIV-Faktencheck zur PKS kommt zum selben Schluss und zitiert die Kriminologin Gina Wollinger: Migrantisch gelesene Personen werden häufiger angezeigt, und bestimmte Tatkontexte, etwa ein Vorfall in einer Geflüchtetenunterkunft, werden öfter zur Anzeige gebracht als derselbe Vorfall in einer Privatwohnung.
Einschätzung: Die Behauptung, für den höheren Anzeige-Effekt gebe es keine Quelle, ist falsch. Es gibt mehrere, und sie stammen aus der akademischen Kriminologie, nicht aus einer Meinung.
Aussage 2: "Zum Teil 2000 Prozent häufiger verurteilt"
Diese Aussage hat zwei Probleme: Die Zahl stimmt nicht, und selbst eine korrekte Überrepräsentanz würde nicht belegen, was sie belegen soll.
Die Zahl ist frei erfunden
2000 Prozent häufiger bedeutet ein 20-faches. Damit Ausländer 20-mal so oft in einer Statistik stünden wie ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, müssten sie bei einem Anteil von gut 15 Prozent an der Bevölkerung rund 77 Prozent aller Verurteilten stellen. Das gibt keine Statistik her.
Der höchste Ausländeranteil, den eine offizielle Statistik überhaupt ausweist, liegt bei den Tatverdächtigen, nicht bei den Verurteilten: Dort sind es ohne ausländerrechtliche Delikte rund 35 Prozent (Mediendienst Integration). Selbst die bevölkerungsbereinigte Tatverdächtigenbelastungszahl ergibt einen Faktor von rund 2,6 gegenüber Deutschen, nicht von 20. Politisch wurde zuletzt von einer "zehnfachen" Belastungszahl gesprochen, und auch das galt nur für einzelne Herkunftsgruppen, unbereinigt und bei den Tatverdächtigen, nicht bei Verurteilungen (siehe unser Faktencheck zu Dobrindts PKS-Framing).
Bei den Verurteilten selbst: 2024 verurteilten deutsche Gerichte rund 632.100 Personen. Ausländer sind darunter überrepräsentiert, aber in einer Größenordnung von einigen Faktoren, nicht zwanzigfach. "2000 Prozent" ist keine gerundete Zahl, sondern eine erfundene.
Verurteilung beweist keine höhere Kriminalität
Der eigentliche Denkfehler steckt in der Annahme, Verurteiltenzahlen seien "sauberer" als die Verdachtsstatistik. Sie sind es nicht, denn sie stehen am Ende derselben Kette und erben jede Verzerrung von vorher:
- Anzeigeverhalten: Was häufiger angezeigt wird (siehe oben), kann auch häufiger angeklagt und verurteilt werden. Der Verzerrungseffekt verschwindet nicht vor Gericht, er setzt sich fort.
- Ausländerrechtliche Delikte: Verstöße gegen das Aufenthalts-, Asyl- und Freizügigkeitsgesetz können fast nur von Nicht-Deutschen begangen werden. Sie blähen den Ausländeranteil künstlich auf. Rechnet man sie heraus, sinkt der Anteil deutlich.
- Besuchsverkehr: Ein erheblicher Teil ausländischer Tatverdächtiger lebt gar nicht in Deutschland. 2023 hatten rund 19,5 Prozent der ausländischen Tatverdächtigen ihren Wohnsitz im Ausland, bei weiteren 7,5 Prozent war er unbekannt (Mediendienst Integration). Sie zählen in keiner deutschen Bevölkerungszahl mit, treiben jede Quote aber nach oben.
- Demografie: Die ausländische Bevölkerung ist im Schnitt jünger und männlicher. Junge Männer haben in jeder Gesellschaft und Herkunft die höchsten Kriminalitätsraten, das ist ein Alters- und Geschlechtseffekt, kein Herkunftseffekt.
Dass sich der scheinbare Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität auflöst, sobald man diese Faktoren kontrolliert, zeigt die Längsschnittstudie des ifo Instituts: Sie findet keinen belastbaren Zusammenhang zwischen einem steigenden regionalen Ausländeranteil und der lokalen Kriminalitätsrate.
Einschätzung: Die "2000 Prozent" sind sachlich falsch. Und die Verurteiltenstatistik widerlegt unseren Punkt nicht, sie bestätigt ihn: Auch sie misst nicht reine Kriminalität, sondern das Ergebnis von Anzeige-, Kontroll- und Verfahrenspraxis.
Was die PKS überhaupt misst
Beide Aussagen drehen sich um eine Statistik, die etwas anderes zeigt, als oft behauptet wird. Die PKS ist eine Verdachtsstatistik und bildet nur das Hellfeld ab, also die der Polizei bekannt gewordenen Fälle. Sie sagt nichts darüber, ob sich ein Verdacht später bestätigt: 2024 wurden laut Statistischem Bundesamt rund 60 Prozent der Ermittlungsverfahren eingestellt, in sechs von zehn Fällen kommt es also gar nicht erst zu einem Prozess (CORRECTIV). Wer aus Tatverdächtigenzahlen direkt auf "Kriminalität" schließt, überspringt diesen ganzen Filter.
Fazit
Die beiden Aussagen ergänzen sich zu einem klassischen Muster: Erst wird ein belegter Befund (häufigere Anzeigen) als grundlos abgetan, dann wird mit einer dramatisch klingenden Zahl gekontert, die es nicht gibt.
- Dass migrantisch gelesene Menschen häufiger angezeigt werden, ist durch KFN-Studien belegt und damit keine Spekulation.
- "2000 Prozent häufiger verurteilt" ist falsch: Die reale Überrepräsentanz liegt im einstelligen Faktor, und Verurteiltenzahlen tragen dieselben Verzerrungen wie die Verdachtsstatistik.
In der Summe ist die geprüfte Behauptung deshalb irreführend: Sie enthält einen wahren Kern (Ausländer sind in der Statistik überrepräsentiert), zieht daraus aber mit einer erfundenen Zahl und einem methodischen Kurzschluss eine Schlussfolgerung, die die Daten nicht hergeben.
Wer tiefer einsteigen will: Die methodischen Grundlagen stehen ausführlich in unseren Faktenchecks Kriminalität bei Ausländern und Deutschen und Dobrindts PKS-Framing. Zur Einordnung der Belastungszahl hilft unser Glossareintrag zur Tatverdächtigenbelastungszahl.